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"Economist"-Chefredakteur Micklethwait: "Wir nähern uns dem Internet schrittweise"

Die Auflage des "Economist" wächst und wächst. Nur im Internet spielt das Nachrichtenmagazin so gut wie keine Rolle. Das soll sich jetzt ändern, sagt Chefredakteur John Micklethwait im Interview mit SPIEGEL ONLINE und spricht über seine Pläne für die Zeitschrift und das Netz.

SPIEGEL ONLINE: Der "Economist" zählt zu den renommiertesten Zeitschriften der Welt - Ihr Internetauftritt hält da nicht so ganz mit. Haben Sie bei aller Auflagensteigerung eine der wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Jahre verschlafen?

Micklethwait: Wir nähern uns dem Internet schrittweise. Gerade in den vergangenen zehn Tagen gab es gravierende Veränderungen auf unserer Seite. Bislang wurde sie unserer Erscheinungsweise entsprechend einmal in der Woche aktualisiert. Neuerdings gibt es eine Kolumne zu wirtschaftlichen Themen, die täglich erscheint. Außerdem haben wir ein Korrespondententagebuch eingeführt, wo ein Auslandskorrespondent eine Woche lang jeden Tag jeweils einen Bericht aus seinem Gebiet veröffentlicht. Jede Woche ist ein anderer Kollege aus einem anderen Teil der Welt dran.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie's mit der viel gepriesenen Netz-Community?

Micklethwait: Einen Blog haben wir ebenfalls kürzlich eingeführt, mit dem Namen "Free Exchange", also freier Austausch...

SPIEGEL ONLINE: ...wo Ihre Leser sich zu Gott und der Welt äußern können?

Micklethwait: Wir veröffentlichen dort einen Standpunkt zu einem meist wirtschaftlichen Thema, unsere Leser können das kommentieren. Wir sind erstaunt, wie gut das ankommt. Den Blog gibt es gerade mal seit einer Woche, und wir zählen schon 5000 registrierte Nutzer.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie Kollegen von Berührungsängsten mit dem Internet kurieren?

Micklethwait: Die Journalisten, die für den gedruckten "Economist" arbeiten, schreiben auch für Economist.com. Wir haben aber auch ein eigenes Online-Team mit 20 Kollegen, die sich um die aktuelle Nachrichtenlage kümmern und die Seite aktualisieren. Außerdem schreiben wir täglich eine Titelgeschichte, in der Regel eine Analyse zu einem wichtigen Thema. Das ist unsere Stärke im Heft und soll auch unsere Stärke im Netz sein: zu kommentieren und zu analysieren. Dass sich in den vergangenen zehn Tagen einiges auf unserer Internetseite getan hat, haben wir aber nicht an die große Glocke gehängt - sondern eher einen sanften Start vorgenommen. Wir werden jetzt, nachdem sich die Neuerungen bewährt haben, verstärkt über unseren Internetauftritt reden.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Auflage des "Economist" auf über eine Million Exemplare verdoppelt. Sie sind seit April Chefredakteur - was erwartet Ihr Verlag von Ihnen? Noch mehr Auflage?

Micklethwait: Na klar. Unser Wachstum in den vergangenen Jahren ist der Erfolg meines Vorgängers Bill Emmott, er hat das Blatt 13 Jahre lang geleitet. Aber auch schon vor seiner Zeit hat der "Economist" seine Auflage kontinuierlich gesteigert, und meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es weiter in diese Richtung geht.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig wollen sie im Internet stärker werden? So mancher Kollege von der Zeitschrift könnte da konkurrierende Ziele vermuten.

Micklethwait: Im Gegenteil, unser Internetauftritt ist schon profitabel und wird weiter wachsen. Wir haben zwei Millionen Leser, die unsere Seite mindestens einmal im Monat besuchen. Und gleichzeitig steigt die Heftauflage. Der gedruckte "Economist" und der "Economist" im Netz ergänzen sich sehr gut. Nachrichtenmagazine leiden in aller Regel nicht unter dem Internet - Sie sehen das ja selbst an SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE. Die Tageszeitungen hat es schlimmer getroffen, sowohl was die Auflage betrifft als auch den Umsatz im Anzeigenbereich. Für Magazine besteht die Schwierigkeit darin, das richtige Format zu finden. Unsere Heftleser nehmen den "Economist" in der Regel am Wochenende für ein paar Stunden in die Hand. Wie bedient man sie nun im Internet? Das ist die Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lautet Ihre Antwort?

Micklethwait: Sicher ist das Leseverhalten im Netz anders, die Nutzer sind in Durchschnitt jünger. Aber irgendwann suchen diese Nutzer zuverlässige Hintergrundinformationen. Sie werden dann auf unser Internetangebot zurückgreifen.

SPIEGEL ONLINE: Manche Artikel sind nur für Abonnenten oder gegen Bezahlung abrufbar. Werden Sie Ihre Online-Inhalte irgendwann komplett kostenfrei anbieten?

Micklethwait: Die bezahlten Inhalte verkaufen sich sehr gut. Zeitungen wie das "Wall Street Journal" machen die gleichen Erfahrungen wie wir. Tatsache ist: Bisher ist das Prinzip, dass Printmedien Wörter an Leser verkaufen und Leser an Anzeigenkunden. So verdienen sie Geld. Im Internet könnte es genauso funktionieren, allerdings sind dort die Preise noch anders: Im Internet braucht man derzeit zehn Leser, um das Gleiche zu verdienen wie mit einem Leser von Zeitungen oder Zeitschriften. Soll heißen, der Wert eines Online-Lesers beträgt nur ein Zehntel dessen eines Heftkäufers. Das ist sicher eine Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Der "Economist" hat vor einigen Wochen getitelt: "Wer hat die Zeitungen getötet?" In der Geschichte werden Tageszeitungen eine "aussterbende Spezies" genannt. Waren die vergangenen zehn Tage mit all den Änderungen bei Economist.com der Beginn einer tödlichen Krankheit für Sie?

Micklethwait: (lacht) Nein. Unsere Titelgeschichte über den Tod der Zeitungen war zugegebenermaßen sehr provokativ. Das Internet ist für mich so etwas wie ein Hurrikan, der sich auf die etablierten Medien zubewegt und vor allem die Zeitungsbranche hart trifft. Wie groß die Schäden sein werden, weiß niemand. Vielleicht führt die wachsende Informationsflut im Netz ja auch dazu, dass Zeitungen und Magazine als Filter mehr denn je benötigt werden - Filter, die diese Informationsfülle für den Leser erst nutzbar machen. Keiner weiß, wie die Welt in zehn Jahren aussieht.

SPIEGEL ONLINE: Wagen Sie trotzdem mal eine Prognose. Philip Meyer schreibt in seinem Buch "The Vanishing Newspaper", dass im ersten Quartal des Jahres 2043 die letzte Tageszeitung in den USA eingestellt wird. Sie sind dann Ende 70 und lesen immer noch den gedruckten "Economist"?

Micklethwait: Ich bin davon überzeugt, dass es das Heft dann noch geben wird.

Das Interview führte Hasnain Kazim.

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