Bananenanbau in Ecuador Früher versprühte er Pestizide mit dem Flugzeug, heute kämpft er gegen Giftkonzerne

Jorge Acosta hatte einen lukrativen Job: Als Pilot verteilte er in Ecuador Pestizide über Bananenplantagen. Dann bekam er gesundheitliche Probleme, recherchierte - und wechselte die Seite.

Kämpfer für Arbeiterrechte: Jorge Acosta
Oxfam Deutschland

Kämpfer für Arbeiterrechte: Jorge Acosta

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Wer hat Schuld daran, dass so viele Arbeiter auf den Bananenplantagen in Ecuador keine gerechten Löhne bekommen? Dass sie nicht sozialversichert sind, sich nicht in Gewerkschaften organisieren dürfen und von Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden krank werden? Jorge Acosta hat darauf keine einfache Antwort. Im Prinzip haben alle Schuld entlang der langen Reise, die eine Banane von einem ecuadorianischen Feld bis in einen deutschen Obstkorb zurücklegt.

"Die Supermärkte sind schuld, weil sie die Früchte immer billiger wollen und dieser Preisdruck die ganze Lieferkette bis zu den Arbeitern weitergegeben wird. Die Zwischenhändler sind schuld, weil sie selbst auf ihre Marge achten und den Plantagenbesitzern zu wenig zahlen. Die Plantagenbesitzer sind schuld, weil sie ihre Arbeiter ausbeuten. Der Staat ist schuld, weil er geltende Gesetze nicht durchsetzt. Und der deutsche Verbraucher ist schuld, weil ihm die äußerlich makellose Banane wichtiger ist, als die Einhaltung der Menschenrechte beim Anbau."

Acosta sagt dies alles ohne Vorwurf in der Stimme, ohne Zorn. So ist es halt, seit langer Zeit schon. Und trotzdem will er das ändern. Deshalb sitzt er jetzt im Konferenzraum "Mali" der Nichtregierungsorganisation Oxfam und spricht mit SPIEGEL ONLINE über die Situation in Ecuador - dem wichtigsten Lieferant für den deutschen Markt und größten Bananenexporteur der Welt. Glaubwürdiger kann ein Kronzeuge kaum sein: Jorge Acosta ist gut gekleidet, spricht ruhig und mit fester Stimme. Sein Blick ist offen und direkt, und er kennt die Situation der Arbeiter auf den Plantagen in seiner Heimat so gut wie kaum ein anderer.

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Oxfam-Studie: Menschenrechtsverstöße beim Anbau von Bananen und Ananas

Beim Militär wurde der heute 56-Jährige zum Piloten ausgebildet, kurze Zeit war er bei einer Fluggesellschaft angestellt, dann wechselte er auf einen lukrativeren Posten: Mitte der Neunzigerjahre begann er Agrarflugzeuge zu steuern und versprühte fortan Chemikalien auf Bananenplantagen. Bis zu 10.000 Dollar verdiente Acosta damit im Monat - in Ecuador ein Vermögen. Zu Beginn gab es eine kurze Einweisung, allerdings nur in die Bedienung des Flugzeugs, nicht in die Handhabung der Chemikalien. "Man hat mir gesagt, die Mittel seien für mich unproblematisch."

Nach zehn Jahren begannen die Probleme

Mehr als zehn Jahre zog der frühere Militärpilot seine Runden mit dem Pestizidflugzeug, zuweilen auch, wenn Arbeiter auf den Plantagen waren. Dann kamen die Probleme.

2007 war es, erinnert sich Acosta. "Mein Blick war immer wieder verschwommen, mir war schwindlig, ich hatte Herz-Rhythmus-Störungen." Der Arzt aber bescheinigte ihm ein gutes Herz und vermutete eine Art Vergiftung. Der Pestizidpilot begann zu recherchieren, unter anderem über Mancozeb. Für den Einsatz des Fungizids, dass Acosta regelmäßig versprühte, waren zwei Jahre zuvor in den USA strenge Richtlinien erlassen worden, las er, Kalifornien verbot es gleich ganz. Zur selben Zeit begann der Aufstieg des Mittels in Ecuador. Die Nebenwirkungen, die Acosta recherchierte, passten zu seinen Symptomen.

