Fünf Jahre nach dem Absturz Was wurde eigentlich aus Dubai?

Crash, Boom, Bang im Wüstensand: Vor fünf Jahren stand Dubai am Rand des Bankrotts. Doch das Emirat schaffte die Wende. Jetzt wird wieder gebaut und gefeiert - so sehr, dass die Angst vor einer neuen Blase wächst.

Von , Dubai

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Dieser Weltrekord hat dem Wüstenwunder-Emirat noch gefehlt: das größte Shoppingcenter der Menschheitsgeschichte. 4,5 Millionen Quadratmeter soll die "Mall of the World" umfassen. So hat Dubais Herrscher Scheich Mohammed Al Maktum es gerade angekündigt. Das entspricht der Fläche von 630 WM-tauglichen Fußballfeldern. 100 Hotels, Tausende Geschäfte und einen Vergnügungspark soll der Konsumtempel-Komplex fassen: alles komplett überdacht und durchklimatisiert, damit die Besucher auch bei 48 Grad Sommerhitze und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit unbeschwert Geld ausgeben können.

"Mall of the World"-Modell: 4,5 Millionen Quadratmeter soll das Einkaufszentrum groß werden
AFP

"Mall of the World"-Modell: 4,5 Millionen Quadratmeter soll das Einkaufszentrum groß werden

Das Modell der Super-Mall, das ihre Schöpfer in spe im Erdgeschoss eines Wolkenkratzers aufgestellt haben, glitzert und schillert wie all die Miniaturen der exzentrischen Megabauten, die sich Dubai zu seinen besten Zeiten geleistet hat. Als hätte es dazwischen keinen Crash gegeben. Als hätte das Emirat Ende 2009 nicht knapp vor dem Ruin gestanden. Und auch der einst so gebeutelte Scheich Mohammed drischt wieder Sprüche wie "Wir sind fest entschlossen, unsere Vision zu verwirklichen."

Die fetten Jahre sind zurück. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man das zweitgrößte der Vereinigten Arabischen Emirate heute besucht. Die vielen Kräne, die vor vier Jahren kurzzeitig fast verschwunden waren, stehen nun wieder ganz oben auf halbfertigen Himmelstürmen, um noch ein paar Stockwerke draufzulegen. Heerscharen pakistanischer Bauarbeitern in Blaumännern wuseln auf den Rohbauten herum. Und auf der Scheikh Zayed Road, Dubais Hauptverkehrsader, staut sich der Verkehr wie zu besten Blasenzeiten. "Seit Dubai den Zuschlag für die Weltausstellung 2020 bekommen hat", sagt Dalia Abu Samra-Rohte, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutsch-Emiratischen Industrie- und Handelskammer, "sehen wir wieder extremen Optimismus."

Metro an der Sheikh Zayed Road: "Ordinary is for other people"
DPA/Government of Dubai

Metro an der Sheikh Zayed Road: "Ordinary is for other people"

Extrem geht es in Dubai schon seit fast 25 Jahren zu. "Ordinary is for other people", verkündete der Herrscher auf einer überlebensgroßen Werbetafel. Ein Monsterprojekt nach dem nächsten ersonnen die rekordvernarrten Scheichs: drei künstliche, kilometerlange Inseln in Palmenform, den höchsten Turm der Welt, den größten Flughafen der Erde, den sie ganz und gar unbescheiden "World Central International Airport nannten". Und aus aller Herren Länder kamen Menschen her: Arbeitsmigranten, Top-Manager, Glücksritter. Die Wüste lebte.

Dann aber offenbarte die weltweite Finanzkrise: Das kleine Dubai hatte sich übernommen in seinem auf Pump finanzierten Größenwahn. Die Staatsholding Dubai World, Bauherrin vieler der spektakulärsten Projekte, konnte ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Immobilien- und Aktienpreise fielen ins Bodenlose. Nur Notkredite des großen Bruderemirats Abu Dhabi und seines Herrschers Chalifa Bin Sajid Al Nahjan retteten Dubai vor dem Bankrott.

