DIW-Schätzung Bahnstreik kostet hohe Millionenbeträge - pro Tag

Die deutsche Wirtschaft befürchtet wegen des angedrohten Bahnstreiks im Güterverkehr massive Verluste. Wenn es zu flächendeckenden Arbeitsniederlegungen kommt, wären nach Einschätzung des DIW zwei- bis dreistellige Millionenbeträge pro Tag fällig.


Frankfurt am Main - Während Nahrungsmittel-Produzenten im Notfall auf Lastwagen umsteigen könnten, seien insbesondere die Stahlhersteller und Metallverarbeiter auf die Bahn angewiesen, sagte DIW-Verkehrsexpertin Claudia Kemfert der "Frankfurter Rundschau". Viele Firmen könnten es sich nicht leisten, ihre Produkte zu lagern und müssten sich darauf verlassen können, dass die Bahn täglich die Ware abhole. In der Folge sei auch eine Unterbrechung der Produktion möglich, folgerte die Expertin. "Dann können sehr schnell hohe Kosten anfallen".

Güterverkehr der Deutschen Bahn: 200 Autos pro Zug
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Güterverkehr der Deutschen Bahn: 200 Autos pro Zug

Die Unternehmen teilen nach einem Bericht des "Handelsblatts" diese Einschätzung. Die Bahn sei für ein Unternehmen, das Massengüter herstelle, unverzichtbar, sagte der Vorstandschef des Stahlkonzerns Salzgitter Chart zeigen, Wolfgang Leese. "Das Verkehrsaufkommen der Bahn für die Stahlindustrie ist gewaltig, und deshalb haben Störungen bedeutende Auswirkungen." Bei einem längeren Streik befürchtet auch Porsche Chart zeigen einen enormen Schaden, wie ein Sprecher der Zeitung sagte. Die Karosserie-Lieferungen an das Werk Leipzig seien von der Bahn abhängig und könnten kurzfristig nicht auf die Straße verlagert werden. Ab Mitte August drohe dem Werk ein Stillstand.

Notfallpläne sollen das Schlimmste verhindern

BMW Chart zeigen arbeitet dem Bericht zufolge an Notfallplänen für die Zeit nach den Werksferien, die Mitte August vorbei sind. "Wir versuchen, zusätzliche Kapazitäten bei Lkw-Spediteuren einzukaufen", sagte ein BMW-Sprecher. Dies sei allerdings schwierig, weil das andere auch versuchten. Von den 3500 Autos, die BMW pro Tag in Deutschland baut, werden demnach 55 Prozent über die Bahn zu den Händlern transportiert. "Auf einen Güterzug gehen 200 Autos, auf einen Lkw nur acht", wurde der Sprecher zitiert.

Auch der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) berichtete, dass viele Unternehmen massive Probleme erwarteten. "Je nach Streikintensität könnten bis zu 80 Prozent der auf Schiene transportierten Güter brachliegen." Ausweichmöglichkeiten seien kaum vorhanden, sagte BME-Hauptgeschäftsführer Holger Hildebrandt. "Der Straßengüterverkehr ist ausgelastet, es gibt weder Fahrer noch Kapazitäten." Auch Binnenschiffe seien nur für wenige Güter eine Option. Insbesondere für flüssige und gasförmige Stoffe sei die Schiene das wichtigste Transportmittel.

Zwei Tage lassen sich überbrücken

Hildebrandt geht nach eigenen Worten davon aus, dass die Mehrheit der Unternehmen einen Streik von einem Tag bis zu zwei Tagen überbrücken könnte. "Danach wird sich der Versorgungsengpass auf die Produktivität auswirken." Die Montan-, Chemie-, Lebensmittel- und Autobranche wäre von einem längeren Arbeitskampf besonders betroffen.

Wegen des Tarifstreits bei der Bahn will die Lokführer-Gewerkschaft GDL ab Donnerstag den Güterverkehr bestreiken. Details sollen vorher nicht bekannt gegeben werden. Den Streikbeginn hatte die Gewerkschaft gestern nach Auszählung der Urabstimmung mit 95,8 Prozent Ja-Stimmen am Montag angekündigt. Sie fordert einen eigenständigen Tarifvertrag für die Lokführer und 31 Prozent mehr Geld.

Die Bahn kritisierte den Arbeitskampf scharf und lehnte es ab, einem Ultimatum für ein neues Tarifangebot bis Dienstagabend nachzukommen. DIW-Expertin Kämpfert warf der GDL angesichts der Forderung nach 30-prozentigen Lohnsteigerungen "völlig überzogene Forderungen" vor. Nach Berechnungen des DIW wäre alles, was über ein Plus von sieben Prozent hinausgehen würde, gefährlich. Auch die GDL könne kein Interesse daran haben, dass die Bahn wegen überhöhter Tarifforderungen demnächst bis zu 1500 Arbeitsplätze pro Jahr abbauen müsste, warnte die Wirtschaftsexpertin.

Tiefensee ruft zum Kompromiss auf

CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla rief die Verantwortlichen auf, einen Arbeitskampf abzuwenden. "Ich appelliere an beide Seiten, den Streik mit allen Mitteln zu verhindern", sagte Pofalla der "Rheinischen Post". Er betonte: "Die Politik sollte sich aus Tarifauseinandersetzungen heraushalten. Doch klar ist auch: Wenn es in der Urlaubszeit zu einem Bahnstreik kommt, belastet das in- und ausländische Fahrgäste in Deutschland unverhältnismäßig stark." Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) forderte beide Tarifparteien erneut zu Kompromissbereitschaft auf. Eine Lösung sei nur möglich, "wenn Extrempositionen verlassen werden", sagte er der "Saarbrücker Zeitung"

Der stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende der Linken, Klaus Ernst, verteidigte die Streikpläne der Lokführer. Zur Kritik aus den DGB-Gewerkschaften, das kompromisslose Auftreten der kleinen berufsständischen Organisation führe zur Entsolidarisierung der Beschäftigten, sagte Ernst der "Berliner Zeitung": "Ich finde das überhaupt nicht unsolidarisch, im Gegenteil."

mik/AP/dpa/ddp/Reuters

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