Dokumentation Auszüge aus dem Lidl-Schwarzbuch

2. Teil: Interview: "Ich hätte mein Todesurteil unterschrieben"


Interview mit einer Lidl-Angestellten:

Christine C. bezeichnet sich selbst als Vollblutverkäuferin. "Ich habe für die Firma Lidl gelebt", sagt sie. Zuletzt als stellvertretende Leiterin einer Filiale im Nürnberger Raum. Eine bis eineinhalb unbezahlte Überstunden täglich hielt sie für normal. "Das war mehr oder weniger freiwillig, ich habe ja gut verdient". Gleichzeitig setzte sie sich allerdings dafür ein, dass die von 7 Uhr bis 7.30 Uhr - vor Ladenöffnung - geleistete Arbeitszeit der anderen Beschäftigten bezahlt wurde.

Lidl-Filiale: Billig auf Kosten der Arbeitnehmer?
DPA

Lidl-Filiale: Billig auf Kosten der Arbeitnehmer?

Soviel Anstand erregte Anstoß bei der übergeordneten Vertriebsleitung, die aber einlenken musste. Dann erfolgte im Januar 2004 nach sechs Jahren plötzlich der Rausschmiss. Drei Stunden Kreuzverhör, psychischer Druck und Drohungen durch einen Revisor führten dazu, dass Christine C. selbst kündigte, obwohl der Vorwurf des Diebstahls von 12,50 Euro Pfandgeld ganz offensichtlich konstruiert und völlig haltlos war. "Ich hätte in dieser Situation sogar mein Todesurteil unterschrieben", erinnert sie sich heute. Monatelang war die Kollegin so schockiert, dass sie jedem Gespräch mit uns auswich. Schließlich kam das Treffen doch noch zustande.

Ver.di: Wie erklären Sie sich, dass es die Firma Lidl gerade auf Sie abgesehen hatte?

Christine C.: Das kam völlig überraschend. Ich bin stellvertretende Marktleiterin gewesen, mit Leib und Seele Verkäuferin und bin jeden Tag mit Freude auf die Arbeit gegangen. Ich habe für die Firma Lidl gelebt. Aber ich habe mich immer für meine Kolleginnen eingesetzt, damit jede gearbeitete Stunde auch bezahlt wird. Dabei bin ich natürlich bei der Vertriebsleitung auf Widerstand gestoßen.

Ver.di: Lidl behauptet, dass es keine unbezahlten Überstunden gibt...

Christine C.: Es gibt die so genannten freiwilligen Vor- und Nacharbeiten. Ich habe zum Beispiel um 6.30 Uhr angefangen, obwohl ich erst ab 8 Uhr bezahlt wurde. Das war aber freiwillig, sagen wir mal so, sonst wären wir nicht fertig geworden und ich habe sonst ja gut verdient. Wir hatten jeden Tag vier Paletten, die bis zur Ladenöffnung eingeräumt sein mussten. Meine Kolleginnen kamen gegen 7 Uhr oder 7.15 Uhr, bezahlt wurde ab 7.30 Uhr. Sie haben dann allerdings gesagt, dass sie die Zeit bezahlt haben wollen. Da habe ich mich eben für sie eingesetzt. Schließlich sind die Stunden der Mitarbeiter dann bezahlt worden, wobei eine viertel Stunde in der Früh als Pause zählte.

Ver.di: Und Sie haben weiter unbezahlt gearbeitet?

Christine C.: Wie gesagt, ich habe nicht schlecht verdient. Und ich hab das mehr oder weniger freiwillig gemacht. Das waren ja nicht mehr als eine oder eineinhalb Stunden am Tag, die ich verschenkt habe. Ich hab`s gern getan, hab meinen Job eben geliebt. Lieber habe ich eher angefangen als dass ich Schwierigkeiten bekam, weil nichts fertig war.

Ver.di: Wie sieht es abends mit den Überstunden aus, nach Geschäftsschluss?

Christine C.: Die Vertriebsleitung sagt: Bis um 20 Uhr kriegt ihr bezahlt und wenn ihr länger braucht, ist das euer Pech. Ich weiß das auch von einer Nachbarfiliale. Da ist es gang und gäbe, dass sie noch bis 21.30 Uhr oder 22 Uhr im Laden sind, weil sie alles sauber machen müssen. Und in der Frühschicht geht es da um 6 Uhr los, bezahlt wird aber erst ab 7.30 Uhr. Aber mein Marktleiter und ich waren gut organisiert. Wir waren in unserer Filiale schon ein Superteam, aber dass wir so herzlich und gut miteinander ausgekommen sind, wird nicht gern gesehen. Die wollen ja Krieg unter den Mitarbeitern. Egal, wo ich hingegangen bin, in allen Filialen ist das so. Bei uns war das anders. Die Arbeiten, die man eigentlich nachher macht, haben wir zwischendurch erledigt. So konnten wir spätestens um 20.30 Uhr Feierabend machen.

