Die reichsten Deutschen "Siegfrieds Provisionen"

Über Jahrzehnte genoss Siegfried Otto als diskreter "Gelddrucker der Nation" höchstes Ansehen - bis ein wohlgehütetes Geheimnis ruchbar wurde.


Siegfried Otto
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Siegfried Otto

Hamburg - In Deutschland steht die Währungsreform kurz bevor, als Siegfried Otto 1948 in München mit dem Wiederaufbau der Firma "Giesecke & Devrient" (G&D) beginnt, einer rund 100 Jahre zuvor als "Officin für Geld und Werthpapiere" gegründeten Spezialdruckerei. Deren Leipziger Stammhaus ist im Krieg fast völlig zerstört und 1946 in einen Staatsbetrieb umgewandelt worden. Otto, der 1943 über die Gründer-Urenkelin Jutta Devrient in die renommierte Drucker-Dynastie eingeheiratet hat, geht ans Werk. Seine Devise: Das Unglück durch Manneskraft überwinden.

Geld für Deutschland und die Welt

Kein Zweifel: Unter der Ägide von Siegfried Otto geht es mit dem Traditionshaus steil bergauf. So erhalten die Münchener Drucker 1958 von der Deutschen Bundesbank den Zuschlag, künftig die Hälfte aller Geldscheine auf ihren Pressen anfertigen zu dürfen. Die "Lizenz zum Gelddrucken" in der Tasche erwirbt Otto einige Jahre später die Papierfabrik Louisenthal und errichtet am Tegernsee eine der modernsten Produktionsstätten für Banknoten- und Sicherheitspapier in Europa.

1968 ist "Giesecke & Devrient" maßgeblich an der Einführung des Euroscheck-Systems beteiligt und mischt auch später im Bereich bargeldloser Zahlungssysteme sowie Smartcards ganz oben mit. Stratege Otto hat einen international agierenden Technologiekonzern auf die Beine gestellt. Seine Firma versorgt nicht nur die Deutschen und über 60 weitere Nationen der Welt mit Banknoten und Wertpapieren, sondern gehört auch bei Chip- und Telefonkarten zu den Branchenführern. Das rund 3500 Mitarbeiter zählende Familienunternehmen erlöst gegen Ende der achtziger Jahre per anno etwa eine Milliarde Mark Umsatz.

Mit "Bambi" in die Klatschspalten

Zu dieser Zeit genießt der Polizistensohn aus Halle an der Saale hohes Ansehen. Als Unternehmer erfolgreich, dazu vertrauenswürdig und diskret wie es sich für "den ersten Gelddrucker im Lande" ziemt. Privat indessen läuft es bei Siegfried Otto schon lange nicht mehr rund. Bereits Ende der fünfziger Jahre kriselte es gewaltig in seiner Ehe, doch erst 1989 werden die Konsequenzen gezogen: Jutta Otto-Devrient geht, Ursula "Bambi" Burda kommt. Der inzwischen 74-Jährige heiratet die über 20 Jahre jüngere Ex-Gattin von Verlegerspross Franz Burda.

Mit "Bambi", einem Liebling der Münchener Schickeria und der lokalen Boulevardpresse, wird das Leben des zurückhaltenden Patriarchen zum öffentlichen Ereignis. Der Name Otto wandert von der Wirtschaftskolumne in die Klatschspalte. Obendrein bringt die neue Frau an seiner Seite einen zwielichtigen Schwiegersohn mit in die Familie, Thomas Kramer, Ehemann von "Bambis" Tochter Catherine. Seinen Ruf als windiger Finanzjongleur festigt der umtriebige Playboy 1990 mit einer Serie grandioser Pleiten.

"Prince Cash" und die Affäre "Security Printing"

Branchenkenner staunen nicht schlecht, als Kramer sich nur wenig später als brillianter "Money-Maker" geriert. Im sonnigen Florida wickelt er einen Immobiliendeal nach dem anderen ab. Und ob nun 20, 30 oder 50 Millionen Dollar - die Konkurrenz ist chancenlos, "Prince Cash" zahlt bar. Daheim in München verfolgen Ottos Söhne Tilman und Yorck, aber auch Ex-Gattin Jutta das wundersame Comeback von Bankrotteur Kramer mit Sorge. Ihnen ist klar, dass dieser in den USA nicht eigenes Geld unter die Leute bringt sondern Ottos Millionen. Lässt sich Otto das neugewonnene Familienglück mit "Bambi" und Konsorten nicht überhaupt zuviel kosten?

Vorgeblich auf das Wohl der Firma bedacht, gewiss aber auch aus Angst um die eigenen Pfründe verlangt der Familien-Clan von Otto Rechenschaft. Im G&D-Aufsichtsrat drängt Jutta Otto-Devrient auf Überprüfung der Transfers. Der greise Firmenlenker gerät immer stärker unter Druck. Und was die Lage besonders prekär macht: Otto ist erpressbar. Er hütet ein "dunkles Geheimnis", von dem viele in Familie und Firma Kenntnis oder zumindest eine Ahnung haben. "Security Printing" heißt es. Intern werden die Initialien des Firmennames schon seit geraumer Zeit als "Siegfrieds Provisionen" verballhornt.

SP ist eine Tarnfirma, die Otto bereits in den fünfziger Jahren mit Hilfe von Treuhändern in der Schweiz gegründet hatte, um fortan Geschäfte mit sich selbst und so hinter dem Rücken des deutschen Fiskus' steuerfrei Millionen zu machen. Ein Schwarzgeld-Vermögen, das zu mehren er auf seine alten Tage keinen Geringeren als Luftikus Thomas Kramer beauftragt. Vor dem drohenden verheerenden Imageschaden können nun auch die Kontolleure von G&D nicht länger die Augen verschließen. Otto wird erst zur Selbstanzeige und anschließend aus der Firma gedrängt.

Ist der Ruf erst ruiniert ...

"Geldschein-Otto", wie Münchener Boulevardblätter titeln, leistet eine Nachzahlung von rund 100 Millionen Mark an den deutschen Fiskus. Dafür geht er, der jetzt als einer der größten Steuersünder des Landes Furore macht, straffrei aus. Eine Sonderprüfung fördert außerdem zutage, dass die Gelddrucker von G&D unter Ottos Führung die Bundesbank übervorteilt haben. Es müssen 26 Millionen Mark zurückgezahlt werden. Die Geschäftsanteile des Patriarchen übernimmt ein Treuhänder. Und auch das viele Geld, das er Thomas Kramer anvertraut hat - die Rede ist von 200 bis 300 Millionen Mark - muss er weitgehend abschreiben: Kramer hat das meiste versenkt, auch ein schlechter Ruf verpflichtet. Zu allem Überfluss setzt "Bambi" ihrem "Sigi" immer ungenierter die Hörner auf. Welchem Herrn sie gerade den Vorzug gibt, erfährt Otto in der Regel aus der Zeitung.

Seinen Lebensabend beschließt Siegfried Otto mit einem öffentlich ausgetragenen Scheidungskrieg und dem für ihn nicht minder peinlichen Versuch, die Kramer-Millionen gerichtlich wieder einzutreiben. Als er im August 1997 82-jährig stirbt, hat er selbst das Bild vom ehrbaren Kaufmann gründlich ruiniert. Ein reicher Kaufmann aber ist er immer geblieben: Das Vermögen seiner Erben wird auf vier Milliarden Mark taxiert.

Christian Keun



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