Düstere Konjunkturprognosen Bundesrepublik droht Rekord-Rezession

Vier Prognosen, vier Alarmrufe: Deutsche, Commerz-, Post- und Bundesbank warnen einstimmig vor einer katastrophalen Rezession 2009. Ein Institut hält gar den schlimmsten Wirtschaftsabschwung seit dem Zweiten Weltkrieg für möglich - die Aufträge der Industrie brechen schon ein.


Berlin - Der Abschwung hat die deutsche Wirtschaft voll erfasst: Im Oktober sind die Bestellungen in der Industrie im Vergleich zum Vormonat um 6,1 Prozent abgesackt, teilte das Wirtschaftsministerium am Freitag in Berlin mit. Das ist der stärkste Rückgang seit der Wiedervereinigung. Volkswirte hatten mit einem Anstieg um 0,4 Prozent gerechnet. Im September waren die Auftragseingänge um 8,3 Prozent zurückgegangen, nachdem in der Erstschätzung ein Minus von 8,0 Prozent ermittelt worden war.

Hamburger Hafen: Nachfrage im In- und Ausland geht zurück
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"Der Einbruch ist inzwischen noch dramatischer als in der Rezession 1992/93", heißt es in einer Studie der Postbank vom Freitag. Üblicherweise folge auf einen massiven Rückgang eine technische Gegenbewegung. Dass diese im Oktober nicht nur ausgeblieben, sondern sogar ein noch maliger Absturz erfolgt sei, lasse die aktuelle Entwicklung in der Industrie in einem ausgesprochen schlechten Licht erscheinen. "Mit einem Wort: katastrophal."

Deutschlands Wirtschaftswachstum seit 1962 (mit OECD-Prognose für 2008 und 2009)
DER SPIEGEL

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Und ein Ende ist nicht in Sicht: Die Negativserie bei den Auftragseingängen wird sich nach Einschätzung des Wirtschaftsministeriums weiter fortsetzen. "Die Industrieproduktion wird sich angesichts der anhaltenden Auftragsschwäche in den kommenden Monaten weiter rückläufig entwickeln", kommentiert das Ministerium die Zahlen. Der Rückgang der Bestelltätigkeit gehe weiter. Dabei nehme die Nachfrage aus dem Ausland - insbesondere aus der Euro-Zone - stärker ab als die aus dem Inland.

Insgesamt erwarten Experten, dass Deutschland im kommenden Jahr in eine schwere Rezession rutschen wird. Nach Einschätzung der Commerzbank steht der Bundesrepublik die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg bevor. "Eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht", heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Studie des Bankhauses.

Der Einbruch der Auftragseingänge in der deutschen Industrie setzt sich demnach fort. Das Bruttoinlandsprodukt werde im vierten Quartal deutlich zurückgehen. Angesichts des offensichtlichen Einbruchs der Industrieproduktion bestünden weiter Abwärtsrisiken. Die deutsche Wirtschaft könnte 2009 stärker als um die bisher veranschlagten 1,2 Prozent schrumpfen.

Zuvor hatten bereits Experten der Bundesbank eine düstere Prognose vorgelegt: Für 2009 erwartet das Institut einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,8 Prozent. Damit kappten die Experten ihre Juni-Prognose von plus 1,4 Prozent deutlich. Die konjunkturellen Aussichten hätten sich seit Herbst markant verschlechtert, lautet die Begründung. Im Winterhalbjahr 2008/09 sei mit einem "erheblichen Rückgang" der realwirtschaftlichen Aktivität zu rechnen, hieß es.

Mit der Prognose liegt die Bundesbank auf einer Linie mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Der hatte für 2009 einen Rückgang des BIP in Deutschland um 0,8 Prozent prognostiziert. Die Bundesregierung hatte ihre Erwartungen Mitte Oktober nach unten korrigiert und rechnet noch mit einem leichten Anstieg um 0,2 Prozent. Zuvor lag die Vorhersage noch bei einem Plus von 1,2 Prozent.

Auch die Deutsche Bank legte eine pessimistische Prognose für 2009 vor: Im kommenden Jahr könne das Bruttoinlandsprodukt um bis zu vier Prozent schrumpfen, sagte der Chefvolkswirt der Bank, Norbert Walter, der "Bild"-Zeitung. Die Wahrscheinlichkeit dafür betrage "rund ein Drittel", sagte der Ökonom. Sollte sich die Prognose bewahrheiten, wäre dies die größte Krise seit Bestehen der Bundesrepublik. Als mögliche Ursachen für einen solchen Einbruch nannte Walter unter anderem eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in Russland und im Nahen Osten.

cvk/dpa-AFX



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