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dm-Gründer Werner: "Ich will die Leute skeptisch machen"

Er hat dm zum zweitgrößten Drogeriemarkt in Deutschland gemacht, jetzt hat er den Vorsitz abgegeben: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Götz Werner, womit er sich als Rentner beschäftigt - und warum die Idee des Grundeinkommens viele Menschen so fasziniert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Werner, vor gut zwei Wochen haben Sie den Vorsitz der dm-Drogeriemärkte abgegeben. Wie lebt es sich als Rentner?

Werner: Das ist ein bisschen kokett mit dem Rentner. Ich stehe ja nicht plötzlich vor ganz neuen Aufgaben. Seit ich vor 35 Jahren mit einem Laden angefangen habe, musste ich immer wieder Aufgaben und Kompetenzen abgeben - ich kenne das also. Außerdem hat meine Idee vom Grundeinkommen eine solche Wucht entfaltet, dass ich mich zwangsläufig von der operativen Führung meines Unternehmens entfernt habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden sich jetzt mit voller Kraft auf die Verwirklichung des Grundeinkommens stürzen?

dm-Gründer Werner: "Ich bin kein Politiker"

dm-Gründer Werner: "Ich bin kein Politiker"

Werner: Ich stürze mich nicht drauf, das ist ein Sog. Ich frage niemanden, ob ich bei ihm einen Vortrag über das Grundeinkommen halten kann. Die Idee ist ein Kulturimpuls. Es muss eine Art Schwelbrand entstehen, damit sie eine Chance hat, wenn ihre Zeit gekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Werner: Die Menschen, die zu meinen Vorträgen kommen, sollen mit Fragen heimgehen, nicht mit Rezepten. Ich bin kein Politiker, der Leute überzeugen und Parolen verbreiten will. Ich will die Leute skeptisch machen. Sie sollen sich fragen, ob bestimmte Dinge mit der Idee des Grundeinkommens besser zu lösen wären.

SPIEGEL ONLINE: Warum findet die Idee gerade jetzt so viel Anklang?

Werner: Der Auslöser war der vergangene Bundestagswahlkampf. Alle Parteien haben von Vollbeschäftigung gesprochen. Aber die Menschen merken, dass in ihrem Umfeld Arbeitsplätze verloren gehen und sie in alten Arbeitsbereichen nicht mehr gebraucht werden. Um die neuen Dienstleistungsbereiche wie Bildung, Kultur, Soziales, Pflege und Familienarbeit, wo wir viel mehr Menschen bräuchten, kümmern wir uns noch nicht. Wir sehen den Überfluss - aber auch Menschen, die von Papierkorb zu Papierkorb laufen und den Müll durchwühlen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie dazu gebracht, sich mit der Idee der Grundsicherung zu beschäftigen?

Werner: Mir ist bei einem Einstellungsgespräch klar geworden, dass man eigentlich nicht für seine Arbeit bezahlt wird. Das Einkommen ist nicht die Bezahlung der Arbeit, sondern ermöglicht überhaupt erst eine Teilnahme am Arbeitsprozess.

SPIEGEL ONLINE: Erst wenn Geld für Miete und Essen da ist, kann überhaupt gearbeitet werden?

Werner: Genau. Wir sind keine Selbstversorger mehr, wir leben in einer Konsumgesellschaft. Wir sind darauf angewiesen, dass andere für uns tätig sind. Wir müssen also Leute finden, die einsteigen und mitmachen - das gilt nicht nur für ein Unternehmen, sondern für die Gesellschaft an sich. Ihr geht es nur gut, wenn Menschen sagen: Hier werde ich Lebensunternehmer.

SPIEGEL ONLINE: Und das wollen Sie mit dem Grundeinkommen erreichen?