Dafür musste das Wüstenwunder-Emirat teuer bezahlen. Gerüchten zufolge übernahm die Nahjan-Familie aus Abu Dhabi die Kontrolle über einige Vorzeigeunternehmen der Maktums aus Dubai, bestätigt haben es die rivalisierenden Clans nie. Anfang 2010 folgte dann Dubais ultimative Demütigung - zur Einweihung des höchsten Wolkenkratzers der Erde wurde das Gebäude umbenannt: von Burdsch Dubai in Burdsch Chalifa. Zu Ehren und wohl auf Wunsch des großen Retters aus Abu Dhabi. Das war ungefähr so, als würde man das neue Wahrzeichen Düsseldorfs dem Stadtvater von Köln widmen.

Burdsch Chalifa: Ultimative Demütigung für Dubais Herrscher
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Burdsch Chalifa: Ultimative Demütigung für Dubais Herrscher

Jetzt funkelt das Burdsch Chalifa im Nachthimmel, als wäre nichts gewesen, werden überall in der Stadt neue Tower in den Sand gesetzt, wird in den Klubs wieder durchgetanzt. Fast fünf Prozent ist die Wirtschaft 2013 gewachsen, die Börsenkurse haben sich seit Anfang 2013 fast verdreifacht. Und die Immobilienpreise sind teilweise wieder auf oder über Vor-Crash-Niveau.

"Das Beste, was Dubai passieren konnte, waren Unruhen und Kriege"

Der Himmel über dem alten Stadtzentrum kommt nicht zur Ruhe. Turbinen heulen durch die Nacht. Rushhour auf dem Internationalen Flughafen von Dubai - zwischen 23 und 2 Uhr Nachts startet oder landet hier durchschnittlich alle 39 Sekunden ein Jet. Fast 190.000 Passagiere werden täglich durch den Airport geschleust. "Wir bauen gerade schon wieder ein neues Terminalgebäude, sonst würden wir so viele Menschen gar nicht bedienen können", sagt Flughafenchef Paul Griffiths. Um mehr als 15 Prozent ist die Passagierzahl 2013 gestiegen - vor allem dank des ungebrochenen Wachstums des Staatsfliegers Emirates.

Airport von Dubai: Alle 39 Sekunden ein Jet
REUTERS

Airport von Dubai: Alle 39 Sekunden ein Jet

Damit hat Dubais erster Flughafen Frankfurt überholt. 2014 dürfte Dubais Flughafen rund 70 Millionen Reisende anziehen. Am Montag hat Dubais Herrscher Scheich Mohammed angekündigt, bis zu32 Milliarden Dollar in die Erweiterung des neuen Dubai World Central Airport zu investieren. Der Flughafen soll Mitte der Zwanzigerjahre bis zu 200 Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen können. Der zurzeit weltgrößte Flughafen von Atlanta kam vergangenes Jahr auf 94 Millionen Passagiere.

Hier am Flughafen schlägt das Herz der Stadt. Das wissen Dubais Obere. "Wir haben auch auf dem Höhepunkt der Krise immer Geld für Investitionen bekommen", sagt Griffiths. Als es hart auf hart ging, hat Dubai die Pomp-Projekte der Wüste überlassen und sich auf die alten Stärken konzentriert: Flughafen, Emirates, der Hafen. Und so ist die Golfmetropole heute mehr denn je Treffpunkt von Orient und Okzident, ob als Messezentrum, Durchgangsstation für Reisende - oder Zufluchtstätte für Vermögende aus umliegenden Krisengebieten.

"Das Beste, was Dubai passieren konnte, waren die Unruhen und Kriege in der Region", sagt ein hoher westlicher Banker. "Der Arabische Frühling war die Wende für die hiesige Wirtschaft." Als die Menschen in Tunis, Kairo oder Bahrain auf die Straße gingen, um gegen ihre alten Herrscher zu protestieren, strömte wieder vermehrt Geld aus der arabischen Welt nach Dubai. Und als in Libyen und Syrien das Blutvergießen begann, kamen die Anleger in Scharen. "Im Arabischen Frühling hat es hier von Investoren gewimmelt. Syrien, Jordanien, Ägypten wurden vermögenden Saudis, Kataris oder Iranis damals zu unsicher", erzählt der österreichische Immobilienentwickler Josef Kleindienst. "Dubai hingegen ist die Schweiz des Mittleren Ostens: sicher, neutral, strenges Bankgeheimnis."

