Dresdner Bank im "Dritten Reich" Hitlers willige Banker

Lange versuchte die Dresdner Bank, ihre unrühmliche Rolle im "Dritten Reich" in die Vergessenheit zu schweigen. Jetzt legt sie eine monumentale Studie vor: 2400 Seiten, auf denen minutiös dargestellt wird, dass die Bank im Nazireich viel skrupelloser agierte als angenommen.

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Hamburg - Im Frühjahr 1939 benötigten die Deutschen Erd- und Steinwerke (DEST) einen Kredit mit dem erklecklichen Volumen von fünf Millionen Reichsmark. Man wandte sich an die Dresdner Bank, die schon zuvor in kleinerem Rahmen gute Dienste geleistet hatte. Damit wurde das Geldinstitut endgültig zur Bank des Vertrauens für die SS: Die DEST waren das erste Häftlingsunternehmen der Organisation. Sie betrieben später unter anderem ein Kieswerk in Auschwitz, eine Kiesgrube in Treblinka und einen Steinbruch im polnischen Arbeitslager Blizyn, wo sich Tausende zu Tode schufteten.  

Angeklagte der Nürnberger Prozesse: Ex-Dresdner-Bank-Vorstand Karl Rasche (hintere Reihe, 4. von re.) bekam sieben Jahre Haft
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Angeklagte der Nürnberger Prozesse: Ex-Dresdner-Bank-Vorstand Karl Rasche (hintere Reihe, 4. von re.) bekam sieben Jahre Haft

Kaum ein anderes privatwirtschaftliches Unternehmen hatte so enge Beziehungen zur SS wie die Dresdner Bank, erklärt der Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr. Sie vergab etwa 30 Prozent aller Kredite für die Unternehmen der verbrecherischen Organisation und stellte ihr insgesamt rund 47,7 Millionen Reichsmark zu Verfügung. Im Gegenzug transferierte die SS-Führung riesige Guthaben auf Dresdner-Bank-Konten, die gleichzeitig als Sicherheit für die Kredite galten. Es war ein gutes Geschäft für beide Seiten. Dabei habe die Bank "aufgrund ihrer Verbindungen zu SS-Betrieben schon bald nach Beginn der planmäßigen Ermordung der Juden im Frühjahr 1942 gewusst, dass sie Geschäfte mit Massenmördern machte", schreibt Bähr in seiner Untersuchung. 

Die Analyse dieser dunklen Unternehmungen ist nur ein Kapitel einer monumentalen, vierbändigen Untersuchung*, die heute in Berlin vorgestellt wird. Sie trägt den nüchternen Titel "Die Dresdner Bank im Dritten Reich". Acht Jahre haben zehn Historiker an dem Werk gearbeitet, insgesamt haben sie zwölf Kilometer Aktenmaterial ausgewertet. 1,6 Millionen Euro hat sich die Dresdner Bank die historische Aufarbeitung ihrer Geschichte kosten lassen.

Die dicken Bücher scheinen wie ein Symbol für einen radikalen Kurswechsel zu sein, den die Dresdner Bank erst 1997 vollzog. Bis dahin hatte das Institut branchentypische Verschwiegenheit auch in Bezug auf seine Vergangenheit gepflegt. Während die Deutsche Bank bereits 1995 eine klare Darlegung ihrer Rolle im Nazireich veröffentlichte, strickte die Dresdner Bank noch in einer Festschrift zu ihrem 125-jährigen Bestehen - im Jahr 1997 - an der Legende eines Unternehmens, das in der NS-Zeit eifrig gegen den zunehmenden Druck von Staatsseite ankämpfte.

Dabei war der ehemalige Dresdner-Bank-Vorstand Karl Rasche bei den Nürnberger Prozessen zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, auch die Nähe des Geld-Instituts zu SS-Reichsführer Heinrich Himmler war hinlänglich bekannt. Angesichts solch offensichtlicher historischer Tatsachen sorgte die Geschichtsklitterung zum Jubiläum für helle Empörung. Der damalige Dresdner-Bank-Vorstandschef Jürgen Sarrazin sah sich gezwungen zu handeln.

"Die Bank hätte anders handeln können"

Die zentrale Aussage des jetzt vorgelegten 2400-Seiten-Werks fasst Historiker Bähr mit einem Satz zusammen: "Die Zusammenarbeit der Bank mit dem NS-Regime war sehr viel breiter als bisher gedacht." Immer wieder stellten die Forscher bei ihren Untersuchungen die Frage nach der Verantwortung des Geldinstituts. Die Antwort ist erschütternd. In ihren unternehmerischen Entscheidungen nutzen alle Beteiligten mit erschreckender Nüchternheit die teils zynischen Geschäftsmöglichkeiten, die sich unter dem NS-Regime boten.

Im Rahmen der "Arisierung" freute sich die Bank über ihr anziehendes Kreditgeschäft - für den Kauf jüdischer Besitztümer stieg der Finanzierungsbedarf der "arischen" Kundschaft erheblich. Ab 1938 wurden die Bezüge der jüdischen Betriebsrentner willkürlich und erbarmungslos zusammengestrichen, manchmal um über 30 Prozent. Und die Ausrottungspolitik der Nazis nutze die Führungsspitze der Bank geschickt aus, um in den besetzten Gebieten günstig zu expandieren.

Auch zu den Geschäften mit der SS sei die Bank keineswegs gezwungen gewesen, erklärt Historiker Bähr. Die Bayerische Staatsbank etwa konnte eine Finanzierungsanfrage der SS sehr wohl ablehnen. An unfreiwilligen Partnerschaften habe die Partei-Organisation überhaupt kein Interesse gehabt, weil sie in dem sensiblen Bereich der Finanzen Wert auf äußerste Diskretion legte. "Geradewegs bei ihren verwerflichsten Geschäften im 'Dritten Reich' wäre es für die Dresdner Bank zweifellos möglich gewesen, anders zu handeln", erklärt der Herausgeber der Studie, der Zeithistoriker Klaus-Dietmar Henke, in seinem Schlusswort.

