Deutschlands erste Gerüchteklinik Strippenzieher unter dem Seziermesser

Wirtschaftsgerüchte entmachten Bosse, lösen Kursrutsche an der Börse aus. Seit heute betreibt eine PR-Akademie eine "Klinik", die üble Fama angeblich analysieren und therapieren will. Einer ihrer Gesellschafter ist ausgerechnet Klaus Kocks - einer der berühmtesten Strippenzieher Deutschlands.

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"Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir / Heiter und mit Achtung den / Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!"

Das Gedicht, das mit diesen Worten beginnt, trägt den Titel: "Lob des Zweifelns". Verfasser ist Bertolt Brecht. Ein Mann betreibt seit heute ein Forschungsprojekt, ganz im Sinne des Dichters. Er will "umlaufende Wirtschaftsgerüchte analysieren und bekämpfen". Das Projekt trägt den Titel "Gerüchteklinik" - PR-technisch ein astreiner Name.

Der Mann heißt Klaus Merten, ist Gründer der PR-Akademie Com+ und dem Deutschen Rat für Public Relations (DRPR) schon länger ein Dorn im Auge. Anfang Juli sagte Merten, wer Public Relations betreibe, habe "eine Lizenz zum Täuschen". Der DRPR, dessen Richtlinien solche PR-Lügen ausdrücklich verbieten, will im Oktober darüber beraten, ob er Merten für diese Formulierung öffentlich rügt.

Nun will Merten an seiner Akademie nicht nur "Lizenzen zum Täuschen" ausstellen, er will Täuschungen obendrein analysieren. Rund 300 Gerüchte habe er bislang untersucht, sagt er SPIEGEL ONLINE. Die Spannbreite seiner Studienobjekte reicht vom Rücktrittsgemunkel um Arcandor-Chef Thomas Middelhoff bis zu den Verleumdungen einer US-Sekte, die im alten Logo der Firma Procter & Gamble den leibhaftigen Satan sah (siehe Fotostrecke).

Die Fallbeispiele hat Merten qualitativ ausgewertet - und hat daraus eine Theorie entwickelt. In einem etwa 40-seitigen Aufsatz beschreibt er, wie Gerüchte entstehen, wie sie sich verbreiten und warum sie, einmal in die Welt gesetzt, kaum wieder auszurotten sind (Zusammenfassung: siehe Info-Kasten). "In der Klinik geht es nun darum, Strategien zu entwickeln, wie man Gerüchten am besten begegnet", sagt Merten.

Abgesehen davon, dass die "Gerüchteklinik" ein geschickter PR-Schachzug ist, mit dem Merten Aufmerksamkeit auf seine Akademie lenkt, könnte das Projekt auch einen gesellschaftlichen Nutzen haben. Es erscheint durchaus sinnvoll, die Strategien von Deutschlands Strippenziehern einmal zu analysieren und dadurch - ein Stück weit - transparent zu machen. In den USA gab es bereits nach dem Zweiten Weltkrieg eine ähnliche Einrichtung. Damals nahm der Bostoner "Herald Traveler" in einer wöchentlichen Kolumne vor allem Kriegspropaganda auseinander.

Haben Börsengerüchte die Kreditkrise mit ausgelöst?

Auch heute zeigt sich vor allem in den USA, welche Macht Gerüchte entfalten können. Seit kurzem ermittelt sogar das FBI, inwieweit gezielt gestreute Desinformation ihren Anteil an der internationalen Kreditkrise haben. Zu den Verdächtigten zählen dabei längst nicht nur zwielichtige Hedgefonds.

Nach Angaben des Wirtschaftsdienstes Bloomberg haben unter anderem auch Goldman Sachs, Merrill Lynch und die US-Dependance der Deutschen Bank Strafandrohungen erhalten. Es werde geprüft, ob und was sie mit beharrlichen, negativen Kursgerüchten zu tun hätten, die ihren Rivalen Lehman Brothers und Bear Stearns das Leben verdorben hätten. Unbekannte hatten in Finanzkreisen gestreut, dass beide Institute durch die Finanzkrise so hohe Abschreibungen hinnehmen müssten, dass ihnen das Aus drohe. Die drei Institute nahmen zu den Vorwürfen keine Stellung.

