Effiziente Arbeitsvermittlung Das Netzwerk der Jobpaten

Rund 330 "Jobpaten", vielfach schon im Rentenalter, kümmern sich ehrenamtlich darum, Arbeitssuchenden einen Job zu verschaffen. Die Beratung ist nicht nur viel persönlicher als in den meisten Arbeitsagenturen – sondern auch preiswerter und wirkungsvoll.

Von Jan-Oliver Schütz


Hamburg - Dieter Marewski, ein Mann mit Sakko und Krawatte, sitzt hinter einem rechteckigen Tisch, vor sich ein Konzept mit Begriffen aus der Welt der Arbeitsvermittler. Von "beruflicher Sozialisation" und "Zielvereinbarungen" ist da die Rede. Mehrere Male pro Woche sitzen ihm in seinem Berliner Büro Arbeitslose gegenüber.

Dabei hat er selbst keinen Job.

Denn Marewski, 67, einst Amtsanwalt am Amtsgericht von Berlin-Tiergarten, ist Pensionär und kein gewöhnlicher "Fallmanager" vom Arbeitsamt. Er ist einer von 328 ehrenamtlich tätigen "Jobpaten", die bundesweit ohne Honorar das erledigen, was sich die Jobcenter gewöhnlich viel Geld kosten lassen: Arbeitslose in Jobs zu vermitteln.

"Arbeit durch Management" ist der Titel eines Projekts, das vor sieben Jahren vom Diakonischen Werk Brandenburg begonnen wurde und mittlerweile an 23 Standorten in der ganzen Republik vertreten ist. Die Idee ist denkbar einfach – aktive und ehemalige Führungskräfte betreuen Arbeitslose auf dem Weg in neue Jobs – und zugleich eine Provokation: Schließlich drängen die ehrenamtlichen Jobpaten in einen Markt vor, den traditionell Jobcenter und private Vermittler bedienen und den der Bundesrechnungshof bereits kritisch unter die Lupe nahm.

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DER SPIEGEL

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Allein im Jahr 2005 wurden durch die Nürnberger Bundesagentur für Arbeit rund 3,5 Milliarden Euro für sogenannte "Ermessensleistungen" ausgegeben - also unter anderem für berufliche Weiterbildung und für private Vermittler, die Empfänger von Arbeitslosengeld I wieder in Lohn und Brot bringen sollen. Der Rechnungshof rügte "zum Teil erhebliche Mängel" bei den "Vermittlungsaktivitäten" der Jobcenter.

In zahlreichen Fällen seien "keinerlei strategische Gespräche" geführt und "notwendige Integrationsmaßnahmen" nicht verbindlich vereinbart worden. Die Erfolgsquote für die Eingliederung in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse durch diese "Ermessensleistungen" lag im Jahr 2005 bei gerade mal 36,2 Prozent.

Der Staat zahlt nichts

Die Kritik an den bezahlten Vermittlern wirkt wie eine indirekte Bestätigung für das ehrenamtliche Paten-Projekt. Fragen nach der "beruflichen Sozialisation" und "Zielvereinbarungen" gehören hier zum Standardprogramm. Und die Vermittlungsquote kann sich sehen lassen - gemessen an den Kosten. 42 Fälle hat allein Marewski im vergangenen Jahr betreut, 18 hat er "untergebracht", in Weiterbildungen, Mini-, Teilzeit- und Vollzeitjobs. Deutschlandweit vermittelten die Jobpaten im vergangenen Jahr 220 von 867 Arbeitssuchenden. Und der Staat muss dafür nicht einen Euro zahlen.

"Wir haben keine monetären Interessen, nehmen keine Vermittlungsgutscheine und keine Honorare", sagt Jutta Kleber, 49, von der Patenzentrale im Haus der Diakonie im Berliner Bezirk Steglitz. Finanziert werden müssten nur die Koordinatorenstellen sowie Ausgaben für Büroarbeit und Verwaltung. Das alles werde hauptsächlich durch Spenden und Sponsoring bezahlt.

Den Erfolg haben die Projektmacher offenbar einer Besonderheit des Arbeitsmarktes zu verdanken. Mehr als 60 Prozent der freien Stellen werden den Arbeitsagenturen erst gar nicht gemeldet. Doch von diesen Stellen erfährt das Netzwerk der Paten. Viele Jobs, so Kleber, würden über persönliche Kontakte vermittelt. Und genau diesen Marktvorteil haben die engagierten Laien-Vermittler.

