Die reichsten Deutschen Der asketische Revolutionär

Die Erfolgsgeschichte des Medienkonzerns Bertelsmann ist vor allem das Ergebnis des Lebenswerks von Nachkriegsgründer Reinhard Mohn. Der heute 80-Jährige vollbrachte eine atemraubende Lebensleistung, die den knorrigen Westfalen zu einem der mächtigsten und reichsten Männer Deutschlands machte.

Von Jean-Marc Göttert


Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn
DPA

Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn

Von seinem Schreibtisch in einem schlichten Büro der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh blickt Reinhard Mohn auf einen Teich mit weißen Schwänen. Es ist seine einzige Ablenkung, denn statt sich wie andere auf ein beschauliches Rentnerdasein zu freuen, arbeitet der 80-jährige Firmenpatriarch fleißig wie am ersten Tag. Hohe Denkerstirn, die feinen, grauen Haare sorgsam nach hinten gekämmt, ein wacher und aufgeschlossener Blick - so sieht ein Medienmogul aus, geschätztes Vermögen: 16 Milliarden Mark.

Bevor sich Reinhard Mohn an den Schreibtisch setzt, hängt er sein Jackett ordentlich auf einen Bügel - der Chef arbeitet gerne in Hemdsärmeln. Sein Tisch ist immer aufgeräumt, oft steht neben einer einzigen Akte nur eine große Kaffeetasse, aus der er ab und zu einen Schluck nimmt. Seine knatternde, etwas brüchige Stimme ist unverwechselbar. "Ich brauche in meinem Büro Ordnung und Stille, um nachdenken und arbeiten zu können", sagt er. Unverkennbar ist der ordnungsliebende und pünktlichkeitsversessene Mohn ein Produkt seiner Erziehung und Herkunft. Im Hause Mohn herrschten strenge Sitten: "Man aß seinen Teller leer, man redete nicht bei Tisch, man kam nicht zu spät, die Zeugnisse mussten gut sein", erinnert sich Mohn. Es wurde nicht geraucht, kein Wein getrunken, vom Reichtum und Wohlstand war nichts zu spüren - ein bescheidenes Leben.

Vom Gesangbuchverlag zum Medienkonzern

Die Lebensleistung von Reinhard Mohn und der Aufstieg des Verlages Carl Bertelsmann beginnt in den Trümmern der ersten Nachkriegsjahre. Es ist der Wunsch des Vaters, dass der Luftwaffenleutnant im Afrikakorps, gerade aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, die Geschäftsleitung 1947 im Alter von 26 Jahren übernimmt. Vier Jahrzehnte braucht Mohn, um das einst mittelständische Druck- und Verlagshaus in die Spitzengruppe der internationalen Medienunternehmen zu bringen. Unter seiner Führung wird aus dem Familienunternehmen, das Carl Bertelsmann 1835 als christlichen Verlag für Gesangbücher und pädagogische Schriften gründete, einer der größten und vielseitigsten Medienkonzerne der Welt mit circa 82.000 Mitarbeitern in 56 Ländern und einem Umsatz von über 40 Milliarden Mark.

Er organisierte den Erfolg nach einem einfachen Rezept: Es gibt keine Dogmen, alles wird hinterfragt und geprüft. Und: Profit, Gewinn und Umsatz sind zwar wichtig, doch nicht das Ziel seines unternehmerischen Handelns. Es geht ihm um den Beitrag zur Gemeinschaft, des Einzelnen und des Unternehmens insgesamt. Sein Geheimrezept: Der motivierte Mitarbeiter, der sich an seinem Arbeitsplatz im vorgegebenen Rahmen frei entwickeln kann, ist zufriedener - und leistet damit mehr. Es ist die alte Frage: Wie bringt man Menschen dazu, ihre ganze Kraft in den Dienst eines Unternehmens zu stellen? Seine schlichte Losung: Gib den Mitarbeitern ein klar definiertes Ziel und ansonsten den Freiraum, so zu arbeiten, als arbeiteten sie für sich selbst. Mit solchen Prinzipien handelte sich der Firmenchef in Deutschland schnell das Image vom "roten Mohn" ein, als sei er ein auf linke Abwege geratener Schwärmer. So schlicht wie Mohns Antwort auf die oben genannte Frage heute erscheine, schrieb 1999 "Der Spiegel" anerkennend, "so revolutionär war sie für seine Zeit".

