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DIW-Studie: Kluft zwischen Arm und Reich immer größer

Schreiende Ungerechtigkeit: Dem DIW zufolge wächst die Kluft zwischen Arm und Reich rasant. Dabei besitzen jetzt schon zehn Prozent der Bevölkerung rund 60 Prozent des Gesamtvermögens.

Berlin - Der Mittelstand wird immer dünner - die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. So lassen sich die Ergebnisse einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin zusammenfassen. Demnach vergrößerte sich der Anteil der Menschen, die mehr als 200 Prozent des Durchschnittseinkommens beziehen, von 6,4 Prozent im Jahr 1996 auf 9,2 Prozent im Jahr 2006. Ebenso deutlich stieg die Zahl der Armen in den vergangenen zehn Jahren: 1996 hatten 7,3 Prozent der Bevölkerung weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens zum Leben. 2006 betrug dieser Anteil schon 11,4 Prozent.

Suppenküche des Franziskanerklosters im Berliner Stadtteil Pankow: Immer mehr Armut, immer mehr Reichtum
DPA

Suppenküche des Franziskanerklosters im Berliner Stadtteil Pankow: Immer mehr Armut, immer mehr Reichtum

Der DIW-Experte Markus Grabka sagte der Nachrichtenagentur AP dazu: "Die Daten der letzten fast 25 Jahre belegen ganz eindeutig, dass die Ungleichheit bei den Einkommen zunimmt." Der Wirtschaftswissenschaftler arbeitet zurzeit auch mit an dem mittlerweile dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der im Frühjahr erscheinen soll.

Aufschwung geht an Arbeitnehmern vorbei

Auch die Ungleichheit beim Vermögensbesitz hat sich nach Einschätzung des Forschers in den vergangenen Jahren verschärft. Nach Grabkas Analyse sind die Vermögen in Deutschland sogar noch viel ungleicher verteilt als die Einkommen.

Ein Ende 2007 veröffentlichter DIW-Bericht zeigt für das Jahr 2002, dass zwei Drittel der Bevölkerung über kein oder nur sehr geringes Vermögen verfügen. Im Gegensatz dazu besitzen die reichsten zehn Prozent knapp 60 Prozent des gesamten Vermögens. Das Mittel beläuft sich auf knapp 81.000 Euro pro Person, wobei die Menschen in den alten Bundesländern rund 2,6 Mal so viel Vermögen besitzen wie jene in den neuen Ländern.

Zu den Gründen für die Konzentration des Vermögens sagte Grabka: "Schauen Sie sich doch zum Beispiel die Entwicklung der Aktienkurse und der Betriebsvermögen in den vergangenen Jahren an." Dagegen seien die Lohneinkommen kaum gestiegen. Erst Anfang des Monats hatte ein neues Gutachten der Hans-Böckler-Stiftung gezeigt, dass der aktuelle Konjunkturboom an Arbeitnehmern bislang vorbei gegangen ist. Abgesahnt haben demnach ganz überwiegend Unternehmer, Selbstständige, Aktienbesitzer und andere Kapitaleigner.

Vor wenigen Wochen hat Grabka zudem in einem Aufsatz dargelegt, dass die von den Volksparteien so umworbene Mittelschicht dramatisch geschrumpft ist. Zwischen 2000 und 2006 sank ihr Anteil an der Bevölkerung von 62 auf 54 Prozent, das entspricht einem Rückgang von 49 auf 44 Millionen Menschen. Dazu sagte er nun: "In Deutschland ist es in den letzten Jahren so gewesen, dass sowohl die Mittelschicht schrumpft als auch die Realeinkommen dieser Gruppe schrumpfen. Das ist eine ausgesprochen besondere Entwicklung."

Auch international wird die Ungleichheit größer

Im internationalen Vergleich ist in nahezu allen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine wachsende Ungleichheit bei den Einkommen zu beobachten. Aber das Tempo, das Deutschland vorlegt, ist dabei außergewöhnlich", sagte Grabka. "Deutschland hat hier in den letzten Jahren einen regelrecht dramatischen Aufholprozess aufgenommen - etwa zu Ländern wie Großbritannien, wo schon lange ein hohes Maß an Ungleichheit herrscht."

Wer ein Studium abschließt, kann in Deutschland relativ sicher damit rechnen, mehr Geld als der Durchschnitt zu verdienen. Laut OECD trugen das geringe Angebot an Akademikern und die steigende Nachfrage nach Hochqualifizierten zuletzt dazu bei, dass diese ihre Einkommensvorteile weiter ausbauen konnten. So erzielten 2005 Berufstätige mit einem Studienabschluss im Schnitt ein um 56 Prozent höheres Einkommen als Berufstätige, die nur über einen Realschulabschluss, Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügten. 1997 lag dieser Einkommensvorteil nur bei 33 Prozent.

Torsten Holtz, AP

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