Dokumentation Auszüge aus dem Lidl-Schwarzbuch

Die Gewerkschaft Ver.di wirft Deutschlands zweitgrößtem Discounter Lidl systematische Verletzung elementarer Arbeitnehmerrechte vor. SPIEGEL ONLINE präsentiert Auszüge aus dem Schwarzbuch.


Schwarzbuch Lidl, Kapitel 1, S. 21: "Lidl in Deutschland - der ganz normale Wahnsinn"

Lidl-Schwarzbuch, erstellt von Andreas Hamann und Gudrun Giese: "Echte Pausen gibt es nicht"
DPA

Lidl-Schwarzbuch, erstellt von Andreas Hamann und Gudrun Giese: "Echte Pausen gibt es nicht"

Maren K. (Name geändert), Verkäuferin bei Lidl, seit mehr als vier Jahren in verschiedenen Berliner Lidl-Filialen beschäftigt, über ihren Alltag:

"Wenn ich in der Frühschicht arbeite, muss ich um 6 Uhr in der Filiale sein. Bis zur Öffnung um 8 Uhr müssen wir Obst, Gemüse, Brot und Non-Food-Artikel auspacken und in die Regale räumen. Für alle anderen Waren gibt es ein Packteam. Ab 8 Uhr sitze ich in der Kasse - mehr oder weniger pausenlos bis zum Schichtende um 14 Uhr. Echte Pausen gibt es nicht, höchstens mal für eine Zigarette oder für einen Gang zur Toilette kann ich die Kasse verlassen. Aber vielleicht bekommen wir ja irgendwann Windeln von Lidl gestellt. Die Nachmittagsschicht beginnt in der Regel um 14 Uhr und endet gegen 21, 21.30 Uhr.

Nachdem die Filiale um 20 Uhr geschlossen worden ist, müssen wir aufräumen, Frischware ausräumen und putzen. Bei der Schichteinteilung können wir zwar mitreden, aber typisch ist, dass wir gefragt werden, ob wir eine Stunde länger bleiben oder auch früher kommen können. Die Einsatzpläne gibt es mal zwei Wochen im Voraus, dann wieder mit nur drei Tagen Vorlauf. Und oft werden die Pläne kurzfristig geändert.

Pro Minute muss jede Lidl-Verkäuferin vierzig Produkte über den Kassenscanner ziehen. Wer diese Vorgabe vier Monate nach der Einstellung nicht schafft, fliegt. Zur Not werden dafür dann auch Kündigungsgründe konstruiert; etwa der Griff in die Kasse oder in die Pfandkasse. Allerdings sind bei uns inzwischen die separaten Pfandkassen abgeschafft worden; die Kunden erhalten jetzt einen Bon, der an der Hauptkasse verrechnet wird.

Doch mit der Begründung, dass Geld aus der Kasse verschwunden ist, sind schon etliche rausgeflogen. Leider können Filialleiter und andere Vorgesetzte jederzeit an unsere Kassenboxen, so dass Manipulationen möglich sind. Seltsamerweise haben bei den Kolleginnen, die angeblich in die Kasse gegriffen hatten, immer glatte Beträge, also beispielsweise fünfzig Euro, in der Abrechnung gefehlt.

Als weiterer Kündigungsgrund werden außerdem sehr gerne Testkäufe genutzt. Wenn jemand unbedingt durchfallen soll, gibt es unzählige Möglichkeiten, uns Verkäuferinnen auszutricksen. Da werden zum Beispiel zwei große Kartons mit Milchpackungen in den Wagen gestellt, und im unteren Karton ist ein Paket Kaffee versteckt. Oder aber es wird ein teures Kosmetikprodukt in den Umkarton eines billigeren gepackt. Wenn wir bei jedem Kunden nachprüfen würden, ob sie auf diese Weise etwas durchmogeln, dann könnten wir niemals vierzig Scanvorgänge pro Minute schaffen.

Und damit wäre schon wieder ein Kündigungsgrund geschaffen. Für mich selbst gibt es einen einzigen Grund, aus dem ich bei Lidl bleibe, und das ist das Geld. Ich bin inzwischen bei einem Stundenlohn von 12 Euro Brutto angelangt; das ist dann allerdings für eine Verkäuferin auch der Höchstlohn, und ich habe einen unbefristeten Vertrag. Auch Überstunden werden bezahlt. Allerdings muss sich jede Verkäuferin darum mehr oder weniger intensiv kümmern. Es ist auch schon passiert, dass sich eine Filialleiterin die Überstunden ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgeschrieben hat.

Die Personalstärke in den Filialen ist sehr unterschiedlich, aber grundsätzlich sind zu wenig Leute da. Wenn nach Einschätzung der Vorgesetzten angeblich zu viel Personal anwesend ist, werden Mitarbeiterinnen auch schon mal nach Hause geschickt. Gerne setzt Lidl Teilzeitkräfte ein, die nach Möglichkeit täglich arbeiten kommen. Ich habe Kolleginnen mit Sechzig-Stunden-Verträgen, die tatsächlich bis zu 160 Stunden im Monat arbeiten - oft als Springer in mehreren Filialen.

Ich lasse mich nicht so leicht einschüchtern. Bisher habe ich gegenüber Filial- oder Bezirksleitern immer meine Meinung gesagt. Aber viele trauen sich das nicht und geben lieber den Job auf, als sich gegen den ständigen Druck und gegen Mobbing zu wehren. Lidl ist es egal, wie lange die Leute in der Firma bleiben. Die setzen darauf, dass sie jederzeit neues Personal bekommen - und das trifft ja auch zu."



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.