Nicht nur in Bezug auf das Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeitern stellte sich Mohn gegen den gängigen patriarchalischen Führungsstil seiner Zeit. An den Grundpfeilern des kapitalistischen Unternehmertums selbst rüttelte der Gütersloher. Kern des Mohnismus ist der Leitsatz, dass ein Unternehmen nicht ausschließlich für eine angemessene Verzinsung des Kapitals sorgen, sondern auch einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten müsse - auf Deutsch: Geld ist nicht alles. "Ethische Kriterien konnten sich immer gegenüber ökonomischen Zielen durchsetzen", sagt Mohn etwas hochtrabend.

Beschaulich: Zentrale des Medienkonzerns in Gütersloh

Beschaulich: Zentrale des Medienkonzerns in Gütersloh

Trotz seiner Erfolge ist Reinhard Mohn die Bescheidenheit selbst. Nur als Redner tritt er groß auf; bei gesellschaftlichen Anlässen sieht man ihn selten. Kaum etwas hält er für so überflüssig und schädlich wie das Posieren im Scheinwerferlicht, sei es auf Cocktailpartys oder in den Medien. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch Spaß zu schätzen weiß: "Reinhard Mohn war kein Kind von Traurigkeit", formuliert es der langjährige Unternehmenssprecher Manfred Harnischfeger diplomatisch.

"Führen heißt dienen"

Salopp geht es aber in seiner Umgebung nie zu. Reinhard Mohn hat seine heutige, in mancher Hinsicht asketische Lebensführung nie zum Programm erhoben. Aber er erwartet, dass Führungskräfte ein Beispiel geben. Wer seinen Status herauskehrt, kann schwerlich ein selbstloser Diener des Unternehmens sein, mahnt er. Selbstbewusstsein ist zwar für jeden erfolgreichen Unternehmer oder Manager unabdingbar, Eitelkeit dagegen lenkt den Blick vom Wesentlichen ab. Der Drang zur Selbstdarstellung, der Hang, sich für unentbehrlich zu halten - ein Ausdruck von Charakterschwäche. Autorität erwirbt der Manager nur durch fachliche Kompetenz und persönliche Glaubwürdigkeit. "Führen heißt dienen", sagt Reinhard Mohn.

In diesem Sinne gründete Reinhard Mohn 1977 die Bertelsmann Stiftung. Anstelle der Familie soll künftig die Stiftung Mehrheitseigentümerin des Unternehmens sein. Ein Weltkonzern wie die Bertelsmann AG sei keine Familienangelegenheit mehr, so seine Erklärung. Durch diese Regelung werden Kapital und Führung voneinander getrennt, die Gewinne der Bertelsmann AG kommen nach dem Willen ihres Stifters neben der Belegschaft - in Form von Genussrechten - der gesamten Gesellschaft zugute. 68,8 Prozent seiner Kapitalanteile an der Bertelsmann AG übertrug Mohn 1993 auf die Bertelsmann-Stiftung. Aus den Gewinnen wird die Stiftungsarbeit finanziert, ohne dass mit der Übertragung der Kapitalanteile ein Stimmrecht verbunden wäre. Die Stimmrechte hat Mohn auf eine Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH übertragen, die über die "Wahrung und Weiterentwicklung der Bertelsmann-Unternehmenskultur" wachen soll.

Mohn bleibt bis heute seinen Prinzipien der ersten Stunde treu. In einem Interview für das "manager magazin" im April 2001 bekennt sich der damals 79-jährige Unternehmer nach fünf Jahrzehnten zu seinen Grundsätzen: "Größe allein ist für mich kein Ziel. Bertelsmann soll die beste Führungstechnik haben und die besten Mitarbeiter - und erst dann die richtigen Ergebnisse."



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.