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Düstere Prognose: OECD warnt vor drastischem Wirtschaftseinbruch in Deutschland

Massiver Rückgang der Exporte, deutlich mehr Arbeitslose: Deutschland steht einer OECD-Studie zufolge vor einer schweren Rezession. Die Organisation hat ihre Konjunkturprognose stark gesenkt - und fordert weitere Wirtschaftsimpulse von der Bundesregierung.

Paris - Die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) erwartet in Deutschland eine tiefe Rezession. Die deutsche Wirtschaftsleistung werde in diesem Jahr um 5,3 Prozent einbrechen, prognostizierte die OECD in einem Sonderbericht zum G-20-Weltfinanzgipfel. Dem folge nur ein Miniwachstum von 0,2 Prozent im kommenden Jahr.

Arbeiter reinigt Windrad: Deutschland drohen fünf Millionen Arbeitslose
AP

Arbeiter reinigt Windrad: Deutschland drohen fünf Millionen Arbeitslose

Die exportabhängige deutsche Wirtschaft leide besonders unter dem weltweiten Einbruch der Nachfrage, heißt es in dem Bericht. Die OECD senkte deshalb ihre Konjunkturprognose deutlich. Im November hatte sie lediglich einen Einbruch der Wirtschaftsleistung von 0,9 Prozent vorausgesagt.

Weitere Konjunkturmaßnahmen seien erforderlich, sagte OECD-Chefvolkswirt Klaus Schmidt-Hebbel. Diese sollten vor allem zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit dienen.

OECD erwartet über fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland

Zuvor war bekannt geworden, dass die Arbeitslosenquote in Deutschland auch im März leicht angestiegen war - auf 8,6 Prozent. Damit sind 3,6 Millionen Menschen in Deutschland als arbeitslos registriert. BA-Chef Frank-Jürgen Weise sagte, der konjunkturelle Abschwung wirke sich "zunehmend auf den Arbeitsmarkt aus". Die drei wichtigsten Indikatoren des Arbeitsmarktes hätten sich negativ entwickelt. "Die Arbeitslosigkeit stieg, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nahm ab, und die Arbeitskräftenachfrage ging weiter zurück", sagte Weise.

Die OECD sieht darin einen Trend. "Die Arbeitslosigkeit wird 2009 wahrscheinlich drastisch und 2010 weiter anziehen", heißt es in ihrem Wirtschaftsausblick. "Unserer Prognose zufolge wird die Arbeitslosenquote auf 11,5 Prozent im Jahr 2010 steigen und damit die Marke von fünf Millionen Arbeitslosen übertreffen", sagte Schmidt-Hebbel.

Die deutsche Regierung hat im Kampf gegen den Abschwung bislang gut 80 Milliarden Euro investiert, etwa für Abgabensenkungen und die Abwrackprämie. Davon stehen Schmidt-Hebbel zufolge weniger als zehn Prozent für eine aktive Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung. Deutschland habe hier noch "Spielraum", sagte er. Denkbar sei etwa, die Jobvermittlung zu stärken und Problemgruppen gezielt zu fördern.

Die Staatsverschuldung in Deutschland wird laut OECD rasant steigen. Das Staatsdefizit werde in diesem Jahr auf 4,5 Prozent und 2010 auf 6,8 Prozent klettern. Die Organisation empfiehlt daher, die Konjunkturmaßnahmen zeitlich zu befristen und den Staatshaushalt wieder in Ordnung zu bringen, sobald sich die Wirtschaft gefangen habe.

OECD pessimistischer als Weltbank und IWF

Die weltweite Wirtschaftsleistung wird nach Einschätzung der OECD um 2,75 Prozent zurückgehen. "Die Weltwirtschaft ist mitten in der tiefsten und am stärksten synchronisierten Rezession, die wir je erlebt haben", sagte Schmidt-Hebbel. Damit ist die OECD deutlich pessimistischer als die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, die mit einem Schrumpfen um bis zu zwei Prozent rechnen. Laut Weltbank könnte die globale Wirtschaft in diesem Jahr um 1,7 Prozent schrumpfen, der Welthandel um mehr als sechs Prozent einbrechen.

Die Rezession werde sich im Jahresverlauf verschärfen, bevor im kommenden Jahr eine Erholung schrittweise Fuß fasse, die durch die Konjunkturprogramme beflügelt werde, teilte die OECD weiter mit. Für 2010 sagen die OECD-Experten ein mageres Plus für die Weltwirtschaft von 1,25 Prozent voraus.

Die Arbeitslosigkeit werde in den OECD-Mitgliedstaaten in den kommenden Monaten kräftig steigen und ihren Höhepunkt erst 2010 oder Anfang 2011 erreichen. Allein in den sieben größten Industriestaaten (G7) seien Ende kommenden Jahres wohl 36 Millionen Menschen ohne Arbeitsplatz - etwa doppelt so viele wie Mitte 2007. Das unterstreiche, wie wichtig es sei, die Konjunkturprogramme durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zu ergänzen, um soweit wie möglich einen Anstieg der strukturellen Arbeitslosigkeit zu verhindern, sagte Schmidt-Hebbel.

Absturz der Weltwirtschaft- Wachstumsprognose der OECD*
für 2009 für 2010
weltweit -2,7 0,2
Euro-Zone -4,1 -0,3
Deutschland -5,3 0,2
Frankreich -3,3 -0,1
Großbritannien -3,7 -0,2
Italien -4,3 -0,4
Japan -6,6 -0,5
Kanada -3,0 0,3
USA -4,0 0,0
OECD gesamt -4,3 -0,1
* Bruttoinlandsprodukt, Veränderung zum Vorjahr in Prozent
Quelle: OECD

cte/Reuters/AP/dpa

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