EADS-Krise Politiker fürchten um Airbus-Standort Hamburg

Bei EADS jagt eine Krisensitzung die nächste - deutsche Politiker sind alarmiert. Es mehren sich die Hinweise, dass der Bund bei EADS einsteigen könnte, falls sich DaimlerChrysler von seinen Anteilen an dem Luftfahrtkonzern trennt.

Von Tim Höfinghoff


Hamburg - Während sich die Auslieferung des Großraumfliegers A380 weiter verzögert und sich die Krise beim Mutterkonzern EADS Chart zeigen zuspitzt, sind Politiker der Großen Koalition zunehmend beunruhigt. Spitzenpolitiker von Union und SPD befürchten, dass der Luft- und Rüstungskonzern entscheiden könnte, den A380 nur noch in Frankreich zu bauen. Bisher erhält das größte Passagierflugzeug der Welt seine Inneneinrichtung in Hamburg-Finkenwerder, von dort aus soll es auch an die Kunden ausgeliefert werden.

Airbus-Mitarbeiter (in Toulouse): "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man durch eine Verlagerung an andere Standorte den Fertigungsprozess beschleunigen kann", sagt Hamburgs Wirtschaftssenator
AP

Airbus-Mitarbeiter (in Toulouse): "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man durch eine Verlagerung an andere Standorte den Fertigungsprozess beschleunigen kann", sagt Hamburgs Wirtschaftssenator

In den vergangenen Tagen machten Berichte die Runde, dass sich die staatliche Förderbank KfW beim Airbus-Mutterkonzern EADS beteiligen könnte. Der SPIEGEL und die "Süddeutsche Zeitung" hatten gemeldet, dass die Bundesregierung eine Beteiligung der KfW an der EADS prüfe.

Finanzstaatssekretär Thomas Mirow sondiere, ob die Staatsbank ein Aktienpaket übernehmen könne, wenn der Automobilhersteller DaimlerChrysler Chart zeigen sich davon trenne. Ein Sprecher des Ministeriums vermied heute sowohl ein Dementi als auch eine Bestätigung. Noch am Wochenende hatte eine Regierungssprecherin gesagt, "derzeit" sei ein solcher Schritt nicht vorgesehen.

DaimlerChrysler hat seinen Anteil von 30 Prozent auf 22,5 Prozent reduziert und will mittelfristig nur noch 15 Prozent an der EADS behalten. Nach SPIEGEL-Informationen solle die KfW den möglichen Aktienkauf mit den Erlösen aus dem Verkauf von Anteilen an der Deutschen Post Chart zeigenund der Telekom Chart zeigen finanzieren.

Aus Berliner Regierungskreisen verlautete, dass die Regierung den Vorgang genau verfolge. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe das Thema EADS mit Vizekanzler Franz Müntefering (SPD), Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sowie Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) beraten.

Uldall: Verlagerung nach Frankreich wäre nicht sinnvoll

"Sollte es zum Verkauf von Anteilen kommen, muss man reagieren können", hieß es nach Informationen von SPIEGEL ONLINE in Regierungskreisen. Es gehe darum, Standorte und Technologie in Deutschland zu sichern. Die Politiker haben die Befürchtung, dass Produktion und Arbeitsplätze nach Indien, China oder Russland abwandern. Es sei aber nicht das Ziel der Regierung, selbst Anteile zu übernehmen. Man glaube an den "Primat von privaten Investoren". Dabei müsse sichergestellt sein, dass die deutsche und die französische Seite auch künftig auf Augenhöhe seien. Aktuell bestehe aber kein Handlungsbedarf.

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sagte, das Parteipräsidium habe heute kurz über EADS gesprochen. Man habe betont, dass der Konzern eine besondere Verantwortung habe. Die Genossen seien keine "staatspolitischen Interventionisten", aber man werde die Entwicklung im Auge behalten.

Der Wirtschaftssenator in Hamburg, Gunnar Uldall (CDU), hält einen möglichen Einstieg bei EADS "für einen guten Vorschlag". "Wir müssen darauf achten, dass die Anteile gleichmäßig auf deutscher und französischer Seite liegen", sagte Uldall zu SPIEGEL ONLINE. "Eine Beteiligung direkt oder indirekt über die KfW durch die Bundesregierung könnte einen wertvollen Beitrag leisten." So könnte sichergestellt sein, "dass das Erfolgsprojekt Airbus weiterhin ein europäisches Projekt bleibt und die Anfangsinvestitionen auch denen volkswirtschaftlich zugute kommen, die von Anfang an dabei gewesen sind".

Uldall kann sich aber "überhaupt nicht vorstellen", dass die A380-Produktion nach Frankreich verlagert werde. Das Hamburger Airbus-Werk "ist sehr gut aufgestellt und kann den Wettbewerb mit jedem anderen Konzern-Werk bestehen". Eine "Umorganisation" würde zu viele Unsicherheiten mit sich bringen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man durch eine Verlagerung an andere Standorte den Fertigungsprozess beschleunigen kann", sagte Uldall.

Mitarbeiter sollen am Mittwoch informiert werden

Auch die bisherige massive Unterstützung für Airbus verteidigte der Wirtschaftssenator. So hatte der Hamburger Senat sich für eine Verlängerung der Startbahn am Airbus-Standort eingesetzt und viel Geld ausgegeben, um die Montage des Super-Jumbo in der Hansestadt zu sichern. "Hier sind Tausende von neuen Arbeitsplätzen entstanden, neues Know-how ist am Standort Hamburg entwickelt worden und hier sind viele neue Zulieferbetriebe entstanden." Es habe einen Schub für Hamburg gegeben und "die Investitionen waren sinnvoll angelegtes Geld".

Verschiedene Zeitungen hatten gemeldet, dass EADS einen harten Sanierungskurs einschlagen will. So schrieb die französische Wirtschaftszeitung "Les Echos", dass zwei Milliarden Euro im Jahr eingespart werden sollten. Nicht nur bei den Abläufen und bei den Produktionsstätten sollte es Veränderungen geben. Auch der Verkauf strategisch unwichtiger Werke sei geplant. Am Mittwoch würden die Mitarbeiter über die Pläne informiert.

Frankreichs Wirtschaftsminister Thierry Breton erklärte unterdessen sein Vertrauen in die Fähigkeit des Managements von EADS und Airbus, die derzeitige Krise zu meistern. "Die Lösungen" der Unternehmensführung seien "gut für die Kunden, Beschäftigten und Aktionäre", sagte Breton in Paris. "Ich habe volles Vertrauen in das Airbus-Management, besonders in Firmenchef Christian Streiff, und in das Management von EADS".

EADS war durch Schwierigkeiten bei der Entwicklung und Fertigung des A380 in Schwierigkeiten geraten. Die Auslieferung der Maschinen verzögert sich deutlich. Der Aufsichtsrat hatte Ende vergangener Woche über Gegenmaßnahmen und das Sparprogramm des neuen Airbus-Chefs Christian Streiff beraten, sich aber vertagt. Entscheidungen, etwa über den endgültigen Zeitpunkt der Auslieferung des A380, sollen nach Unternehmensangaben binnen drei Wochen fallen. Die Auslieferung des ersten Flugzeugs könnte sich um ein weiteres Jahr verzögern. Heute hieß es, dass der EADS-Aufsichtsrat morgen wieder zu einem Treffen zusammenkommen werde.

mit Reuters



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