In Ecuador klebten grüne Etiketten auf den Behältern, die Ungefährlichkeit signalisieren. Benutzungsvorschriften fehlten komplett. Dabei gilt nach dem Einsatz: 24 Stunden lang dürfen Arbeiter nicht aufs Feld; das Mittel ist sogar so giftig, dass Kleidung, die damit in Berührung gekommen ist, nicht gewaschen, sondern weggeworfen werden soll. Wegen der fehlenden Deklaration verklagte Acosta den Hersteller in den USA - und das sprach sich herum.

Auf einmal meldeten sich bei Acosta andere Pestizidpiloten und viele Feldarbeiter. "Immer mehr berichteten über ihre Arbeitsbedingungen, über Krankheiten und sogar Todesfälle, die sie sich bis dahin nicht erklären konnten." Seine eigene Arbeit war anstrengend, sagt Acosta, er hat viel und hart gearbeitet - aber von der Situation der Arbeiter hatte er nichts geahnt. "Die Pestizide machten sie krank, sie bekamen nur geringe Löhne, mussten unbezahlt Überstunden leisten, sie hatten keinen Urlaub, keine Sozialversicherung, keine Krankenversicherung, und wenn sie sich in einer Gewerkschaft organisieren wollten, wurde ihnen das verwehrt, ihre Namen tauchten in 'schwarzen Listen' auf."

"Ich fühlte mich schuldig"

Acosta wurde der Ansprechpartner für alle, die in der Branche Probleme hatten - und das waren sehr sehr viele. Der Pilot versuchte zunächst, die Firma zu verändern, in der er selbst arbeitete - mit immerhin kleinen Erfolgen. Als seine Chefs aber sein Engagement bemerkten und sogar Al Jazeera über die Probleme im Bananenanbau berichtete, feuerten sie ihn. Seine Kollegen erklärten ihn für verrückt, weil er diesen - wenigstens in finanzieller Hinsicht - Traumjob aufs Spiel gesetzt hatte. "Ich konnte aber nicht weitermachen. Ich wollte Solidarität zeigen, ich habe Kinder gesehen, die von den Chemikalien krank geworden sind." Acosta seufzt tief. "Ich fühlte mich schuldig und wollte etwas wiedergutmachen."

Alle Beteiligten der Bananenlieferkette sind mitschuldig, hat Acosta zu Beginn des Gesprächs gesagt. "Wirkliches Interesse an einer Veränderung haben aber nur die ausgebeuteten Arbeiter. Deshalb müssen sie etwas tun und sich organisieren, mit einer starken Gewerkschaft die Einhaltung der Menschenrechte durchsetzen." Die Erfolge der vergangenen sechs, sieben Jahre sind mäßig, trotz Berichten von Menschenrechtsorganisation, der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und sogar der Uno: Die Regierung verweigert Acostas Organisation den Gewerkschaftsstatus, die Preise für Bananen sind unterdessen weiter gefallen.

In einer vor drei Wochen von Oxfam veröffentlichten Studie über den Bananenanbau in Ecuador kommt das von deutschen Supermärkten und Discountern gefeierte Nachhaltigkeitssiegel der "Rainforest Alliance" schlecht weg. Auch auf den zertifizierten Plantagen werden offenbar Menschenrechte verletzt, Dumpinglöhne gezahlt und Agrochemikalien fahrlässig eingesetzt. "Siegel" sagt Acosta dazu, "helfen nur dabei, sich vor der Verantwortung zu drücken."

Natürlich sei es für die Zertifizierer schwierig, die Produktionsbedingungen zu kontrollieren, sagt der frühere Pestizidpilot. Dass Rainforest Alliance nach der Oxfam-Studie von Arbeitern gehört habe, dass alles in Ordnung sei, wundert ihn nicht. "Wenn ein Kontrolleur kommt, schicken die Chefs nur jene Arbeiter, die Angst haben, Kritik zu äußern." Auch deshalb sieht Acosta keine andere Chance, als die Arbeiter zu organisieren. "Keiner kontrolliert besser als die Arbeiter selbst."

Der Weg dahin ist lang, deshalb wirbt Acosta in den USA und Europa um Unterstützung, derzeit auf Einladung von Oxfam. Und er trifft sich zum Gespräch mit Verantwortlichen der Discounterkette Lidl.

