Streit der Ökonomen Deutschland allein zu Haus

In keinem nicht nordkoreanischen Land der Welt wehrt sich das Ökonomie- Establishment so bitterlich dagegen, alte Dogmen abzulegen wie in Deutschland. Eine Schrulligkeit, die teuer zu enden droht.

Baustelle in Hamburg (Archivbild)
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Baustelle in Hamburg (Archivbild)


Es gab eine Zeit, da schien die Welt einfach. Da galt, dass Märkte alles regeln, am besten alles privatisiert, Leistungsträger entlastet und Finanzanlagen möglichst gar nicht besteuert werden, Beschäftigte dafür flexibler sein müssen, und die Globalisierung höchstens ein paar Verlierer schafft. Losung: Auf Dauer werde der Wohlstand von oben nach unten sickern.

Verlockend. Nur kam dann erst der große Finanzcrash just an dem freiesten aller Märkte - später der Brexit-Entscheid, Trump und andere Beben. Seither ringen rund um den Globus einstmals marktgläubige Denker damit, dass Märkte wohl doch nicht alles regeln, zu viel Freiheit bei den Falschen manchmal Jahrhundertkrisen auslöst, der Reichtum sich doch nicht so märchenhaft verbreitet und der Druck freien Handels gelegentlich auch zu Verwüstungen führt.

Seither hat selbst bei ehemals Orthodoxen wie beim Internationalen Währungsfonds (IWF) ein Umdenken eingesetzt. Und überall wird nach neuen Losungen gesucht. Überall? Na ja, fast. Außer, klar, in Nordkorea. Und bei uns. Kein Scherz. In kaum einem anderen Land poltert das Establishment der Ökonomie so eifrig gegen alles, was die alte Lehre infrage stellt - und gegen jeden, der das wagt. Mit zunehmend bizarren und für uns gefährlichen Auswüchsen.

  • Das Auseinanderdriften von Einkommen? In Deutschland alles halb so wild, befinden unsere Wirtschaftsweisen. Gegen viel Evidenz. Während andere das Phänomen bis in Details auszuleuchten versuchen, um herauszubekommen, was dagegen hilft.
  • Dass Globalisierung zu viele Verlierer schafft? Papperlapapp, tönt es aus den Hans-Werner-Sinn-Leistungszentren. Der Saldo ist positiv. Abweichende Einzelfälle: Pech.
  • Mehr Geld für öffentliche Einrichtungen, Schulen, Unis, Straßen, Schienen, Klimaschutz? Fehldiagnose - so die Sachverständigen. Und wenn schon, soll's der Markt machen. Und wenn der Markt es nicht macht, ist, klar, der Staat schuld. Steht so in der Bibel, äh, im Lehrbuch. Seit mehr als 30 Jahren. Wer anderes denkt, mit dem muss irgendwas nicht stimmen - der ist, ach, fehlgelenkt. Seit Kurzem ein Massenphänomen.

Als vergangene Woche die früher so orthodoxe Industrieländerorganisation OECD Studien vorlegte, welche Vor- und Nachteile die Globalisierung gebracht hat - und dass die Nachteile dringend anzugehen sind, und sei es über stärker progressive Steuern (was in Amerika selbst konservative Ökonomen seit Jahren fordern), trommelte eine einschlägige Tageszeitung aus Frankfurt alles zusammen, was die deutsche Orthodoxie an Widerstand bietet. Um zu befinden, dass die OECD da wohl "nach links rückt". Und dass das ja alles irgendwie nicht seriös sei, die Chefökonomin ja irgendwie keynesianisch sei, was in Deutschland etwa so schlimm ist wie Heidi-"Du bist leider raus"-Klum-Fan zu sein.

Alle gegen Deutschland - eine weltweite Verschwörerliste

Den Manie-Preis verdient dabei eindeutig Lars Feld aus dem Sachverständigenrat, der schon seit Monaten "den Eindruck" äußert, "dass die OECD sich mit dem Internationalen Währungsfonds, der EU-Kommission, mit Italien, Frankreich und SPD abgesprochen hat, um Deutschland zu mehr Verschuldung zu drängen." Im Ernst, Herr Feld?

