Krisenerklärer Dirk Müller Die seltsame Welt des Mr. Dax

Als Mr. Dax wurde Dirk Müller bekannt, als Wirtschaftserklärer katapultierte er sich in Bestsellerlisten und öffentlich-rechtliche Talkshows. Sogar im Bundestag ist sein Rat gefragt. Dabei strotzt sein neues Buch "Showdown" nur so vor abenteuerlichen Verschwörungstheorien.

Von , Frankfurt am Main

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Dirk Müller ist jetzt richtig warm gelaufen. Er steht im Festsaal eines Frankfurter Fünf-Sterne-Hotels und tänzelt von einem Bein aufs andere. "Wir fahren voll gegen die Wand", prophezeit er seinen Bewunderern, die sich um ihn geschart haben, um sich ein neu erworbenes Buch signieren zu lassen. "Wir haben 12 oder 18 Monate Zeit, das Ding durchzusetzen", sagt Müller und zeigt auf sein Buch. "Dann ist der Spuk vorbei." Das Geldsystem werde sonst zusammenbrechen.

Ob er dann besser all sein Geld in Gold und Silber umtauschen solle, will ein Fan im mittleren Alter und grauen Anzug wissen. "Nein", sagt Müller. So sei das nun auch wieder nicht gemeint. Er gebe ja nur Prognosen ab. Dabei könne er sich selbstverständlich auch irren.

Ein Gedanke, der seinen Fans offenbar nur selten in den Kopf kommt. Sie hängen an seinen Lippen, und sie kaufen seine Bücher. An diesem Dienstag erscheint das dritte: "Showdown" heißt es, "Der Kampf um Europa und unser Geld". Es strotzt nur so vor abenteuerlichen Thesen. Doch trotzdem wird es wohl wieder ganz oben in den Bestsellerlisten landen - oder vielleicht gerade deshalb.

Müller überhöht die Euro-Krise in seinem neuen Buch zum Schlachtfeld geopolitischer Interessen. Dabei legt er dem Leser eine, nun ja, originelle Interpretation nahe: Die Krise in Griechenland sei womöglich bewusst durch die USA ausgelöst worden. Die Amerikaner wollten das Land vom Rest der EU abspalten und sich die angeblich riesigen Öl- und Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer sichern. Ach ja, und außerdem wollten sie die Euro-Zone destabilisieren, um den Aufstieg des Euro zur weltweiten Leitwährung zu verhindern.

Klingt verrückt? Steht aber so in Müllers Buch.

Wenn es irgendjemand wäre, der so etwas schreibt, könnte man darüber lächeln. Doch Müller hat Einfluss. Für ein Millionenpublikum ist er der große Erklärer der Wirtschaftskrise geworden. Alle paar Wochen sitzt er in Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Bei Maybrit Illner ist er Stammgast, bei "Hart aber fair" diskutiert er über Griechenland und bei Günther Jauch über die Zukunft Europas. Bei Beckmann darf er Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) erklären, wie sicher unser Geld ist.

Am Sonntag kämpfte Müller bei Stefan Raabs Politshow "Absolute Mehrheit" um die Gunst der Zuschauer. Außer Müller waren nur Politiker geladen. Am Ende wurde er Dritter hinter Gregor Gysi und Bernd Lucke von der Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland. Die Vertreter von SPD und FDP hängte Müller ab.

Seine Fans trauen ihm noch viel mehr zu: "Dirk, werde bitte unser nächster Bundeskanzler!", fordern sie im Internet. Erste Schritte in die Politik hat Müller schon unternommen: Im Januar lud ihn der Finanzausschuss des Bundestags schon zum zweiten Mal als Sachverständigen zur Beratung eines Gesetzes ein. Nebenbei verkauft der Geschäftsmann seine Analysen über eine Website und zwei Börsenbriefe - für saftige Abogebühren.

Müller ist ein Produkt der Medien

Eigentlich war das alles so nicht geplant. Bis vor wenigen Jahren war Müller ein normaler Makler an der Frankfurter Börse. Er nahm Angebote von Käufern und Verkäufern entgegen und versuchte beide zusammenzuführen - kein einfacher Job, aber sicher auch keiner, der dazu prädestiniert, einem ganzen Land die Krise des Kapitalismus zu erklären.

Dass es doch so kam, hat vor allem mit zwei herausragenden Eigenschaften zu tun: Erstens ist Müller ziemlich foto- und telegen, und zweitens kann er so einfach über Wirtschaft reden, dass fast alle ihn verstehen.

