Durchbruch am Gotthard Freie Bahn für freie Bürger

Europa wächst ein gutes Stück zusammen, der neue Gotthard-Tunnel wird an diesem Freitag durchgebrochen. Bald rast die Bahn hier so schnell zwischen Nord und Süd wie nie zuvor. Die Schweiz hofft, dass das Rekordbauwerk ihren Ruf restauriert - nach Finanz-, Minarett- und Steuersünderkrise.

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Aus Luzern berichtet Michael Soukup


Tief im Berg, fast 700 Meter unter dem Alpenkamm, versammelt sich an diesem Freitag die Schweizer Politprominenz. Um in die längste Röhre zu schauen, die der Mensch je für seine Fortbewegung gebaut hat.

Endlich, nach elf Jahren Bauzeit und insgesamt 12,2 Milliarden Franken (9,1 Milliarden Euro) Baukosten, erfolgt der Durchbruch im längsten Eisenbahntunnel der Welt - dem 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel. Um 14 Uhr werden die letzten 1,5 Meter Fels in der Oströhre durchbrochen. Der Schweizer Verkehrsminister Moritz Leuenberger nennt ihn das "Weltwunder der Schweiz und das längste Weltwunder der Welt".

Die Reisedauer von Zürich nach Mailand wird sich auf zwei Stunden und 40 Minuten verkürzen, also um rund eine Stunde. Gegraben wird das Jahrhundertwerk aber in erster Linie, damit der europäische Frachttransport vermehrt über die Schiene abgewickelt werden kann. 2017 soll Eröffnung sein, wenn das weitere Vorgehen nach Plan geht. Unter anderem muss erst noch der Durchbruch in der Weströhre erfolgen, wo der Berg nachgerutscht ist.

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Gotthard-Basistunnel: Alles zur Rekord-Röhre
Am Ende sollen statt heute 1,3 Millionen nur noch maximal 650.000 Lkw pro Jahr die Schweizer Alpen durchqueren. Denn wie alle Alpentransversalen erstickt auch der Gotthard-Straßentunnel im Brummiverkehr. Wartezeiten von zehn Stunden während der Hauptreisezeit sind die Regel. Der neue Gotthard-Tunnel wird über ausreichend Kapazität verfügen, um alle Güter, die heute über die Autobahn hin- und hergefahren werden, auf die Schiene zu verlagern.

Ein gigantisches Projekt - mit dem die Schweizer der Welt an diesem Freitag zeigen wollen, dass sie geniale Tunnelbauer sind und vor allem keine Schmarotzer. Der Ruf des Landes hat in den vergangenen Jahren durch Finanzkrise, Steuerfluchtaffären und das populistische Verbot von Minaretten gelitten. "Jetzt können wir einen Kontrapunkt setzen", sagt Renzo Simoni, Chef der AlpTransit Gotthard, der "Neuen Luzerner Zeitung". Die Schweiz könne ein starkes positives Signal nach Europa schicken, sogar in die ganze Welt. "Die Botschaft heißt: In der Schweiz geht etwas, wir machen etwas für Europa und für eine nachhaltige Verkehrspolitik. Das wird dem Ruf des Landes dienen."

Damit die Botschaft ankommt, überträgt das Schweizer Fernsehen das historische Ereignis in einer siebenstündigen Livesendung, die Millionen kostet. 200 Journalisten aus aller Welt kommen, aus Deutschland Vertreter aller großen Fernsehsender. Nur europäische Politiker fehlen - konkret sämtliche europäischen Verkehrsminister, denn ausgerechnet am 15. Oktober findet in Luxemburg deren vierteljährliches Treffen statt. Sie lassen sich via Satellit zuschalten. "Moritz allein im Tunnel", spottete der "Tages-Anzeiger" mit Blick auf den Schweizer Minister Leuenberger.