Auf die Verschwörerliste gehören natürlich auch die Amis, die Briten, die "Financial Times", die Weltbank, der "Economist", die Bank of England, bei manchen Fragen 90 Prozent der Euro-Zentralbanker, mindestens ein halbes Dutzend Nobelpreisträger, selbst konservative Ökonomen wie Kenneth Rogoff oder Charles Wyplosz ("was Schäuble macht, ist kriminell"), die Spanier, die Grünen, die Österreicher, die Griechen, sogar Chefs deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute sowie - Umfragen zufolge - ein Großteil jener Ökonomen, die bei uns jenseits der heiligen Orthodoxie von Sachverständigen, Bundesbank und Ifo-Institut wirken. Also eigentlich die ganze Welt. Gegen uns. So ähnlich muss sich Kim Jong Un fühlen, wenn er abends im Bett liegt. Nur dass er für das Befinden mehr objektive Gründe hat.

Nur um das klarzustellen: Wir wollen nicht ausschließen, dass das Establishment deutscher Ökonomie einfach schlauer ist als das Gros aller anderen praktizierenden Experten auf der Ökonomen-Erde. Der Erkenntnisfortschritt ist keine Demokratieveranstaltung. Ist nur halt nicht super wahrscheinlich. Zumal wenn die Argumente so wackeln, und auch die These, dass die Welt gegen uns ist, nicht so richtig pathologiefrei begründbar ist. In den meisten Versuchen, die Globalisierung neu zu definieren, geht es gar nicht im Kern um Deutschland.

Das Gefährliche ist: Der Spott über schrullig-sture Gelehrte schlägt international allmählich in Fatalismus um. Etwas sei in Deutschland anders, unkt Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Mittlerweile schlagen selbst etablierte Vertreter der Zunft hierzulande Alarm. Außerhalb von Deutschland stelle er "mit Erschrecken fest, wie sehr die Diskurse sich auseinander entwickelt haben",schrieb kürzlich Martin Hellwig, eine Instanz der deutschen Ökonomie. Sprich: wie allein deutsche Ökonomen dastehen. Und wie wenig überzeugend.

Wenn Finanzminister Wolfgang Schäuble versuche, die Kritik an Handelsüberschüssen zu kontern, würden "zentrale Aspekte" der Kritik einfach übergangen. Nichts womit man international anerkannte Spezialisten auch nur ansatzweise überzeugt. Im Gegenteil. Das ist eher peinlich. Oder es heißt, dass irgendein Vorschlag eben irgendwie links ist - das geht natürlich gar nicht.

Der nächste Abschwung könnte gefährlich werden

Dabei steckt in der Natur der Sache, dass so manche marktwirtschaftlichen Auswüchse in der Finanzwelt, bei Vermögen oder beim globalen Handel nicht folgerichtig zwingend durch noch mehr marktwirtschaftliche Zugaben zu lösen sind. Und da ist natürlich auch die deutsche Regierung gefragt, aktiv zu werden.

All das droht auf kurz oder lang zurückzuschlagen. Nicht nur, wie Hellwig warnt, weil schon der Verdacht für uns gefährlich ist, dass wir mit dem Durchdrücken solcher Orthodoxie ein "Greater Germany" schaffen. So etwas stützt all jene, die Deutschland gerade sehr viel plumper zum Sündenbock machen.

Spätestens im nächsten wirtschaftlichen Abschwung droht sich zu rächen, dass wir uns in den scheinbar guten Zeiten so wenig mit jenem Entgleiten des alten Dogmas beschäftigt haben - und wir vor lauter manischem Zetern gegen neue Ideen ziemlich schlecht vorbereitet sind, wenn:

  • die nächste Finanzkrise kommt, und unsere Währung wieder wackelt, weil wir bloß kein gemeinsames Euro-Budget und keine geteilte Verantwortung wollten;
  • das falsche Sparen an Infrastruktur, Polizei, Unis und Schulen unsere Wettbewerbsfähigkeit kippen lässt;
  • der viel zu langsame Abbau hiesiger Handelsüberschüsse zum Vorwand für Populisten wird, Grenzen zuzumachen oder Strafzölle gegen unsere Exporteure zu erheben;
  • Vermögen und Einkommen noch dramatischer auseinanderdriften, was auf Dauer keine Gesellschaft aushält und auch wirtschaftlich schadet;
  • die Zahl derer stark wächst, die durch Globalisierung und Digitalisierung abgehängt werden, was für neue politische Verwerfungen wie 2016 schon in den USA und Großbritannien zu sorgen droht.