Auch Reinhard Walther, 63, ist Jobpate. In seinem letzten Job im mittleren Management eines großen deutschen Elektronikkonzerns war er für 50 Millionen Euro Jahresumsatz und zahlreiche Mitarbeiter im Bereich Computerdienstleistungen verantwortlich. Im Januar 2005 ging der Ingenieur für technische Kybernetik in Rente. Seit dem Frühjahr 2005 kümmert er sich nun um Arbeitslose, die auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. "Man muss der ganzen Brutalität der Realität ins Auge sehen", ermahnt Walther seine Kundschaft. Und bietet zugleich Lösungen an. Wer zu schlecht Deutsch spricht, den schickt er zur Volkshochschule. Hat der Kandidat nicht genug Geld für eine Fahrkarte, besorgt er eben ein Fahrrad.

"Der war happy"

Dabei stützt sich Walther auf sein Netzwerk, das sich in all den Berufsjahren gebildet hat, auf Kontakte in seine ehemalige Firma, in Unternehmen und Zeitarbeitsfirmen, mit denen er zu tun hatte. Es finde sich immer jemand, sagt er, der bereit sei, einen Führerschein zu bezahlen, einen Computer oder ein Fahrrad zu spendieren – so lange Walther ihnen verständlich machen könne, dass dies im sinnvollen Zusammenhang mit einer Jobsuche stehe. "Die Bereitschaft zu helfen", so sein Fazit, "ist groß". In der Internetdatenbank des Projekts sind derzeit 670 Jobsuchende eingetragen. Mit Name und Passwort gelangt Pate Marewski zu der Liste, in der sie verzeichnet sind – mit Namen, Alter, Postleitzahl und Ausbildung. Mit einem Mausklick kann er sich für einen Kandidaten entscheiden.

So kam auch Thomas Thiess, 46, zu seinem Helfer. Die Arbeitslosigkeit stand für ihn kurz bevor, als er im März 2005 aus dem Radio vom Patenprojekt erfuhr. Er schickte eine E-Mail mit Lebenslauf und wurde in die Datenbank aufgenommen. Anfang Dezember saßen sich Thiess und Marewski erstmals gegenüber.

Etwas anders habe er sich die Beratung schon vorgestellt, erinnert sich Thiess, "arbeitsamtmäßiger" eben. "Die Atmosphäre war sehr persönlich. Es klingelte kein Telefon wie auf dem Arbeitsamt." Marewski fragte Thiess nach dessen "beruflicher Sozialisation". Der erzählte, dass er in Ost-Berlin Kraftfahrer gelernt, sich zum Verkehrsingenieur weitergebildet, nach der Wende zuerst bei einer Spedition in West-Berlin Fuß gefasst hatte und dann zu jener Spedition nach Frankfurt gewechselt war, die ihn nun in die Arbeitslosigkeit entließ, weil eine Niederlassung aufgelöst wurde.

"Ich sagte ihm, dass ich keinen Job für ihn suche", erklärt Marewski. Thiess musste selber suchen, das war Bestandteil der geschlossenen "Zielvereinbarung". Die Bewerbungen besprachen sie zuvor. Rund 40 davon verschickte Thiess – entweder er bekam Absagen oder keine Antwort. Schließlich ließ sich Marewski die Telefonnummer einer Firma geben, rief selbst an. Offenbar der wichtigste Schritt auf dem Weg zum Erfolg: "Ich sagte, dass ich ehrenamtlich arbeite und Herrn Thiess coache."

Thiess sollte eigentlich nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. "Also sagte ich, dass ich ihn kenne, er gesund sei, ich ihn empfehlen könne und sie sich ihn anschauen sollen." Nun wurde Thiess plötzlich eingeladen. Marewski gab ihm Tipps für das Gespräch. Thiess bekam den Job. Seit März 2006 arbeitet er nun als Lagerverwalter. "Der war happy", sagt Marewski.

Dass der Arbeitslose selbst auf Jobsuche geht, ist Teil des Konzepts. Das Ziel müsse sein, die persönlichen Potentiale und Ressourcen zu entdecken und für die berufliche Integration fruchtbar zu machen, sagt Kleber. "Ich vermittle nicht, ich motiviere", sagt Marewski. Beim Arbeitsamt sei er nur eine Nummer gewesen, erinnert sich Thiess. "Hier aber war jemand, der sich kümmerte."

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