Dotcom-Phantasien Von Yoomba, Oodle und Kaboodle

Die Namen neuer Internet-Startups werden immer alberner, ihre Geschäftsideen ebenso. Manche im Silicon Valley halten das für innovativ. Andere dagegen sehen es als ein Omen dafür, dass die Tech-Blase bald platzt.

Von , New York


New York - Die Hoffnungen des Silicon Valleys ruhen auf Abazab oder Wakoopa, Frengo oder Qumana, Qoosa, Tagtooga oder Tendango. Ganz zu schweigen von Ooma, BooRah und natürlich Picaboo.

Was klingt wie Buchstabensuppe oder Tolkiens Telefonbuch ist die Tech-Zukunft. So jedenfalls sehen es die, die sich diese Namen ausgedacht haben - Namen für kleine, brandneue Internet-Startups, die alle möglichen Spezialdienste verrichten, vom redaktionellen Bearbeiten von Blogs ( Qumana) über das Telefonieren via Internet ( Ooma) bis hin zum Erstellen von Fotoalben ( Picaboo).

Kein Zweifel: Die Namen von Internet-Startups werden immer alberner, obskurer, schriller - und ihre Geschäftsideen ebenso. Manche sehen es als Beleg für innovativen Witz, andere allerdings interpretieren das Kauderwelsch als Omen dafür, dass der Tech-Boom bald sein Ende erreicht. "Ein absolutes déjà vu", sagte der Investor David Chao dem "Wall Street Journal" (WSJ) jetzt. "Da draußen gibt es heute genau so viel Schrott wie 1999." Und 1999 war bekanntlich das Jahr vor dem letzten großen Tech-Crash.

Die Nomenklatur des Silicon Valleys hat längst absurde Züge angenommen. Analog zu Promi-Eltern, die ihre Kinder Apple, Peaches oder Moon Unit taufen, verpassen Jungunternehmer ihren Dotcom-Säuglingen Fantasienamen, die "klingen wie eine Kreuzung aus Babysprache, Scat-Gesang und dem Landungsgruß von Außerirdischen" ("Los Angeles Times").

"Kurz, simpel, einfach zu buchstabieren"

Als Social-Networking-Alternative zu Facebook und MySpace bieten sich zum Beispiel Tagtooga und Tendango an. Restaurantkritiken findet man auf BooRah, kostenlose E-Mails verschicken kann man via Yoomba (es sein denn, man hat einen Mac). Yoombas CEO Elad Hemar erklärt den Namen so: Wie Google habe Yoomba ein Doppel-O in der Mitte, und es sage dem Nutzer, dass es nur um ihn gehe, weil yoo klinge wie "You".

Aufs Google-"oo" setzen auch Oodle (Kleinanzeigen), Kaboodle (Shopping-Tipps), Renkoo (Kalender), Wakoopa (Software-Sharing) und Orgoo (Web-Organisation). Andere lassen ihre lautmalerische Fantasie spielen. Zipidee (digitales Shopping) kommt von "Zip-a-Dee-Doo-Dah", einem Song aus dem Disney-Film "Onkle Remus' Wunderland" von 1946. Der Texting-Service Twitter ist das englische Wort für Vogelzwitschern - denn, so erläutert Mitgründer Biz Stone: "Jedes Mal, wenn ich Vögel höre, habe ich das Gefühl dieses kurzen Ausbruchs von Information."

Das kann auch mal daneben gehen. Der Israeli Ariel Maislos nannte seine Breitbandchip-Firma Passave - hebräisch für Breitband. Doch das konnte keiner richtig aussprechen. Sein jüngstes Voicemail-Unternehmen heißt deshalb Pudding. "Jeder mag Pudding", sagte Maislos der "LA Times". Leider hat auch das einen Haken: Die Web-Domäne pudding.com war schon vergeben. Dort gibt es Pudding-Rezepte.

"Kurz, simpel, einfach zu buchstabieren" - so lautet der Rat des Werbefachmanns Joshua Steimle von der Webdesignfirma MWI für neue Dotcom-Namen. Mit einem Vorbehalt: "Nicht zu albern". Die englische Vokabel für albern ist übrigens "goofy". Und wer das als Adresse in seinen Browser eintippt, der landet automatisch auf der Disney-Homepage.