Ver.di: Wenn Sie bis 20.30 Uhr gearbeitet haben...

Christine C.:... da bekam ich bis 20 Uhr den Spätzuschlag, danach aber habe ich noch eine Stunde hergeschenkt, weil das nicht bezahlt wurde.

Ver.di: Haben Sie denn überhaupt jemals Geld für Mehrarbeit bekommen?

Christine C.: Doch, natürlich. Wenn Inventur war bis - sagen wir mal - 24 Uhr, ist das bezahlt worden. Und wenn der Marktleiter krank war, ist es schon vorgekommen, dass ich 12 oder 13 Stunden gearbeitet habe. Das war eher die Ausnahme, ist aber immer bezahlt worden. Sie haben selbst gekündigt, nachdem Sie stundenlang jede Schuld von sich gewiesen haben und der Arbeitgeber nicht den Hauch eines Beweises vorlegen konnte.

Ver.di: Wie ist es dazu gekommen?

Christine C.: Mitte Januar 2004 rief mein Verkaufsleiter an und sagte, ich solle länger dableiben, weil wir noch eine Besprechung hätten. Ich fand das schon komisch. Dann dachte ich aber, sie wollten prüfen, ob ich die Gehaltserhöhung, die ich gerade bekommen hatte, auch verdiene. Sie kamen um 14.30 Uhr zu dritt - der Verkaufsleiter, ein Revisor und eine Rechtsanwältin - und forderten mich auf, ohne meinen Filialleiter in den Aufenthaltsraum zu kommen. Dann fragten sie mich über Kassenabrechnung, Kassenprüfung, Pfand usw. aus. Ich habe es halt nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet, aber sie haben dauernd auf mich eingeredet. Nach ungefähr eineinhalb Stunden - ich konnte da eigentlich schon nicht mehr, schließlich hatte ich zuvor schon fast acht Stunden gearbeitet - kamen sie endlich auf den Punkt und warfen mir vor, ich hätte 12,50 Euro Pfandgeld unterschlagen.

Ver.di: Wie haben Sie reagiert?

Christine C.: Ich hab zuerst noch gelacht und dann gesagt: Wie bitte? Warum sollte ich das denn machen, wo ich weiß, dass eine Kamera installiert ist? Ich würde so etwas sowieso nicht tun, wegen 12,50 Euro meinen Job aufs Spiel setzen, auf den ich angewiesen bin.

Ver.di: Woher wussten Sie, dass eine Videokamera installiert ist?

Christine C.: Das haben die auch gefragt. Es war ein dummer Zufall. Eines Morgens konnte ich die Eingangstür nicht mehr aufschließen, obwohl ich am Abend zuvor wie immer abgeschlossen hatte. Man muss dazu wissen, dass sich die Tür nur oben zusperren lässt, unten muss man das mit Gewalt machen und weil mir schon mal ein Schlüssel abgebrochen war, haben wir unten nie abgesperrt. Ich kam also nicht mehr rein und habe einen Notdienst gerufen.

Drinnen war keine Tür mehr abgeschlossen, alle waren nur zugeschlagen. Da war also eindeutig jemand drin, was ich telefonisch auch der Vertriebsleitung mitgeteilt habe. Die Vertriebsleiterin hat schroff reagiert und mich als dumm hingestellt, woraufhin ich gesagt habe: "Ich lass mir das nicht gefallen." Wir sind ins Streiten gekommen und sie meinte verärgert, ich solle das endlich auf sich beruhen lassen. Da habe ich gedacht, der Klügere gibt nach, aber hinterher kam eine Schikane nach der anderen.

Ver.di: Konnten Sie sich trotzdem Gewissheit verschaffen, dass die Filiale heimlich überwacht wurde?

Christine C.: Zunächst habe ich mit meinem Marktleiter geredet, weil mich die ganze Sache so gewurmt hat. Er sagte »Ich glaube, die haben eine Kamera installiert «. Später hat das unser Verkaufsleiter bestätigt, nachdem wir ein paar Mal nachgefragt haben. Wir sollten das aber den anderen Mitarbeitern nicht erzählen, was wir auch nicht getan haben.

