Die reichsten Deutschen Mit Haartüll zum Marktführer

Vor rund 120 Jahren von Franz Ströher im sächsischen Rothenkirchen als "Haartüll"-Macherei gegründet, präsentiert sich Wella heute als globaler Kosmetikkonzern. Bilanz der Erben: Ein Vermögen von stattlichen 2,2 Milliarden Mark.


Hamburg - Im Hause Wella gibt ein Familien-Quartett den Ton an. Die Ströhers und Pohls, die Eberts und Sanders, deren Damen allesamt Nachfahren des Perückenmachers und Firmengründers Franz Ströher sind, halten eine robuste Mehrheit von rund drei Viertel der Aktien des Darmstädter Kosmetikkonzerns. Zwar verbietet ein 1973 geschlossener Kontrakt den Mitgliedern der Sippe, in den Vorstand des Unternehmens einzutreten. Im Beirat aber haben die vier Stämme des Ströher-Clans ihren festen Sitz. Von dort erheben sie - nicht selten zum Leidwesen des gerade amtierenden Vorstandschefs - oft und kräftig die Stimme.Das vierköpfige Gremium ist durchweg mit den Ehemännern der Erbinnen besetzt und gilt als das eigentliche Machtzentrum des Shampooherstellers. Einer müht sich besonders, den Familieninteressen gegenüber der Firmenleitung Gehör zu verschaffen: Ulrich Ströher.Der geborene Fette - seit der Vermählung mit Sylvia Ströher, einer Urenkelin des Gründers, gibt auch er dem Namen seiner Frau den Vorzug - hat sich in einer Art Blitzkarriere vom Krankenpfleger zum Wortführer der Eigentümer gemausert. Qualifiziert durch einen mehrwöchigen Crash-Kurs beim Konkurrenten Procter & Gamble und durch ein Praktikum bei der Dresdner Bank, entwickelte er ein Faible für das operative Geschäft.Gern lässt sich der Autodidakt nach Vorstandssitzungen Rapport erstatten. Unermüdlich drängt der umtriebige Ströher die Konzernchefs, sich über strategische Entscheidungen mit dem Beirat abzustimmen. Ein Prozedere, das Wella schwerfällig gemacht hat - Handlungsspielräume werden ohne Not eingeschränkt. Und allmählich wird's eng für die Darmstädter.Mitnichten geht es der Firma schlecht. In ihrem angestammten Gewerbe, der Belieferung von Friseuren, ist Wella die unangefochtene Nummer eins in Deutschland. 40.000 der insgesamt 65.000 Salons beliefert das Traditionshaus exklusiv und rangiert in dieser Sparte hinter L'Oréal weltweit auf dem zweiten Platz. Der Konzernumsatz belief sich 1999 auf stattliche 4,6 Milliarden Mark.

Doch im deutschen Handelsgeschäft mit Haarkosmetik und Düften reichen die Umsätze bei einem Marktanteil von nur neun Prozent kaum aus, die enormen Kosten für Werbung und Vertrieb zu decken. Das Wella-Dilemma: Als Nischenanbieter ist das Unternehmen zu groß. Um sich aber dauerhaft gegen mächtige Konkurrenten wie etwa Henkel behaupten zu können, ist es zu klein.Ergo: Seit geraumer Zeit machen Übernahmegerüchte die Runde. Dass die Familie einem Verkauf nicht völlig ablehnend gegenübersteht, hat sie vor zwei Jahren gezeigt. Abgesandte der Sippe, die es unter den 100 reichsten Deutschen auf Platz 64 schafft, trafen sich mit Vertretern aller wichtigen Konkurrenten wie eben L'Oréal, Henkel und auch Beiersdorf. Doch die Gespräche verliefen ergebnislos - wie so oft, wenn die Wella-Erben entscheiden wollen. Christian Keun, manager-magazin.de



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