Ein Fünftklässler als Dotcom-Gründer

Parallel zu den Namen werden auch die Funktionen und Dienste, die die Startups anbieten, immer abstruser. Mehr und mehr Firmen zieht es in die Nische der Nische.

ZocDoc hilft einem, Termine beim Zahnarzt zu machen - "auf der Stelle". Das Mini-Unternehmen hat zwar Investoren, aber in Manhattan gerade mal zwei Prozent aller verfügbaren Zahnärzte in seinem Archiv.

Schwag ist ein Startup für Startups: Es liefert neuen Dotcom-Firmen einmal im Monat ein Care-Paket mit logobedruckten T-Shirts und anderem Werbekitsch. DanceJam dient sich als Plattform für hausgemachte Musikvideos an, sein Chefstratege ist der ausrangierte Rapper MC Hammer. PlaySpan, eine Computerspiel-Website, behauptet, vom Fünftklässler Arjun Mehta "in einer Garage im Silicon Valley" (Achtung: Hewlett-Packard-Copyright!) gegründet worden zu sein. In Wirklichkeit steckt freilich sein Vater Karl Mehta dahinter.

Sind das alles Anzeichen, dass das Ende naht? Das zumindest findet der Risiko-Investor Howard Hartenbaum aus San Francisco, dessen Firma Draper Richards LP sich dieser Tage mit Geldspritzen für neue Startups absichtlich zurückhält: "Mir scheint es, als steckten wir in einer Blase", sagte er dem "WSJ". So bekomme er immer mehr unausgereifte Angebote - sowie recycelte Neuauflagen verrückter Ideen, die bereits im ersten Tech-Boom kläglich gescheitert seien.

Der Mann im rosa Polohemd

Andere sehen es nicht so dramatisch. "Meine Theorie ist, dass die nächste Blase erst kommt, wenn alle aufhören, dauernd von Blasen zu reden", wiegelt Internet-Pionier und Netscape-Erfinder Marc Andreessen ab. Auch Dotcom-Berater Michael Arrington, Chef des Tech-Blogs "TechCrunch", sieht die Auswucherungen irrer Namen und Geschäftsvorschläge als normal: "Es ist so billig, ein Web-Startup zu gründen, dass wir noch viel mehr davon sehen werden."

Trotzdem, Risiko-Investoren wie Hartenbaum zeigen immer weniger Lust für solche Dotcom-Späßchen. Im zweiten Quartal dieses Jahres drosselten sie die Gelder für neue Startups spürbar: Da machten sie nach Angaben der Research-Firma Dow Jones VentureOne nur 3,23 Milliarden Dollar für Startup-Projekte flüssig, 62 Prozent weniger als im Vergleichzeitraum des Vorjahres - der größte Schwund an Risikokapital seit 2002.

Dass dem Dotcom-Boom, Blase oder nicht, zumindest etwas die Luft ausgeht, dafür zeugt auch die immer größere Verbreitung von "Freebies" im Silicon Valley - Gratisleistungen für Kunden und Angestellte. Googles "Perks" sind längst Legende (Luxus-Cafeterias, Gratis-Wäschedienst, Pendlerdienste, Skitrips in die Sierra Nevada). Doch auch die Kleinsten der Kleinen lassen sich inzwischen nicht lumpen.

Viele neue Firmen zahlen ihre Büromieten in Aktienoptionen. Die Foto-Internetseite RockYou lässt seine Mitarbeiter umsonst im Großmarkt Costco einkaufen. Das Websearch-Startup Powerset, das sich als Konkurrenz zu Google profilieren will, schickt Models in Laborkitteln auf Tech- Konferenzen, um die Teilnehmer mit "Power Shots" aus Wodka und Cranberry-Saft zu betören. "Verräterische Anzeichen einer Blase", fürchtet Risikokapitalist David Hornik.

Und dann ist da noch der Mann in Rosa. HidePinkShirtGuy heißt die etwas mysteriöse Website, und ihr einziger Sinn ist es offenbar nur, das Konterfei eines unbekannten, älteren Herren in rosarotem Polohemd in andere Fotos einzubauen. "Dies ist ein Schrein für den Pink Shirt Guy", heißt es auf der Homepage. "Keine Ahnung, was das ist", seufzt Erick Schoenfeld von "TechCrunch". "Aber es ist kein Geschäft."

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