Dann könnten jene im Vorteil sein, die viel früher angefangen haben, jenen Teil der alten Dogmen zu überwinden, der nicht mehr in die Zeit passt - und von der Wirklichkeit widerlegt wurde.

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insgesamt 264 Beiträge
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m_net 16.06.2017
1. Völlig richtig, hilft aber nichts
Sie haben völlig Recht - aber deutsche Neoliberale werden das selbstverständlich leugnen. Wäre schließlich schlimm, wenn Reiche nicht mehr alles bestimmen dürften... Denn darum geht es doch vor allem: Zu verhindern, dass die Schere zwischen Reich und Arm weniger stark auseinandergeht, das will dasjenige Prozent der Bevölkerung, die davon vor allem profitieren, nicht.
prjctdth 16.06.2017
2. Leider wahr
und leider werden wohl Angela und Wolfgang im Herbst erneut gewählt, dann wahrscheinlich mit einer wiedererstarkten FDP. In Deutschland wird sich also nichts ändern, höchstens schlimmer werden. Und der Grund für all das? Zur Bedeutungslosigkeit verblasste Grüne und Linke und an ihren eigenen Lügen zugrunde gegangene Sozialdemokraten. Man wählt ja das kleinere Übel bzw. diejenigen denen man am wenigsten zutraut etwas kaputt zu machen: Merkel und Co.
shooop 16.06.2017
3. Gute Kolummne! VWL ist wichtig-aber kaum einer hat Ahnung!
Das Problem mit der Volkswirtschaft ist, dass sie eine Wissenschaft ist. Ich zum Beispiel verstehe Biologen, Ökologen, Politikwissenschaftler, Psychologen und Geisteswissenschaftler, weil mich diese Themen schon mein ganzes Leben beschäftigen. Wenn ein Volkswirtschaftswissenschaftler irgendeine Aussage tätigt, dann kann ich das überhaupt nicht bewerten, weil mir dazu jegliches Hintergrundwissen fehlt. Ich denke das geht vielen Menschen so und das Fach Volkswirtschaft sollte bereits an Schulen einführend gelehrt werden. Das Thema ist einfach zu wichtig!
helmut_s 16.06.2017
4.
Meine Vermutung ist: das hat weniger mit Ideologisierung einer bestimmten Position zu tun, als mit einer inzwischen geradezu panischen Angst der Deutschen vor jeder Änderung, gepaart mit dem Hang zur Selbstgefälligkeit. Im Endeffekt ist die einzige Ideologie, die im Deutschland der Nachkriegszeit fanatisch verteidigt wird, die des Konservativismus im Wortsinne, der jeden Status Quo sofort einfriert für die Ewigkeit. Als Ganzes verhält sich das Land einfach wie ein seeeehr träges System.
willibaldus 16.06.2017
5.
Das Meiste davon könnte ich unterschreiben. Das deutsche Ökonomen Milieu kenne ich nicht so gut. Schäuble will zurück auf 60% Staatsschulden, bevor die Staatsausgaben steigen sollen. Das ist ein sinnvolles Ziel. Man kann aber schon langsam anfangen, mit Ausgabensteigerung. Ach, ist nicht der Bausektor voll ausgelastet? Auftragsstau und alle Facharbeiter in Arbeit? Man kann Aufträge auch an Firmen aus Italien oder Griechenland vergeben. Bedarf ist genug. Über einheitliche Datenverarbeitung, Behörden und Bundesländerübergreifend sowie einheitliche Ausstattung mit hardware wird ja schon nachgedacht. Hätte nie gedacht, dass da so ein Chaos herrscht. Wie lange dauert das eigentlich, bis Gedanken zu Handlung materialisieren? GEschenke? Muss nicht sein. Ist nach der Wahl auch irgendwie glaubhafter. Mehrwertsteuer? muss mit den Nachbarn abgestimmt werden. Sonst beschweren die sich über dumping und Grenztourismus zum Einkaufen bei uns. Militärausgaben? Wir haben zugesagt, vor Jahren schon. pacta sunt servanda.
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