Für die Verbraucher hat er nur einen Rat: Kauft Biobananen, dann ist wenigstens die Chance hoch, dass keine Pestizide eingesetzt werden.

insgesamt 8 Beiträge
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INGXXL 28.06.2016
1. Also als Pilot
ist er doch des Lesen kundig und hätte sich informieren können. Und entsprechend Schutzmaßnahmen einhalten können. Bei den Arbeiter die wahrscheinlich Analphabeten sind sieht das anders aus.
Knossos 28.06.2016
2. Warum in aller Welt
müssen Menschen weitab des Äquators überhaupt Bananen essen?! Und das auch noch nach hirnigen Kriterien, wie makelloser Schale, dabei sind diese Früchte überhaupt erst aromatisch, nachdem die schale Sprenkel aufweist. Und noch viel leckerer wären sie, wenn nicht Monate vor der Reife gepflückt. Wer bringt eigentlich dergleichen dämliche Gesichtspunkte auf, wie z.B. Blässe bei Kalbfleisch oder Hühnebrust, welche auf Fadheit hinausläuft, orangefarbenes Eigelb, wofür dann karzionogenes Zeug zugefüttert werden muß ... usw. usf.? Zurück zu Bananen (wie Palmöl): Leute, laßt uns damit aufhören, Ursache für alles mögliche Desaster auf der Welt zu sein. Und schon gar für fade Bananen, auf die sich nun wirklich verzichten läßt.
INGXXL 28.06.2016
3. #2
Und was wird aus den Arbeitern auf der Plantage. Die Haben dann gar nichts. Deren Arbeitsbedingungen müssen Verbessert werden. Planzenschutzmittel eingesetzt werden die in USA und EU zugelassen sind
neanderspezi 28.06.2016
4. Monokultur und massiver Pestizideinsatz sind füreinander geschaffen, nicht umsonst versucht die Natur sie mit allen Mitteln zu überwinden
Fruchtanbau per Monokultur verlangt Pestizideinsatz in großem Stil. Die Früchte sollen makellos und preiswert über den Vertrieb auf den Markt gebracht werden und am Ende kauft sie der Kunde dort ein, wo sie am billigsten angeboten werden. Das Geld für die Frucht, das in den Kassen klingelt, macht gegenüber der Ware eine rückwärtig einsetzende kontinuierliche Minderung durch und bis es schließlich bei den Feldarbeitern ankommt, damit die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten können, ist es schon so schwindsüchtig geworden, dass für sie, neben der fortgesetzten Gefährdung ihrer Gesundheit durch Pestizideinsatz, nach gewohntem Verteilungsschlüssel, die Moneten zum Leben zu wenig und zum Sterben gerade eben noch zuviel hergeben und gewöhnlich auch durch extreme Sparsamkeit keine Fluchtmöglichkeit aus dem todsicheren Dilemma erlauben. Hier gewerkschaftlichen Schutz vor Ausbeutung zu fordern, würde die Kapitalschöpfung in der Kette der Teilhaber am Geschäft zu deren Unbehagen reduzieren und wird gewöhnlich strikt abgelehnt, selbst wenn auf eine freiwerdende Arbeitsstelle mehrere Anwärter händeringend als Reserve zur Verfügung stehen. In einem solchen System könnten Gewerkschaften womöglich großen Schaden anrichten.
Knossos 28.06.2016
5.
Glauben Sie, daß es zu -über nationalen Bedarf weit hinaus überproportionierten- Plantagen keine Alternative gibt für ein Land wie Ecuador gibt? Und, daß diese besser für den Planeten sind, als Urwald, der sich an deren Stelle befand? Wenn man sich um Ecuador und seine Menschen schert, sollte man vielleicht einmal jene Politiker betrachten, die man zum Stellverterter eigenen Landes erkoren hat. Ecuador hatte die Industrienationen darum gebeten, mit einem finanziellen Beitrag der Größenordnung einer Hälfte potentiellen Gewinns, Ölbohrungen im Yasuni-Nationalpark vermeiden zu helfen. Ein Klacks für Umworbene, wie Frau Merkel, die es aber 6 Jahre lang vorzogen, mit keinem Sterbenswörtchen auf die Offerte einzugehen, bis Ölkonzerne schließlich doch zulangen durften. Dabei können Sie sich darauf verlassen, daß die Haltung und das Ergebnis keinen zufälligen Zusammenhang darstellen. Überdies gäbe es über Projekte der Bildung und Aufbau von Leichtindustrie jede Menge Möglichkeiten, den Plantagenarbeiter zum künftigen Angestellten zu machen. Doch dafür bräuchte es internationalen Willen zu Vernunft und Nachhaltigkeit, statt zu blinden und schnellen Profiten geadelter Minderheiten.
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