Deutschlands Öl-Abhängigkeit "Wir brauchen dringend ein Energieministerium"

Angela Merkels Atom-Vorstoß ist Irrsinn, sagt Holger Krawinkel, Energieexperte der Verbraucherzentralen. Die Politik habe Deutschlands Abhängigkeit vom Ausland zu lange vernachlässigt - die Energiewende sei überfällig.


SPIEGEL ONLINE: Russland klemmt Deutschland die Ölleitung ab, Politiker warnen vor russischer Energie-Gefangenschaft - und Kanzlerin Merkel fordert ein Zurück zur Atomenergie. In welche Richtung geht die Energiepolitik?

Rohre in der Raffinerie in Leuna: "Da macht die Kanzlerin ihre Hausaufgaben nicht - tritt aber ohne Not eine Debatte los. Das ist politisch wenig ambitioniert."
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Rohre in der Raffinerie in Leuna: "Da macht die Kanzlerin ihre Hausaufgaben nicht - tritt aber ohne Not eine Debatte los. Das ist politisch wenig ambitioniert."

Krawinkel: Die Atomdebatte ärgert mich sehr. Wir haben hier Probleme bei der Versorgung mit Gas und Öl. Beides wird vor allem zum Heizen und im Verkehr eingesetzt - was mit Atomenergie wenig zu tun hat. Wie oft muss man noch sagen, dass man weder Autos mit Atomstrom antreiben noch Wohnungen damit heizen kann?

SPIEGEL ONLINE: Merkel will vermutlich einfach darauf aufmerksam machen, dass Deutschland zu sehr von ausländischen Energielieferanten abhängig ist.

Krawinkel: Um Energie-Abhängigkeit zu reduzieren, muss die Politik dort ansetzen, wo zu viel verbraucht wird. Wir können heute problemlos Häuser bauen, die ohne aktives Heizsystem auskommen. Ihr Energiebedarf liegt bei einem Zehntel des derzeitigen Durchschnittsverbrauchs. Und wir können natürlich Autos mit erheblich geringerem Spritverbrauch bauen. Derzeit sinkt der Ölpreis: wegen des milden Winters, trotz des Pipeline-Streits. Das zeigt, dass man durch niedrigeren Verbrauch sehr wohl Einfluss auf die Energiepreise nehmen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ganz konkret...

Krawinkel: ...kann man im Grunde nur zwei Dinge tun: erstens auf erneuerbare Energie setzen, also auf Solar- und Windenenergie, Biomasse, Geothermie - und zweitens den Verbrauch reduzieren. Für beides benötigen wir technischen Fortschritt. In den siebziger Jahren hat uns die Ölpreiskrise überrascht. Man beging den fatalen Fehler, die Atomenergie stark auszubauen und die Erdgasnutzung so hochzufahren, dass inzwischen 50 Prozent aller Häuser damit versorgt werden. So schuf die Politik erst die Abhängigkeit, unter der wir heute leiden. Jetzt kann nur eine Energie-Sanierung dieser Gebäude helfen - aber zum Glück sind wir technisch viel weiter als damals.

SPIEGEL ONLINE: Ist Deutschland für eine neue Energiepolitik richtig aufgestellt?

Krawinkel: Energiepolitik hat inzwischen eine Bedeutung wie die Gesundheitspolitik - aber wir haben das Thema auf drei Bundesministerien verteilt. Deutschland braucht dringend eine einheitliche Energiepolitik und deshalb ein Energieministerium - das daran arbeitet, die Abhängigkeiten zu vermindern. Die jetzige Atomdebatte wird nur geführt, weil Energieeffizienz und erneuerbare Energien nicht mit dem Nachdruck verfolgt werden. Dabei hat die EU das sogar vorgegeben. Da macht die Kanzlerin ihre Hausaufgaben nicht - tritt aber ohne Not eine Debatte los. Das ist politisch wenig ambitioniert.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie durch die Pipeline-Blockade Folgen für den Ölpreis?

Krawinkel: Der Ölpreis wird am Weltmarkt gebildet. Der Lieferstopp durch die Pipeline "Druschba" ist ein Einzelereignis, das nicht viel ausmacht. Wenn Lieferungen über längere Zeit ausbleiben, kann ich mir nervösere Reaktionen vorstellen. Zurzeit ist aber der Bedarf an Öl aber relativ niedrig.

SPIEGEL ONLINE: Mancher fürchtet, die Ölkonzerne könnten die Lage nutzen, um satte Preisaufschläge zu rechtfertigen.

Krawinkel: Außergewöhnliche Ereignisse wie die Pipeline-Blockade führen auf dem Ölmarkt immer zu Spekulationen auf höhere Preise. Auch 2005 nach dem Hurrikan "Katrina" haben Spekulanten den Preis nach oben getrieben - danach ist die Blase geplatzt. Ich denke: Wenn es jetzt noch einen starken Wintereinbruch gibt, ist ein Anstieg des Ölpreises denkbar.

Das Interview führte Hasnain Kazim.



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