Die reichsten Deutschen Missmanagement als Markenzeichen

Jahrzehntelang stand er unter der Fuchtel des übermächtigen Vaters. Als August von Finck mit 50 Jahren endlich die Macht im Bankhaus Merck Finck & Co. übernahm, machte er nur Fehler - ein Milliardär blieb er trotzdem.


August von Finck, Jahrgang 1930, teilte sich das Familienerbe mit seinem älteren Bruder Wilhelm. Er selbst behielt den unternehmerischen Besitz und verzichtete auf den landwirtschaftlichen. Von Finck ist verheiratet und hat eine Tochter und drei Söhne. Seit 1998 lebt von Finck in der Schweiz und gilt als größter Privatinvestor des Landes
DPA

August von Finck, Jahrgang 1930, teilte sich das Familienerbe mit seinem älteren Bruder Wilhelm. Er selbst behielt den unternehmerischen Besitz und verzichtete auf den landwirtschaftlichen. Von Finck ist verheiratet und hat eine Tochter und drei Söhne. Seit 1998 lebt von Finck in der Schweiz und gilt als größter Privatinvestor des Landes

Hamburg - Landwirt wäre er gern geworden, aber er durfte nicht. Nach dem Willen seines Vaters, der Widerspruch vom Filius unter keinen Umständen duldete, hatte August von Finck Bankier zu werden. Also musste er sich in der feinen Münchener Privatbank Merck Finck & Co. - der Keimzelle des Finckschen Familienvermögens - hinter einen Schreibtisch klemmen und bei August senior und dessen Prokuristen Ernstberger das Geschäft mit dem Geld lernen.

Der alte August hatte das von seinem Vater errichtete Bank- und Beteiligungsimperium 1924 als gerade 26-Jähriger übernommen und sich mit Leib und Seele der Mehrung des Vermögens verschrieben. Nicht weniger verlangte er von seinem Spross. "Von nichts kommt nichts", wie der dominante Patron zu ermahnen pflegte. Als er schließlich 1973 aus steuerlichen Gründen den Söhnen Wilhelm und August sein Hab und Gut übertrug, verpflichtete er sie gleichzeitig, ihr Erbe als Haftungsgrundlage für Merck Finck & Co. einzusetzen. Nach Ansicht des Alten offenbar ein probates Druckmittel.

Bankvorsteher wider Willen

Mit dem Tod des Seniors im Jahr 1980 fiel August von Finck die Rolle des Bankvorstehers zu, die ihm indes eher lästig als lustvoll war. Zwar gab er einen dynamischem Einstand und konnte dank "ausgeprägter Schlepperqualitäten" ein paar stattliche Vermögensdepots in die damals drittgrößte Privatbank der Republik lotsen. Auch konnte sich von Finck anfangs durch sein sicheres Gespür bei der Kreditvergabe einigen Respekt verschaffen. Überdurchschnittliches unternehmerisches Geschick aber, wie es seine Vorfahren oft bewiesen hatten, jene Fortune, durch die ihren Engagements regelmäßig Erfolg beschieden war, ging ihm ab.

Missmanagement sei sein Markenzeichen, schrieb DER SPIEGEL angesichts dessen glückloser Vorstellung bei Löwenbräu. In die bayerische Traditionsbrauerei hatte sich der Milliardär Anfang der achtziger Jahre eingekauft und sie durch eigenwillige Personalpolitik - er verschliss binnen zehn Jahren fast ein Dutzend Vorstände - an den Abgrund geführt. "Zum Sanierungsfall" habe er das Unternehmen gemacht, warfen ihm erboste Aktionäre vor.

Abschied von der Kernerarbeit

Die stille Teilhabe lag August junior im Gegensatz zum Vater nie. Wo immer sich der reiche Erbe finanziell engagierte, wollte er auch das Sagen haben - mit oder ohne Mandat. Doch die Neigung, jedem den Laufpass zu geben, der nicht auf seiner Linie lag, erwies sich selten als segensreich. So servierte er etwa bei seinem Einstieg in die Schweizer Gastronomie- und Hotelkette Mövenpick kurzerhand das Management ab und bescherte dem Konzern damit eine handfeste Krise. Ähnlich rücksichtslos verfuhr der hochgewachsene Edelmann, den einstige Gefährten als höflich und charmant, aber auch verschroben und zuweilen bösartig charakterisieren, beim endgültigen Abschied vom familiären Bankgeschäft.

Nach anfänglicher Begeisterung ermattete das Interesse des Barons an Merck Finck & Co. zusehends. Immer öfter mied er die mühevolle Kärrnerarbeit des Tagesgeschäfts. Stattdessen schlich er lieber mit der Flinte durchs Unterholz und inspizierte nach der Jagd die hauseigene Forellenzucht. Mehr und mehr trieb ihn aber auch die Angst vor Fehlentscheidungen um, die ihn als persönlich Haftenden im schlimmsten Fall das gesamte Privatvermögen kosten konnte. In einer beispiellosen Nacht-und-Nebel-Aktion verscherbelte er schließlich sein Geldhaus im Herbst 1990 für rund 600 Millionen Mark an die britische Barclays Bank. Seinen mithaftenden Gesellschafter Adolf Kracht überging von Finck dabei schlicht: "Über so eine Sache könne er doch unmöglich vorher mit dem Portier oder einem Herrn Kracht reden."

Mit dem Geldsack über die Alpen

Mit dem Verkauf habe August von Finck ein für allemal aus dem überlangen Schatten seines Vaters heraustreten wollen, vermuten Beobachter das Naheliegende. Nicht zuletzt aber bildete dieser Schritt den Auftakt für eine gezielte Absetzbewegung in Richtung Schweiz. Nach und nach trennte sich von Finck vom meisten, was hier zu Lande von Wert war: Beteiligungen an der Allianz und der Münchener Rück, der DSK-Bank, dem Stromversorger Isar-Amperwerke, am Ende auch von Löwenbräu. Die Erlöse investierte er jenseits der Alpen, etwa bei dem Maschinenbauer von Roll, in Alusuisse-Lonza und dem Mischkonzern Oerlikon-Bührle. Dabei trieben ihn eine geradezu krankhafte Furcht vor der "konfiskatorischen Erbschaftssteuer" wie auch eine wachsende Unzufriedenheit mit der deutschen Politik, die er seit dem Tod seines Freundes Franz Josef Strauß ihres letzten Hoffnungsträgers beraubt sah. Man könne machen, was man wolle, lamentierte der Milliardär einst im kleinen Kreis, wenn der Staat so weitermache, werde er uns alle zum Schluss noch vernichten.

Dieses Schicksal konnte der heute 71-Jährige zumindest von seinem auf acht Milliarden Mark geschätzten Vermögen abwenden. Vor rund drei Jahren siedelte er nebst Sippe ins hochherrschaftliche Schloss Weinfelden im Kanton Thurgau über, wo der Edel-Exilant mit nicht eben als raffgierig geltenden Schweizer Fiskalbeamten seine jährliche Steuerpauschale verhandeln kann.

Christian Keun, manager-magazin.de



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.