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E-Mail-Flut und Handy-Terror: Bürowahnsinn kostet Unternehmen Milliarden

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Handys, Blackberrys, Internet: Der Arbeitnehmer von heute sollte dank moderner Technik effizient sein. Doch tatsächlich verursacht der Schnickschnack viel zu viel Druck und Stress - das Büroleben des 21. Jahrhunderts kostet die Wirtschaft Milliarden.

Hamburg – Eine neue E-Mail im Postfach nicht lesen? Unmöglich, auch wenn man geistig gerade woanders ist. Das Handy piepst, weil eine neue SMS eingelaufen ist, und man guckt nicht sofort nach? Schwierig. Könnte ja wichtig sein. Ist die Kurznachricht abgeschickt, muss man sich freilich ganz neu sortieren. Und bald klingelt schon wieder das Telefon. Oder das Faxgerät spuckt etwas aus. Oder ein Kollege stürmt ins Zimmer mit Gesprächsbedarf. Das Büro des 21. Jahrhunderts ist zur Kommunikationshölle geworden. Wer einen Blackberry hat, trägt den Wahnsinn auch außerhalb der Dienstzeiten stets bei sich.

Typische Büroszene: "Sehr viel schlimmer, als ich es mir je vorgestellt hätte"
DDP

Typische Büroszene: "Sehr viel schlimmer, als ich es mir je vorgestellt hätte"

Die nie endende Informations- und Datenflut überfordert Arbeitnehmer zunehmend. Die US-Wissenschaftlerin Gloria Mark hat den Alltag der Büroangestellten zweier Hightech-Firmen protokolliert. Die Realität sei noch "sehr viel schlimmer, als ich es mir je vorgestellt hätte", sagte die Wissenschaftlerin danach der "New York Times" zufolge. Die Zeit, die ihre Versuchsobjekte ungestört an einer Arbeit sitzen konnten, bevor sie abgelenkt wurden, betrug im Durchschnitt gerade einmal elf Minuten. Nach der Unterbrechung beschäftigten sie sich zunächst mit mehreren anderen Themen. Erst nach 25 Minuten kehrten sie zu ihrer ursprünglichen Aufgabe zurück.

Der Irrsinn in vielen Büros des 21. Jahrhunderts hat in den USA eine ganze Forschungsdisziplin zum Blühen gebracht, die früher eher ein Randdasein fristete: Die "Interruption Science" - die Unterbrechungs-Wissenschaft. Doch auch außerhalb dieser Disziplin berechnen Wissenschaftler immer häufiger die Folgen der dauernden Ablenkungen. Dabei bedient man sich gerne der Maßeinheiten Geld oder Zeit, um die Folgen möglichst eindrücklich zu vermitteln.

Die Kosten des ständigen Büro-Multitaskings für die US-Wirtschaft bezifferten Forscher des Beratungsunternehmens Basex beispielsweise auf jährlich etwa 588 Milliarden Dollar. Wissenschaftler des Henley Management Colleges kamen nach der Befragung von 180 Führungskräften aus Deutschland, Großbritannien, Dänemark und Schweden zu dem Schluss, dass Manager im Durchschnitt dreieinhalb Jahre ihres Lebens mit unwichtigen oder überflüssigen E-Mails verplempern.

Wie wenig Menschen eigentlich dafür gemacht sind, über ein halbes Dutzend Kanäle gleichzeitig zu kommunizieren, zeigt auch ein etwas bizarr anmutender Vergleich von Forschern des Londoner King's College. Sie ließen zwei Versuchsgruppen dieselben Aufgaben erledigen. Die eine bekam parallel mehrere E-Mails zugesandt. Die andere Gruppe kiffte vor der Arbeit. Die Kiffer schafften mehr als die Probanden, die gleichzeitig mit ihren E-Mails beschäftigt waren.

Doch nicht nur der zunehmende Stress im Büro kostet die Menschen Zeit und die Wirtschaft Unsummen. Auch der Druck, den viele Arbeitnehmer im Arbeitsalltag empfinden, ist teuer. Dem Gesundheitsministerium zufolge sind etwa die Krankmeldungen in Deutschland in den vergangen Jahren um 20 Prozent gesunken. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres fehlten Arbeitnehmer durchschnittlich 3,6 Arbeitstage. Das ist der niedrigste Krankenstand in den alten Bundesländern seit Einführung der Lohnfortzahlung 1970.

Die wenigen Fehltage sind aber nicht etwa ein Zeichen, dass die Deutschen gesünder geworden wären - stattdessen schleppen sich Arbeitnehmer einfach öfter etwa mit Grippe oder Bronchitis ins Büro. Die Kosten dieses von Wissenschaftlern schon Präsentismus getauften Phänomens liegen nach Angaben von Wissenschaftlern im "Journal of the American Medical Association" beim Doppelten oder Dreifachen dessen, was krankheitsbedingte Fehltage verursachen.

Immer mehr Arbeitnehmer gingen außerdem mit Angst zur Arbeit, sagen auch die Wissenschaftler Windrief Panse und Wolfgang Stegmann von der Fachhochschule Köln. Durch deren eingeschränkte Leistungsfähigkeit entstehen den Berechungen der Forscher zufolge in Deutschland jährlich Kosten in Höhe von mehr als 100 Milliarden Euro - doppelt so viel wie noch 1998. Allein durch die Folgen von Mobbing komme ein Schaden von 18 bis 60 Milliarden Euro zustande, je nachdem wie hoch man das Gehalt der Opfer als Berechnungsgrundlage ansetzt.

Zuviel Multitasking macht krank

Vor allem in den USA erkennen Unternehmen zunehmend die heimlichen Kostenfallen der Arbeitswelt. Immer mehr Firmen geben entsprechende Studien in Auftrag. Viele Unternehmen mahnen Mitarbeiter, auf ihre Gesundheit zu achten. Und natürlich gibt es auch schon geschäftstüchtige Berater, die das Management des täglichen Chaos lehren. So ist Marsha Egan schon zu einem Talkshow-Star avanciert, weil sie Leuten beibringt, mit ihren E-Mail-Massen umzugehen - für eine entsprechende Gage.

Vor allem in den USA ist auch das sogenannte Attention Deficit Trait weit verbreitetes Gesprächsthema. Die Konzentrationsschwäche ist im Gegenteil zum bekannten Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom nicht genetisch bedingt, sondern schlicht Folge von zu viel Hektik. Wer zu vielen Informationen auf einmal ausgesetzt ist und alles auf einmal erledigen will, kann sich irgendwann gar nicht mehr konzentrieren, wird aggressiv und unproduktiv.

Firmen wie Microsoft tüfteln schon an Software, die das Kommunikationschaos ordnet und etwa E-Mails oder Anrufe nur zu bestimmten Zeiten durchstellt. Das Problem ist allerdings: Der Computer müsste von selbst erkennen, wann der Nutzer Ruhe braucht und welche Nachrichten trotzdem ohne Aufschub übermittelt werden müssen. Denn in dem Moment, in dem man diese Frage den Menschen vor dem Bildschirm etwa mittels einer Ampeltechnik selbst entscheiden lässt, greift wieder das alte Problem: Der innere Drang des modernen Büromenschen, einfach alle Informationen sofort abzurufen.

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