Die Junior-Rockefellers Dotcom-Millionäre auf Sinnsuche

Der Internet-Boom hat in den USA zahllose junge Millionäre hervorgebracht. Nach dem Vorbild der Rockefellers und Carnegies wollen sie nun der Gesellschaft etwas zurückgeben. Doch Freigiebigkeit will gelernt sein.

Von , Palo Alto


Palo Alto - Amy Santullos Alltag ist der einer ganz normalen kalifornischen Mutter. Auf den ersten Blick jedenfalls: Frühmorgens Yoga, dann die Kinder in Kindergarten und Vorschule bringen, Lunch mit Freundinnen, einkaufen, Kinder abholen, Hausarbeit. "Hier ist immer was los", ächzt Santullo, während sie versucht, die fünfjährige Tochter Abby und den vierjährigen Sohn Michael zu bändigen, die kreischend durchs Haus rennen.

Doch wenn die schlanke 36-jährige Frau ihren Tagesablauf herunterrasselt, finden sich plötzlich auch diese Termine: "Fonds-Meeting, Treffen mit Spendenempfängern, Sitzung der karitativen Fördergruppe, abends zu Hause Seminar für befreundete Millionärspärchen. Dip besorgen."

Santullo und ihr Mann Mike, 45, sind Dotcom-Multimillionäre. 1997 verkauften sie Mikes erstes Startup - das Web-Verzeichnis Four11 mit dem E-Mail-Dienst Rocketmail - für 94 Millionen Dollar an Yahoo. Heute wohnen sie in einer Prachtvilla im Tudor-Stil in der teuersten Ecke von Palo Alto, mitten im Silicon Valley, in einer stillen Straße unter Eichen, Pinien und knorrigen Sequoias.

Doch die Santullos wollen zurückgeben. Einen festen Bestandteil ihres Vermögens investieren sie deshalb in wohltätige Zwecke: Umwelt- und Klimaschutz, Schulen, Jugendprogramme, ein Projekt zur Resozialisierung straffälliger Mädchen.

Die Santullos sind Vertreter einer neuen Generation von Philanthropen, die das Silicon Valley mit seinem Instant-Reichtum produziert. Umweltbewusst, politisch engagiert und sozial sensibilisiert, nutzen sie ihr so jung verdientes Geld, um "in der Welt etwas zu bewegen", wie es Amy sagt. "Wir haben so viel Glück gehabt. Das zu teilen gibt uns ein sagenhaftes Gefühl."

An der US-Ostküste ist solche Wohltätigkeit Tradition: Hier gingen die alten Industrie-Clans der Rockefellers, Fords und Carnegies mit gutem Beispiel voran. An der Westküste sind Microsoft-Chef Bill Gates und die Erben von HP-Mitgründer William Hewlett die bekanntesten Wohltäter.

Doch nun entdecken dort immer mehr junge Dotcom-Millionäre ihre karitative Ader. Nach Angaben des Foundation Centers, einer Dachgruppe für wohltätige Stiftungen, wuchs deren Zahl in Kalifornien von 1999 bis 2004 weit schneller als im Rest der USA - um fast die Hälfte auf 6242. Im Bezirk Santa Clara, dem Herz des Silicon Valleys, schoss die Zahl sogar um 148 Prozent auf 292 in die Höhe. Ihre Hauptanliegen: Gesundheit und Bildung, Natur und Umwelt, Forschung und Technologie. Kultur rangiert weiter hinten.

Kaliforniens Tech-Branche, sagt der Experte James Ferris von der University of Southern California, "wird als philanthropisches Zentrum immer bedeutender". Weil dort wie nirgends das schnelle Geld zu machen ist: "Erstmals in der Geschichte können Individuen großen Wohlstand erreichen, bevor sie 30 sind", erklärt Laura Arrillaga, die Gründerin der Sozialstiftung Silicon Valley Social Ventures (SV2). "Reichtum wird im Silicon Valley viel schneller generiert als in traditionellen ökonomischen Strukturen, wo es 65 Jahre dauert, bis man genug Vermögen hat, um es an die Gesellschaft zurückgeben zu können."

Hilfsorganisation für Erst-Spender

Noch etwas unterscheidet die Junior-Rockefellers: Sie investieren nicht nur Geld, sondern oft auch Zeit. Viele engagieren sich persönlich für die Zwecke, für die sie spenden - und machen die Organisationen dadurch so effektiv wie selten zuvor. "Dies sind kreative Menschen, die ganze Industrien revolutioniert haben, kein Wunder, dass sie auch die Philanthropie revolutionieren", sagt Arrillaga. "Die Zeit, in der man einfach nur einen Scheck an die Krebshilfe schickt, ist vorbei", ergänzt Peter Hero, Ex-Präsident der Community Foundation Silicon Valley (CFSV), heute mit über 1,5 Milliarden Dollar die viertgrößte US-Stiftung. "Die jungen Reichen haben eine Investment-Mentalität, sie fragen sich: Wie erwirtschafte ich die größte Rendite?"