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Gigantomanie am Bau: Die zehn spektakulärsten Verkehrsprojekte
Besonders stolz ist die Schweiz, dass die sogenannte Neue Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) weitgehend selbst finanziert wird - und dass das riesige Projekt vergleichsweise reibungsarm umgesetzt wird. Wie es sich in der Schweiz gehört, war das Volk praktisch von Anfang am Entscheidungsprozess beteiligt. So stimmten 1992 fast zwei Drittel der Wähler dem Megavorhaben zu. Bei Stuttgart 21 lief die Diskussion vor allem zwischen Parlament, Regierung und Justiz, was heute sogar die Befürworter als schlechte Kommunikation geißeln.

Die Schweiz entwickelt sich zu einem Pendlerland

In der Schweiz können es mittlerweile selbst notorische Autoliebhaber kaum erwarten, dass die Lkw durch die Bahn von der Straße geholt werden. Vier von fünf Eidgenossen befürworten einer neuen Umfrage zufolge, dass am Gotthard der Gütertransit von der Straße auf die Schiene kommt. Zwei von drei sprachen sich für ein komplettes Lkw-Fahrverbot im Gotthard-Tunnel aus.

Die Euphorie ist so groß, dass die "Basler Zeitung" schon fragte, ob es in der Stadt an der deutschen Grenze künftig mehr gut gekleidete Leute geben werde - weil Mailand näher rücke. Der Basler Regierungsrat Hans-Peter Wessels antwortete ohne ironischen Unterton: "Das wäre natürlich ein schöner Effekt. Die Schnellzug-Verbindungen nach Paris führen zu Shoppingtrips übers Wochenende. Das wird auch mit Mailand passieren."

Europa wird mit der Einweihung des Gotthard-Basistunnels ein Stück zusammenwachsen - aber auch die Schweiz, die sich zunehmend zu einem Pendlerland entwickelt. So rückt das lange von den anderen Kantonen isolierte Tessin auf S-Bahn-Distanz. "Der Einzelne kann etwa in Zürich oder Bern arbeiten, aber weit weg wohnen und dort die Steuern zahlen", sagte Verkehrsminister Leuenberger dem Zürcher "Tages-Anzeiger".

Wobei die neue Mobilität ihren Preis hat. Was Gegner des neuen Alpentransits von Anfang an befürchtet haben, dürfte sich bewahrheiten: Die beiden neuen Alpenquerungen am Gotthard und Lötschberg (2007 eröffnet) werden sich vermutlich nie rechnen - darauf deuten inzwischen viele Kalkulationen hin.

Es sei denn natürlich, die Schweiz würde alle Lkw auf die Schiene zwingen. Doch bei diesem ehrgeizigen Vorhaben wird die EU wohl niemals mitmachen.