Die enge Verbindung zum NS-Staat war der Studie zufolge dabei keineswegs darauf zurückzuführen, dass die Bank wegen der verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise 1931 in Staatsbesitz übernommen und erst 1937 wieder reprivatisiert wurde. Zwar installierte das Hitler-Regime in dieser Zeit die beiden "Karriere-Nazis" Emil Meyer und Karl Rasche im Vorstand, die später eifrig an der Nazifizierung des Instituts weiter arbeiteten. Ansonsten aber blieb die Führungsspitze der Bank in ihren Entscheidungen immer unabhängig. Und die guten Kontakte der SS-Mitglieder Rasche und Meyer wurden von Aufsichtsrat und Vorstand außerordentlich wohlwollend betrachtet - aus geschäftlichem Interesse. Auch Carl Goetz, der noch bis Mitte der sechziger Jahre Aufsichtsratschef der Bank war, segnete die Kredite an die SS ab und pflegte Beziehungen zu Nazi-Größen wie etwa zu Reichswirtschaftsminister Walther Funk.

Die Dresdner Bank in den dreißiger Jahren: Haupt-Kreditgeber der SS

Die Dresdner Bank in den dreißiger Jahren: Haupt-Kreditgeber der SS

Zum "offenen Mittäter" an den nationalsozialistischen Verbrechen wurde die Bank den Historikern zufolge auch durch ihre Beteiligung an der Breslauer Huta Hoch- und Tiefbau AG. Die Huta errichtete die Gebäude mehrerer Krematorien in Auschwitz-Birkenau, außerdem konstruierte sie Wirtschafts-, Entlausungs- und Wohnbaracken in dem Vernichtungslager. Die Dresdner Bank war mit einer Kapitalbeteiligung von rund 26 Prozent Huta-Großaktionär. Sie besaß außerdem Vorzugsaktien, die ihr in bestimmten Fragen bis zu zwanzigfaches Stimmrecht einräumten. Bei den Hauptversammlungen 1942 und 1943 vertrat das Geldinstitut nahezu sämtliche Anteilseigner. Obendrein war der stellvertretende Leiter der Dresdner-Bank-Filiale in Breslau noch Aufsichtsratschef bei Huta.

Es sei nicht klar, ob die Bankzentrale über den Krematoriumsbau informiert war, resümiert Historiker Bähr. Schließlich war die Beteiligung nur eine von vielen. Außerdem waren für das Bauunternehmen die Bank-Filialen in Breslau und Kattowitz zuständig. Dennoch seien der Einfluss der Bank auf die Huta und damit auch die historische Verantwortung nicht von der Hand zu weisen. Schließlich sei kaum ein Unternehmen "dem Zentrum des Holocausts so nah" gewesen wie die Huta.

Mit der Vergangenheit umgehen - nur wie?

Mit der erheblichen historischen Bürde will die Dresdner Bank nun offensiv umgehen. Wie schwer das sein kann, erfuhr sie, noch bevor die Studie überhaupt veröffentlicht war: Mit dem Plan, zu diesem Anlass im Jüdischen Museum in Berlin ein Forschungskolloquium abzuhalten, stieß das Geldinstitut auf schroffe Kritik. Die Wahl des Museums habe einen "Hautgout", erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Samuel Korn, dem SPIEGEL. Es entstehe der Eindruck, man wolle sich dadurch "des Wohlwollens von jüdischer Seite versichern". Der Vorsitzende der Berliner Gemeinde, Gideon Joffé, schimpfte: "Es hat den Anschein der Absolution und dadurch einen faden Beigeschmack."

Die Bank-Sprecher wichen erschreckt zurück, nun wird das Werk in den eigenen Berliner Räumlichkeiten vorgestellt. Schließlich will man historische Sensibilität demonstrieren. Vorstandschef Herbert Walter verweist deshalb auch immer wieder auf den von der Bank ausgeschriebenen Victor-Klemperer-Wettbewerb für Schüler und die 2003 gegründete Eugen-Gutmann-Gesellschaft, die an der deutschen Bankengeschichte weiter forschen soll.

Da gibt es auch noch einiges zu tun. Auf die Frage, was ihn persönlich bei der Arbeit mit den Dresdner-Bank-Akten besonders entsetzt habe, erklärt Wissenschaftler Bähr: "Der Umgang mit der Vergangenheit in der Nachkriegszeit." Angesichts der in den fünfziger Jahren eingehenden Entschädigungsforderungen von Opfern des "Dritten Reichs" habe es an jeglichem Unrechtsbewusstsein gefehlt. Zwar sei das ein gesellschaftstypisches Phänomen gewesen, erschreckt habe es ihn aber schon, sagt Bähr. "Da findet man immer wieder das Stereotyp vom Juden, der jetzt wieder die Hand aufhält", erklärt auch der Historiker Dieter Ziegler, der das Verhalten der Bank gegenüber jüdischen Kunden und Mitarbeitern untersuchte. Die Geschichte der Dresdner Bank bis 1957 ist nun Thema weiterer Forschungsarbeiten. Spätestens Anfang 2007 soll eine entsprechende Veröffentlichung fertig sein.



*Klaus-Dietmar Henke (Hg.): Die Dresdner Bank im Dritten Reich; in vier Teilbänden von Johannes Bähr, Dieter Ziegler, Harald Wixforth und Klaus-Dietmar Henke, München, Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2006



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