Dabei will die Freizügigkeit gelernt sein: "Brandneuer Reichtum kann überwältigend sein", sagt CFSV-Vizepräsidentin Ash McNeely. Amy Santullo zum Beispiel war 26, ihr Mann Mike 35, als sie zu Millionären wurden. Das Geld kam im Oktober, was ihnen nur zwei Monate Zeit ließ, bis zum Jahresende steuerlich absetzbare Optionen zu finden. "Wir waren so naiv, wir hatten keine Ahnung, was wir damit machen sollten", erinnert sich Santullo. Alte Freunde baten plötzlich um Darlehen. Gruppen, von denen sie noch nie etwas gehört hatten, dienten sich ihnen als spendenwürdig an.

Dann stießen sie auf den SV2-Fonds. Arrillaga, Ehefrau des Netscape-Pioniers Marc Andreessen, hatte den gegründet, auch um aus dem Schatten ihres Vaters zu treten, des Milliardärs und Philanthropen John Arrillaga. Sie merkte, dass ihre jungen, reichen Freunde ihr Geld wohltätig anlegen wollten, doch nicht wussten, wie. Also schuf sie eine "Hilfsorganisation für Jung-Spender". Denen vermittelte SV2 nicht nur Kontakte, sondern arbeitet nach den gleichen Prinzipien wie die Risiko-Spekulanten, die den Dotcom-Boom anheizen. Der Fonds investiert in ein soziales "Startup", schickt Spender und "Partner" in dessen Aufsichtsrat, überwacht dessen "Performance". Auch bietet SV2 Seminare für Erst-Spender an: Wie prüft man Offerten, wie stark sollte man sich einschalten, gibt man alles an einen oder teilt es auf? "Wir mussten so viel lernen", sagt Amy Santullo.

Unter den SV2-"Partnern" befinden sich außer den Santullos und Andreessen auch der frühere eBay-Präsident Jeff Skoll, 42, Dotcom-Erfinder Steve Kirsch, 45, und Yahoo-Mitbegründer Jerry Yang, 38. Im Februar sprach Yang seiner Alma Mater, der Stanford University in Palo Alto, eine 75-Millionen-Dollar-Spende zu.

Kein Geld für fade Wahlversprechen

Kirsch, der die optische Maus und das Suchportal Infoseek erfand, machte 1999 der Verkauf von Infoseek an den Disney-Konzern reich. Seitdem widmet er sich wohltätigen Zwecken. Sein Privatfonds hat seit seiner Gründung über 23,5 Millionen Dollar gespendet. Die Öko-Gruppe Santa Clara League of Conservation Voters" kürte ihn zum "Umweltschützer des Jahres 2006/7".

"Wir wollen unser Kapital so verteilen, dass es etwas bewirkt", sagt Kirsch. Er sitzt in Jeans und Polohemd in seinem Büro in San José, die Füße auf den Schreibtisch gelegt, und zählt seine Spendenzwecke auf: Klimaschutz, nukleare Abrüstung, linksliberale Politik. An Politiker stellt er allerdings strikte Maßgaben: "Wer meine Wahlkampfspenden will, muss mir statt fader Wahlversprechen drei langfristige, wichtige Ziele aufzeigen."

Mit der Geberlaune seiner jüngeren Kollegen ist Kirsch freilich kaum zufrieden. Auch heute noch, sagt er, gebe es noch zu wenig spendable Dotcom-Millionäre: Viele wollten lieber "noch etwas länger auf ihren kostbaren Google-Aktien sitzen".

Nicht Amy und Mike Santullo. Sie entschlossen sich schließlich, ihr Geld in mehrere Initiativen zu stecken. Darunter eine High School für gefährdete Schüler in San José, die Silicon-Valley-Umweltorganisationen Acterra und E2 sowie der Natural Resources Defense Council, der sich landesweit für Klimaschutz engagiert. In den meisten Gruppen haben sie außerdem selbst aktive Führungsrollen übernommen.

"Es gibt kein besseres Gefühl", sagt Amy Santullo. Sie blickt in ihren Garten, der einen Pool, einen Kinderspielplatz und einen offenen Holzkamin hat. Abby und Michael toben herum in diesem Paradies. Auch sie sollen Großzügigkeit und den richtigen Umgang mit dem Reichtum von klein auf lernen. "Ich will sie bei allem Reichtum nicht verwöhnen", sagt sie. "Auch sie sollen mal finanzielle Verantwortung lernen. Damit kann man doch nicht früh genug anfangen."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.