Ver.di: Und wo war die Kamera?

Christine C.: Wir haben ein kleines Loch in der Decke entdeckt, das vorher nicht da war. Dort war die Kamera installiert. Sobald jemand die Pfandkasse bedient hat, ist sie wohl aktiviert worden. Ich weiß es nicht genau und in dem Gespräch mit den drei Lidl-Beauftragten Mitte Januar haben sie mir weder Auskunft gegeben noch das Band gezeigt, auf dem angeblich zu sehen war, wie ich das Geld in meine Schürzentasche steckte. Auch meinem Anwalt wurde das Band später nicht gezeigt, aber der Verkaufsleiter hat irgendwann später erzählt, dass die Aufnahme überhaupt nichts beweist. Man sieht zwar, dass ich kurz in die Tasche lange, aber ob ich nach einem Taschentuch, meinem Telefon oder sonst was greife, ist nicht zu erkennen. Geschweige denn, dass ich Geld einstecke, was ich ja auch nicht getan habe.

Ver.di: Wie ging das Kündigungsgespräch weiter?

Christine C.: Sie haben kein Argument gelten lassen und haben immer lauter auf mich eingeredet, wobei der Verkaufsleiter, der mich gut kannte und zu meinen Gunsten hätte aussagen können, offenbar Sprechverbot hatte und absolut nichts sagen durfte. Ich habe gesagt »Um Gottes Willen, ich habe nichts getan. Ich habe drei Kinder und bin auf die Arbeit angewiesen, warum sollte ich das wegen 12,50 Euro riskieren?" Ich bin dann rausgerannt und habe den Filialleiter geholt und er sagte, er würde beide Hände für mich ins Feuer legen. Sie haben ihn schnell wieder rausgeschickt und zu mir gesagt, es gäbe nur drei Möglichkeiten. Eine fristlose Kündigung, dann würden sie sofort die Polizei rufen. Zweitens einen Aufhebungsvertrag oder drittens eine Eigenkündigung. Der Revisor hat mir nahe gelegt, selbst zu kündigen, weil das für meine Zukunft besser wäre, falls ich noch mal eine Stelle als Verkäuferin haben wollte.

Ver.di: Wie haben Sie sich in dieser Situation gefühlt?

Christine C.: Mir hat alles gerauscht in den Ohren und ich hab gedacht «Oh Gott, mein Haus, meine Kinder. Wenn ich selbst kündige, krieg ich nicht mal Arbeitslosengeld». Ich war so fix und fertig und sie haben mich so eingeschüchtert, dass ich kaum noch wusste, wie ich heiße. Der Revisor diktierte mir dann die Kündigung, weil ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich hätte in dieser Situation sogar mein eigenes Todesurteil unterschrieben. Insgesamt habe ich drei Stunden mit denen gesessen und wollte nur noch weg. Ich bin dann irgendwie nach Hause gekommen und daheim zusammengebrochen. Am nächsten Tag war ich beim Anwalt, weil mein Mann darauf bestand.

Ver.di: Und wie ist die Sache ausgegangen?

Christine C.: In der Güteverhandlung vorm Arbeitsgericht ist überhaupt nichts herausgekommen. Sie haben mir dann eine ordentliche Kündigung vorgeschlagen und eine Abfindung von 1.000 Euro, was ich ausgeschlagen habe. Ich wollte ja zurück zu Lidl, weil ich gern dort gearbeitet habe. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich in einer anderen Filiale gearbeitet hätte, aber wir waren eine gute Mannschaft. Sie haben dann telefonisch gedroht, dass sie mich jeden Tag in eine andere Filiale schicken würden, falls meine Klage auf Wiedereinstellung durchkommt. Laut Arbeitsvertrag dürfen sie das sogar. Ich wollte nicht aufgeben, aber schließlich haben sie mir die Zahlung von drei Monatsgehältern und 5.100 Euro Abfindung angeboten. Mein Anwalt hat geraten, das anzunehmen, weil ja nicht klar war, was für ein Richter den Vorsitz in der Hauptverhandlung haben würde. Vielleicht hätte er gesagt, dass ich selbst schuld sei, weil ich die Eigenkündigung unterschrieben habe.

Ver.di: Haben Sie noch Kontakt zu ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen?

Christine C.: Ja, und ich habe ihnen geraten zu ver.di zu gehen, damit ihnen so etwas nicht passieren kann. Sie werden seit Januar mit Testkäufen und Kontrollen getriezt, obwohl wir immer eine Superinventur hatten. Ich finde, dass so etwas an die Öffentlichkeit gehört.



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