insgesamt 38 Beiträge
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jObserver 15.10.2010
1. "Nie rechnen"?
Gewagt. Halten doch gute Tunnel durchaus ihre hundert(e) Jahre. Wir benutzen heute noch allerorts Tunnel aus dem 19. Jahrhundert. Bei so einer Laufzeit "rechnet" sich alles.
at.engel 15.10.2010
2. Ein Tunnel... toll...
... damit die Güter rollen und ein paar reiche Basler in Mailand shoppen gehen können?! Sind ein paar Banken in (selbstverschuldeter) Not oder geht es darum, Güter von einem Ende Europas zum anderen zu bringen, werden natürlich Milliarden investiert und auch geopfert. Geht es darum, endlich einmal soziale Minima zu schaffen, eine gemeinsame rechtliche Grundlage für alle Europäer zu schaffen - vielleicht auch für die Reichen - werden alle Bremsen gezogen. Die einzelnen Staaten dürfen zwar die verschiedenen Sektoren nicht unterstützen - würde ja den Wettbewerb fälschen - aber für die Arbeitslosen und das soziale Desaster, das jedesmal entsteht, wenn mal wieder ein Sektor kaputt ist, dafür ist dann in Brüssel nie jemand zuständig. Und solange diese Differenzen der Industrie nützen, ist erlaubt was geht - siehe Ryan Air, und natürlich alle anderen auch - sobald sie aber ein bischen Gerechtigkeit schaffen würden, schreien sämtliche Lobbys in Brüssel auf, und bekommen dann auch prompt recht. Kurz, Europa, das war einmal eine schöne Idee, und dieses Europa hat auch sicher etwas besseres verdient, als das, was die letzten 30 Jahre gemacht wurde, aber ob es da nun einen Tunnel mehr oder weniger gibt..., wen soll das bitte interessieren, solange hier Industrie und Reiche systematisch auf Kosten der Gemeinschaft leben, und dann abziehen, wenn es nichts mehr zu holen gibt. Das betrifft natürlich die Schweiz, aber bei weitem nicht nur...
nemesis001 15.10.2010
3. Zug um Zug
Dann muss die EU eben von der Schweiz ein bisschen erpresst werden. Ab auf die Schiene mit dem Güterverkehr und zwar möglichst in ganz Europa. (Ich weiß, dass das nicht von heute auf gestern geht) Ich finde diesen Tunnel ein Meisterwerk der Technik. Da zeigen die Schweizer mal wieder was möglich ist und das ganze auch noch ohne großes TamTam und Rumgedemonstriere. Wenn ich das, zumindest bei den Kosten vergleichbare, Projekt S21 incl. NBS dagegen seh... Da könnten wir in Dtl noch einiges lernen.
Flussball08 15.10.2010
4. einen schlechten Ruf?
Zitat von sysopEuropa wächst ein gutes Stück zusammen: Der neue Gotthard-Tunnel wird an diesem Freitag durchgebrochen.*Bald rast die Bahn hier so schnell zwischen Nord und Süd wie nie zuvor. Die Schweiz hofft, dass das Rekordbauwerk ihren Ruf restauriert - nach Finanz-, Minarett- und Steuersünderkrise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,723108,00.html
Mit etwas Verlaub. Die Finanzkrise wurde nicht durch den Schweizer Finanzplatz verursacht. Die Minarettkrise wurde durch einen Volksentscheid geradezu verhindert. Die Steuersünderkrise wurde durch Steuersünder verursacht, und da war kein Schweizer dabei. Einzig der Ruf der Schweizer Schokolade ist ungerechtfertigt.
charly1902 15.10.2010
5. An die eigene Nase fassen...
Dieser Artikel spiegelt eine ziemliche Arroganz und Ignoranz deutscher Journalisten wieder: - An der Finanzkrise ist sicher nicht die Schweiz Schuld... - Auch die Steuersünder-Affäre wird in der Schweiz komplett anders diskutiert. Während die Mafia mittlerweile Deutschland als das Land auserkoren hat um ihre Schwarzgelder zu waschen (ja, Schwarzgelder waschen ist etwas komplett anderes als Steuern zu hinterziehen, das ist mir bewusst), wundern sich Deutsche Mittelständler, dass sie schon seit Jahren kein Geld mehr in der Schweiz anlegen können, ohne einen Nachweis über dessen Versteuerung zu erbringen. D.h. die Steueraffäre bezieht sich auf Gelder die schon seit Ewigkeiten in der Schweiz liegen - und deren Aufarbeitung eben eine gewisse Zeit braucht - Die Sarazin-Debatte hat gezeigt, dass Deutschland der Schweiz in ihrem Minarett-Verbot in nichts nachsteht Und nun soll die Schweiz ihren Ruf mit Hilfe des Goitthard-Tunnels rehabilitieren? Das ist lächerlich! Zumal das sofort die Frage aufwirft: was macht Deutschland? Es gibt Abmachungen, dass parallel zum Gotthard-Tunnel die Rheintalstrecke in Deutschland ausgebaut werden muss - ansonsten macht die NEAT nämlich wirklich keinen Sinn... aber Deutschland diskutiert lieber über Stuttgart 21 und verweist reflexartig schon mal darauf, dass die Schweiz bitte nicht alle LKW an der Grenze auf die Schiene zu verlegen hat. Wenn die Deutschen ihren Abmachungen nächkämen, dann wäre dies gar nicht nötig, denn dann würden die Container schon am Hamburger Hafen auf die Schiene verladen. Aber das wird freundlicherweise vom Autor verschwiegen.
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