Seitdem diese Gerüchte in der Welt sind, hat Lehmans Aktienkurs rund 70 Prozent seines Wertes eingebüßt. Bear Stearns ist im März sogar ganz zusammengebrochen. Insider vermuten, dass das Traditionshaus anfangs keineswegs vor dem Aus stand, sich dann aber das Gerücht zum tödlichen Selbstläufer entwickelte. Manche sprachen vom größten Skandal in der Finanzgeschichte.

Tatsächlich sind Börsengerüchte besonders wirksam. Die Unternehmen haben einen hohen Informationsvorsprung vor den Anlegern. Die aber haben ihr Geld - und damit ihre Existenz - in Aktien des Unternehmens investiert. Jedes noch so abwegige Gerücht kann in diesem aufgeladenen Umfeld schnell einen Kursrutsch auslösen.

Lob des Strippenziehers

Auch Bosse können Gerüchte schnell in Bedrängnis bringen. Am 23. August 2008 meldete unter anderem die "Berliner Zeitung", Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wolle den Konzern früher als geplant verlassen. Daraufhin stieg der Aktienkurs des Unternehmens um drei Prozent. Middelhoff ließ die Meldung dementieren, der Kurs blieb trotzdem im Plus. Unabhängig davon, ob das Gerücht wahr ist oder nicht, "es wirkt trotz Dementi wie ein Testballon dafür, wie beliebt der Arcandor-Chef unter seinen Anlegern ist", sagt Merten.

Gerüchte-Tüftler Merten: "Fiktion kann Fakten ersetzen"

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Neue Medien wie Blogs, Podcasts oder Foren im Internet begünstigen die Verbreitung solcher Gerüchte noch zusätzlich. "Vieles spielt sich hier im Bereich des Anonymen und Nichtgeprüften ab", sagt Claudia Mast, Kommunikations- und Gerüchteforscherin an der Universität Hohenheim. Gerüchte würden sich in diesem Umfeld rasend schnell entwickeln, "ohne dass Akteure sie wahrnehmen, korrigieren oder dementieren können".

Gegen ihre Verbreitung will Merten nun Abwehrstrategien entwickeln. Unterstützung bekommt er dabei ausgerechnet von einem PR-Strategen, der selbst im Hintergrund die Strippen zieht. Der ist Gesellschafter von Mertens Akademie und hält dort heute ein Seminar - natürlich zum Thema Gerüchte.

Der Mann heißt Klaus Kocks, war unter anderem Kommunikationsvorstand bei Volkswagen und ist heute einer der bekanntesten Meinungsmacher der Republik. Im Gegensatz zu seinen Kollegen sagt Kocks geradeheraus, was er ist: ein Spin Doctor. "Ich stehe zu dem, was ich mache", sagte er in einem Interview mit der "Zeit".

Was ein Spin Doctor macht

Die Tätigkeit eines Spin Doctors hat das "Manager Magazin" einmal so beschrieben: "Sie versorgen Journalisten mit Hintergrundinformationen - Positives über Klienten, Negatives über die Konkurrenz. Oft streuen sie Gerüchte, manchmal liefern sie verwertbare Unterlagen. Hin und wieder gibt es auch einen konkreten Hinweis, welcher Vorstandsvorsitzende demnächst fliegt und wer ihm nachfolgt."

Kocks sagt, sein Lieblingsgedicht von Brecht sei "Lob des Zweifelns". Die Erforschung von Gerüchten hält er für eine gute Idee. "Gerüchte sind gefährlich, weil sie Beweisen nicht zugänglich sind", sagt er SPIEGEL ONLINE. Gleichzeitig könne jeder sie streuen. "Man muss dazu kein Magengeschwür haben oder unter einer Dorfeiche sitzen." Kocks hält es für wichtig, dass PR-Studenten "diese Wahrheit radikal vermittelt wird". Und er sagt, er habe wenig Verständnis dafür, dass "ausgerechnet der Deutsche Rat für Public Relations diese Realität seit langem leugnet".

Brecht hätte ihn wahrscheinlich verstanden. Sein Gedicht endet nämlich so:

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt / So lobt nicht / Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist! / Was hilft zweifeln können dem / Der sich nicht entschließen kann! / Falsch mag handeln / Der sich mit zu wenig Gründen begnügt / Aber untätig bleibt in der Gefahr / Der zu viele braucht.



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