Dubai ist vielleicht schon die bessere Schweiz

Vielleicht ist Dubai sogar schon die bessere Schweiz - zumindest für Anleger, die ihr Geld vor Nachstellungen der Steuerbehörden schützen wollen. "Es hat Dubai sicher nicht geschadet, dass die Schweiz kürzlich ihr Bankgeheimnis lockern musste", sagt ein Finanzmanager. Angeblich sollen Tausende ihr Vermögen nach Dubai umgeschichtet haben. Zumal das Emirat anders als die Schweiz noch kein internationales Abkommen zum automatischen Informationsaustausch in Steuerfragen unterschrieben hat.

Das Geld und die Euphorie treiben die Immobilienmärkte nach oben. Mitte 2014 waren die Verkaufspreise für Wohnobjekte im Schnitt gut 35 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Dabei sind die Spuren des Crash kaum zu übersehen.

Wer Dubai anfliegt, erblickt neben der ersten, berühmten Palmeninsel eine zweite. Palm Jebel Ali ist aufgeschüttet, aber menschenleer, ein paar Betonpfeiler stehen einsam im Sand. Sie sollten das Fundament der Hochbahn für die neue Wunderwelt bilden. Dann kam der Crash, die Arbeiter zogen ab. Bis heute ist Palme 2 unbesiedelt.

Künstliche Insel The Palm Jebel Ali: Aufgeschüttet, aber menschenleer
REUTERS

Künstliche Insel The Palm Jebel Ali: Aufgeschüttet, aber menschenleer

Solche Überbleibsel erloschener Bauwut gibt es noch einige hier: Geisterviertel, Betongerippe von Wolkenkratzern, eine verlassene Rennstrecke, auf der die Formel 1 nie gefahren ist. Wie Mahnmale stehen sie in der Wüste herum. Und doch starten Bauherren in anderen Vierteln neue Megavorhaben wie die Mall of the World. Bildet sich gerade die nächste Blase?

"Wir fürchten, dass solche ehrgeizigen Projekte zu einem weiteren Boom-Bust-Zyklus führen könnten", sagt Jean-Michel Saliba, Arabien-Experte bei Bank of America Merrill Lynch. Dubais Volkswirtschaft sei noch stark kreditfinanziert. Auch der Internationale Währungsfonds warnt vor "einer möglichen, potenziell zerstörerischen Korrektur". Und wie der Problemkonzern Dubai World bis 2018 das Gros seiner Schulden von etwa 25 Milliarden Dollar zurückzahlen soll, darüber rätseln alle. "Dieser Ort wird immer Ups und Downs erleben", sagt ein Bankier. "Aber niemand kann vorhersagen, wann es wieder bebt."

Nachhaltigkeit nimmt Dubais Wachstumsmodell weder in ökonomischer noch in ökologischer Sicht besonders wichtig. Und so erscheint auch Dubais nächster Crash weniger als eine Frage des "Ob" als eine des "Wann".

Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Airkraft 09.09.2014
1. Nach der Blase...
Nach der Blase ist bekanntlich vor der nächsten Blase ;-)
Mart-73 09.09.2014
2.
Der größte Superlativ ist und bleibt für mich eine intakte und möglichst unveränderte Natur. Solche Orte existieren auch heute glücklicherweise noch zu Genüge. :-) Nur in Dubai ist davon nicht mehr viel übrig. Daran ändert auch die Sucht nach nutzlosem Protz rein gar nichts mehr!
fatherted98 09.09.2014
3. Steueroase...
...viel mehr ist Dubai nicht. Ein Handelszentrum wie Singapur....nö...zwar könnte man da was machen...aber das Interesse ist eher gering. In Dubai geht es darum weltweites Kapital zu horten und zu verwalten...und natürlich die Menschen nach Dubai zu locken...für Urlaub und Konsum...nur Schade das das Land so wirlich gar nichts zu bieten hat ausser riesige Hotels und Einkaufsmalls.
frank_rademacher 09.09.2014
4. riesige Hotels und Einkaufsmalls, das war`s
mehr hat Land wirklich nicht zu bieten. Und günstig ist es oben rein auch nicht. Aber was will erwarten von einem Land das in Wirklichkeit von den westlichen Kolonialherren erschaffen wurde.
Ärztekollektiv 09.09.2014
5. Miserabler...
...Artikel über eine widerliche Stadt.
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