Werner: Das Grundeinkommen sichert die Grundbedürfnisse ab. Erst dann kann man sagen: Jetzt zeig mal, was du kannst. Wir müssen die Verhältnisse ändern, die die Initiative bremsen. Da sind wir schnell bei der Einkommensfrage, bei der Steuerfrage. Je mehr Freiheit, desto größer die Chance, dass der Einzelne gute Arbeit leistet.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, dass jeder willens ist zu arbeiten?

Werner: Es wird immer Menschen geben, die partout nicht arbeiten, die in ihren Hängematten verschwinden - na und? Dann hängen sie diese wenigstens nicht mehr in den Unternehmen auf, sondern zu Hause im Garten.

SPIEGEL ONLINE: Das kann aber kein Argument für das Grundeinkommen sein.

Werner: Das hat auch nichts mit der eigentlichen Idee zu tun. Aber das Grundeinkommen würde vielen eine ganz neue Perspektive geben. Man wäre freier und in der Lage, überhaupt ein Risiko einzugehen. Dadurch wird das kreative Potential des Einzelnen frei, das würde die Gesellschaft voranbringen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie soll das finanziert werden?

Werner: Schon heute leben 62 Prozent der Bevölkerung hauptsächlich von Transferleistungen und nur noch 38 Prozent überwiegend von eigener Arbeit. Außerdem gibt es schon heute grundeinkommensähnliche Leistungen wie das Kindergeld. Diese Leistungen könnte man als Grundeinkommen in der Verfassung garantieren - und im Gegenzug alle Steuern bis auf die Konsumsteuer abschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch soll das Grundeinkommen sein? Sie sprechen mal von 700 Euro, dann von 1100 Euro.

Werner: Die Höhe richtet sich nach den Preisen, und zwar so, dass jeder davon bescheiden, aber in Würde leben kann. Diese Beträge gewähren wir auch heute, aber unter schikanösen Bedingungen. Wichtiger ist, dass es ausreichend Waren zum Konsumieren gibt. Das ist bei uns in Deutschland der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden trotzdem massiv kritisiert. Haben die Kritiker das System nicht verstanden? Oder ist vielleicht auch die Idee Unsinn?

Werner: Man versteht Dinge oft falsch, weil man keine Lust hat umzudenken. Denn man hat es sich in der Unzulänglichkeit der Verhältnisse gemütlich gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Davon lassen Sie sich nicht entmutigen?

Werner: Weil es die Politikfunktionäre sind, die die Idee als unsinnig bezeichnen. Aber die Menschen, die betroffen sind, verstehen genau, was ich meine. Immer wieder sprechen mich nach einer Fernsehaufzeichnung die Kameraleute, die Maskenbildner, die Kabelträger an und stimmen mir zu.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Werner: Weil sie mit einem Grundeinkommen genau das Gleiche tun würden wie bisher - aber mit einer neuen Freiheit. Wenn die Menschen ein Grundeinkommen hätten, würden sie arbeiten, weil sie wollen. Nicht, weil sie müssen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach schönster alt-linker Rhetorik. Haben Sie nicht Angst, dass Ihre Idee von politischen Parteien vereinnahmt wird, bevor sie eine Chance hat?

Werner: Wenn aus einer Idee zu früh eine Ideologie oder ein Programm gemacht wird, bilden sich Fraktionen und Gegner. Deswegen bin ich gar nicht so scharf drauf, dass sich Politiker und Parteien einmischen. Momentan ist es zum Glück so, dass die Frage des Grundeinkommens durch die ganze Gesellschaft geht, mit ganz überraschenden Frontverläufen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Werner: Es gibt Anhänger bei der Linken und den Grünen, weniger in der SPD und in der CDU - aber auch in der FDP. Die einen kommen mehr über die Steuer-, die anderen über die Gerechtigkeits-, die nächsten über die Freiheitsfrage.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird es dauern, bis das Grundeinkommen Realität wird?

Werner: Das kann ich nicht sagen. Wer hätte am 9. November 1989 abends um 20 Uhr gesagt, dass die Mauer fällt?

Das Interview führte Susanne Amann

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