Zuerst entdeckten ihn die Fotografen: Als Börsenmakler saß Müller jahrelang vor der Dax-Tafel am Frankfurter Parkett. Wenn die Kurse stiegen, strahlte er in die Kameras, wenn die Dax-Kurve nach unten zeigte, schaute er ängstlich nach oben und schlug beide Hände vor den Mund. Die Bilder erschienen am nächsten Tag in allen Zeitungen des Landes. Lange bevor die Öffentlichkeit seinen Namen kannte, wurde Müller so zu Mr. Dax.

Irgendwann begannen Fernsehsender, Müller zum Börsengeschehen zu interviewen - und stellten fest: Der Mann kann reden, und er redet sehr gerne. Die Fernsehmacher erkannten Müllers Talente. Und der Aktienmakler selbst witterte seine Chance auf eine zweite Karriere. Von nun an war er Experte.

Müller ist ein Produkt der Medien. Anlegermagazine wie "Focus Money" lieben die deftigen Worte des Crash-Propheten. Richtig bekannt und salonfähig gemacht haben Müller aber die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Sie stören sich offenbar nicht an den steilen Thesen, die der Mann in seinen Büchern und auf Podien verbreitet.

"Wenn ich mit Politikern spreche, sehe ich in hohle Augen"

Auch zur Buchvorstellung am Montagabend ist wieder ein Team der ARD ins Frankfurter Hotel gekommen - es geht um einen Beitrag für ein regionales Kulturmagazin. Praktischerweise wird die Präsentation auch von einem ARD-Mann moderiert. Er bemüht sich sichtlich, keine kritischen Fragen zu stellen und liefert lieber Steilvorlagen, die Müller nur noch verwandeln muss. "Griechenland ist gar nicht arm", stellt der Moderator fest - und gibt Müller das Stichwort für die Kerngeschichte seines Buchs.

Griechenland sitze auf riesigen Öl- und Gasvorkommen, die seinen gesamten Finanzschlamassel lösen könnten, behauptet der vermeintliche Experte. Das Land könne "seine Schulden problemlos nicht nur finanzieren, sondern sogar zurückzahlen". Und die Amerikaner stünden schon bereit, um sich einen Anteil der Gewinne unter den Nagel zu reißen. Die Europäer dagegen ließen sich von den USA über den Tisch ziehen. "Wenn ich mit Politikern darüber spreche, sehe ich in hohle Augen", sagt Müller. "Die deutsche Öffentlichkeit weiß von diesen Gasvorkommen nichts."

Müllers Geschichte hakt gewaltig. Es wurde in deutschen Medien sehr wohl über die möglichen Schätze der Griechen berichtet, allerdings äußerst vorsichtig. Und das hat gute Gründe: Bisher gibt es lediglich vage Schätzungen zu den Öl- und Gasvorkommen. Zurzeit läuft eine Erkundungsmission norwegischer Experten. Wie viel am Ende wirklich zu holen ist, können erst umfangreiche Probebohrungen ergeben. Ausgerechnet in einer Studie der Deutschen Bank, die Müller immer wieder gerne als Beweis für den Rohstoffreichtum der Griechen präsentiert, heißt es, die Einnahmen seien "so unsicher und weit entfernt, dass positive Effekte auf die Zahlungsfähigkeit unwahrscheinlich sind". Ein Teil der besagten Felder liegt zudem in politisch umstrittenem Hoheitsgebiet, das sowohl Griechenland als auch die Türkei für sich beanspruchen.

Müller ficht das alles nicht an. Er macht aus fast jedem Konjunktiv eine Tatsachenbehauptung. Nur wenn es ganz abstrus wird, setzt er ein kleines Fragezeichen hinter seine Aussagen. Etwa wenn es darum geht, dass die verantwortlichen griechischen Politiker der vergangenen Jahre von den USA eingesetzte Marionetten gewesen seien, die nur das Ziel verfolgt hätten, das eigene Land zu destabilisieren. Da wird selbst der Moderator von der ARD vorsichtig. "An der ein oder anderen Stelle klingt es ein bisschen nach Verschwörungstheorie", merkt er an.

Auch Müllers Lösungsvorschlag für die Krise klingt gewagt: Er will staatlich garantierte europäische Infrastrukturfonds schaffen, die die Energiewende finanzieren sollen. Das Geld soll von reichen Privatleuten und Versicherungskonzernen kommen. Die Investitionen lösten einen Boom an Steuereinnahmen aus, mit dem die Staaten ihre Schulden dann leicht zurückzahlen könnten. So einfach geht das bei Müller.

