Dollar auf Talfahrt USA bangen um ihre Kreditwürdigkeit

Erst Großbritannien, dann die USA - angesichts ihrer hohen Verschuldung müssen die Länder eine Herabstufung ihrer Bonität befürchten. Die Folge: Für US-Finanzminister Geithner könnte die Aufnahme neuer Kredite teurer werden.


New York/Frankfurt am Main/London - Der Euro erlebt zum Wochenabschluss einen wahren Höhenflug. Am Freitagmittag legte die Europäische Zentralbank den Referenzkurs mit 1,3972 Dollar fest. Zum Vergleich: Am Vortag lag der Wert bei 1,3771 Dollar. Selbst ein Erreichen des Jahreshochs jenseits der 1,40 Dollar-Marke erscheint wieder möglich.

Finanzminister Geithner, Präsident Obama: Defizitsenkung angekündigt
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Finanzminister Geithner, Präsident Obama: Defizitsenkung angekündigt

Grund für den starken Euro und den im Gegenzug schwächelnden Dollar sind Befürchtungen, dass den USA ähnlich wie Großbritannien wegen der hohen Staatsverschuldung ein Verlust der Bonitätsbestnote droht. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hatte am Donnerstag angekündigt, die britische Kreditwürdigkeit zu überprüfen.

S&P hatte ihren Ausblick von "stabil" auf "negativ" korrigiert - zum ersten Mal überhaupt seit mehr als 20 Jahren. Die Staatsverschuldung könne bald 100 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erreichen und mittelfristig auf diesem Niveau verharren, hieß es zur Begründung. Das sei mit der Bestnote "AAA" kaum vereinbar, mit der die Bonität Großbritanniens seit 1978 bewertet wird.

Die Wahrscheinlichkeit einer Herabstufung gab die Agentur mit eins zu drei an. Sie drohe vor allem dann, wenn sich die bis Mitte 2010 neu zu wählende Regierung nicht rasch an die Haushaltskonsolidierung mache. Der Staat nimmt wegen der Rezession weniger Steuern ein. Gleichzeitig steigen die Ausgaben - etwa wegen der Konjunkturprogramme.

"Das kam wirklich völlig unerwartet, und es wirft einige Fragen auf", sagte Geoffrey Yu, Währungsstratege bei UBS in London. Einige Länder hielten Pfund als Währungsreserven, wenn auch in einem geringen Umfang. Diese Länder könnten ihre Bestände verkaufen, warnte Yu.

Risikoaufschläge machen Kredite teurer

Durch das vernichtenden S&P-Urteil dürfte sich die Neuverschuldung für die Briten verteuern. Denn die Risikoaufschläge, die Investoren für den Kauf einer Staatsanleihe verlangen, hängen maßgeblich vom Rating des Emittenten ab. So stiegen in einer der ersten Marktreaktionen dann auch die Kosten von Kreditausfallversicherungen (Credit Defaul Swaps - CDS) auf britische Staatsanleihen.

Doch die Reaktion beschränkte sich nicht auf die Insel. Auch der US-Staatsanleihemarkt stand am Donnerstag unter starkem Verkaufsdruck. Experten gehen davon aus, dass den USA ebenfalls eine Herabstufung drohen könnte. Wie in Großbritannien dürfte die Staatsverschuldung in den Vereinigten Staaten auf mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ansteigen, heißt es. Ein solcher Schuldenstand ist laut S&P ähnlich wie in Großbritannien nicht mit der Bestnote von "AAA" für langfristige Staatsanleihen zu vereinbaren.

"Es gibt langfristigen Druck auf das Rating"

S&P-Konkurrent Moody's erklärte, man stehe zur Bonitätsnote "AAA" für die Vereinigten Staaten. Diese sei aber nicht auf ewig sicher. "Es gibt langfristigen Druck auf das Rating, das ist offensichtlich", sagte Moody's-Analyst Steven Hess. Standard & Poor's verwies dagegen darauf, dass die Agentur im Januar ihre Bestnote für die USA bestätigt habe. Seinerzeit hieß es in einem Analystenkommentar der Agentur, die Bestätigung erfolge ungeachtet merklich gestiegener Fiskalrisiken; dieser Anstieg sei aber vorübergehend.

Dennoch zeigte sich die US-Regierung alarmiert. Finanzminister Timothy Geithner kündigte in einer ersten Reaktion an, dass Staatsdefizit zu senken. Es sei sehr wichtig, "dass der Kongress und der Präsident alles in die Wege leiten, um die Defizite mittelfristig auf ein nachhaltiges Niveau zu bringen", sagte Geithner bei Bloomberg-TV.

Tatsächlich haben sich die Aussichten für den US-Staatshaushalt zuletzt verdüstert: Im laufenden Haushaltsjahr, das noch bis Ende September andauert, könnte das Minus bei 1,85 Billionen Dollar liegen, schätzte der parteiunabhängige Rechnungshof des US-Kongresses (CBO) Mitte März. Die Defizitprognose liegt über jener der US-Regierung, die im Februar einen Fehlbetrag von 1,75 Billionen Dollar kalkuliert hatte. Grund für die Schuldenexplosion sind sinkende Steuereinnahmen sowie die Ausgaben für das Konjunkturprogramm und zur Rettung der Finanzbranche.

Ein Ende der Schuldenmisere scheint nicht in Sicht: Die aktuelle Haushaltspolitik wird den USA den Berechnungen zufolge bis 2019 Riesendefizite von nahezu einer Billion Dollar jährlich bringen. Am Ende werde sich ein Schuldenberg von 9,3 Billionen Dollar auftürmen - 2,3 Billionen Dollar mehr als von der Regierung prognostiziert.

US-Regierung sieht Ende des Abschwungs

Angesichts der schlechten Nachrichtenlage üben sich US-Politiker im Optimismus: Die größte Volkswirtschaft der Welt zeige bereits eine "gewisse Rückkehr zur Normalität", beteuerte Präsident Barack Obama bereits am Mittwoch. Finanzminister Geithner sekundierte, auch das krisengeschüttelte Finanzsystem sei auf dem Wege der Erholung. "Es gibt wichtige Anzeichen dafür, dass unser Finanzsystem zu gesunden beginnt", erläuterte er vor einem Senatsausschuss.

Vorsichtiger äußerte sich allerdings die US-Notenbank im Protokoll ihrer jüngsten Sitzung, die allerdings schon rund drei Wochen zurückliegt. Darin bekräftigten die Mitglieder des Offenmarktausschusses, es gebe weiter "erhebliche Abwärtsrisiken" und das weltweite Finanzsystem sei nach wie vor "anfällig für weitere Schocks".

Bis Ende kommenden Jahres werde die US-Arbeitslosigkeit über neun Prozent liegen. Da sich die Schwierigkeiten des Bankensektors und der Kreditmärkte nur langsam verringerten, werde die erwartete Erholung 2010 nur verhalten ausfallen. Erst im Jahr darauf sei dann mit beschleunigtem Wachstum zu rechnen.

suc/Reuters/ddp/dpa

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