Das Konzept habe er "hochrangigen Vertretern" in Wirtschaft und Politik vorgetragen, sagt der Ex-Börsenmann. "Jedes Mal war die Reaktion: Wieso haben wir das noch nicht? Das ist die Lösung!"

Müller will nun für die Umsetzung seines Plans kämpfen. Dass er es besser könnte, als die regierenden Politiker, lässt er bei jeder Gelegenheit durchblitzen. Denn die haben entweder keine Ahnung oder führen Böses im Schilde. Und noch etwas ärgert ihn: "Uns fehlen Politiker, die eine Geschichte erzählen können", sagt er nach der Buchvorstellung zu den Bewunderern, die ihn umringen. Dabei wüssten seine Anhänger sicher jemanden, der genau das wirklich gut drauf hat.

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insgesamt 365 Beiträge
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Dosenpirat 30.04.2013
1. Herr Müller hat zu den USA recht!
Es gab bereits vor 2 Jahren ein gespräch zwischen Merkel und Obama, wo Frau Merkel Ihre BND Info an Obama gab, da in Greichenland die USA das Bankensystem manipulierten. Es ging weniger um das Öl im Mittelmeer, mehr um die Destabilisierung des Euro. Herr Müller gibt im Grunde eine alte Info weiter...
heinzjürgenneu 30.04.2013
2. Experten
Insidern war allein schon die Bezeichnung Mr. Dax suspekt. Dirk Müller hatte zu allem was zu sagen. Meistens war es totaler Unsinn oder plakative Banalitäten. Vor allem in der Diskussion über Commodities tat er sich kritisch hervor. Dies ist nun eine Materie in der sein Kenntnismangel kaum zu übertreffen war. Aber eine Mitschuld tragen auch die Medien. Endlich konnte man einen sogenannten Experten mit Namen nennen. Im allgemeinen bleiben solche Experten eher ungenannt und diffus. Sogar in Expertenkommissionen und Beratungskremien von Ministerien konnte er vor Abgeordneten minderer Kenntnis glänzen
rl_germany 30.04.2013
3. endlich sagt es mal jemand
Dieser Herr Müller ist irgendwie auch bezeichnend für die heutige Zeit. Allerweltsname, Allerweltsjob, möchte gern deutlich mehr darstellen, als er ist. Und ähnlich wie diverse "Popsternchen" wird er damit erfolgreich sein, glücklicherweise haben solche Leute auch nur phasenweise damit Erfolg. Fakt ist, das dieser Typ wirklich keine Ahnung hat, das merkt man schnell, wenn man mal ein bisschen in seinen Büchern blättert. Herr Müller ist ein Polemiker, der sich gern reden hört und vor Kameras "aufblüht", verbreitet aber dabei oft abenteuerlichen Unsinn. Ihn "Mr. Dax" beleidigt unseren Börsenindex, "Experte" wäre schlichtweg fehl am Platz.
niftyswifty 30.04.2013
4. Danke für diesen Artikel
Ich habe mittlerweile eine große Abneigung gegen Scharlatane entwickelt, die uns Esoterik als Realität verkaufen wollen. Dirk Müller gehört dazu. Wer paranoid ist oder sich augenscheinlich so verhält, kann ja gerne seine Meinung sagen. Habe ich nichts dagegen. Wenn er allerdings damit hohe Summen Geld scheffelt, hört der Spaß auf. Wahnvorstellungen können irgendwann zur Gefahr werden. Da braucht man nur mal 70 oder 80 Jahre in die deutsche Geschichte zurückblicken.
curti 30.04.2013
5. Und das kann.....
Zitat von sysopimagoAls Mr. Dax wurde Dirk Müller bekannt, als Wirtschaftserklärer katapultierte er sich in Bestsellerlisten und öffentlich-rechtliche Talkshows. Sogar im Bundestag ist sein Rat gefragt. Dabei strotzt sein neues Buch "Showdown" nur so vor abenteuerlichen Verschwörungstheorien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/dirk-mueller-stellt-sein-buch-showdown-in-frankfurt-vor-a-897294.html
....Stefan Kaiser beurteilen. Würde eher sagen "dicke Backen" hat er, mehr nicht. Müller ist einer der wenigen die mit dem gebotenen Maß an Skepsis bewerten und rückblickend sind seine Prognosen regelmäßig von der Realität eingeholt worden. Und was hat Stefan Kaiser an dbzgl. Aktiva vorzuweisen?
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