Missstände in Legehennen-Großanlage Wo die Billigeier herkommen

Vögel ohne Federn, verwesende Tiere, mit Kot verdreckte Ställe: Diese Aufnahmen zeigen einen Betrieb mit Hunderttausenden Legehennen in Bodenhaltung, der auch die großen Lebensmittelhändler wie Edeka oder Aldi beliefert.

Animal Equality

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Die intensive Haltung von Mast- und Zuchttieren sowie Legehennen ist nie schön anzusehen. Fotos und Videos, die vor wenigen Wochen an einem der wohl größten Legehennenstandorte Deutschlands aufgenommen wurden, sind besonders bedrückend. Sie zeigen die Entwicklung zu immer größeren Anlagen mit immer mehr Tieren auf engem Raum.

Einen der größten Standorte hat die Ehlego Landhof GmbH im brandenburgischen Roggosen gebaut: In 20 Hallen ist hier Platz für insgesamt mehr als eine Million Legehennen, im Jahr 2016 produzierte das Unternehmen 255 Millionen Eier. Die über den Code identifizierbaren Eier sind unter anderem bei den Lebensmittelhändler Edeka, Marktkauf, Aldi Nord oder Netto-Markendiscount zu finden. Die Zustände in dem Betrieb, der auf seiner Webseite mit einem offenbar selbst entworfenen Tierwohl-Label wirbt, erscheinen dabei alles andere als vorbildlich.

SPIEGEL ONLINE hat Video- und Filmaufnahmen aus den Hallen zugespielt bekommen, die vor gut zwei Monaten entstanden sind und der Organisation Animal Equality vorliegen. Die Aufnahmen zeigen, dass dort womöglich nicht einmal die niedrigen Standards der Bodenhaltung eingehalten werden: Die Hühner sind apathisch, viele sehen arg gerupft aus, an Bauch, Brust, auch auf dem Rücken ist viel nackte Haut zu sehen.

Animal Equality

Der Stall ist mit Kot auffallend stark verdreckt, es liegen mehrere tote Tiere in unterschiedlichen Verwesungsstadien herum. Die Eier rollen durch Kot, Blut und an mindestens einer Stelle sogar über ein totes Tier - ein für Supermarktkunden besonders unappetitliches Bild: Eier werden in Deutschland nicht gereinigt, bevor sie in den Handel kommen.

18 Hennen pro Quadratmeter

Deutschland hat die Käfighaltung von Legehennen 2010 verboten, die heute vorherrschende Alternative ist die Bodenhaltung - rund zwei Drittel der gut 40 Millionen Legehennen in Deutschland wird so gehalten. Auch wenn in den Ställen alles regelkonform umgesetzt wird, ist die Bodenhaltung kaum artgerecht: Bis zu neun Hühner pro Quadratmeter leben in einer geschlossenen Halle zusammen, der Boden ist häufig verdreckt.

Wer die Effizienz seiner Eierproduktion noch erhöhen will, kann weitere Ebenen einziehen. In der sogenannten Volierenhaltung sind Nester, Sitzstange oder Futtertröge auf bis zu vier verschiedenen Etagen untergebracht, dann dürfen 18 Hennen pro Quadratmeter Grundfläche eingestallt werden. Nach dem Verbot der Käfighaltung investierte Ehlego 38 Millionen Euro in Neu- und Umbau von Ställen. Das Land Brandenburg gab 7,5 Millionen Euro dazu.

Der auf Vögel spezialisierte Tierarzt Jens Hübel hat die Fotos und Videos gesichtet. Auch wenn die Aufnahmen wohl nur die dramatischsten Teile der Hallen zeigen, hält Hübel die Bedingungen für problematisch. Bis zur Mumifizierung verweste Tiere dürften in einem Stall auf keinen Fall liegenbleiben: "Bei täglicher Inaugenscheinnahme aller Tiere und Entfernung von toten, wie in der Tierschutz-Nutztierhaltungverordnung vorgeschrieben, dürften solche bereits vor Tagen verstorbenen Tiere nicht zu finden sein", sagt Hübel. Auch der schlechte Gefiederzustand und die mit Kot verschmutzten Tiere zeigten, dass die Anlage nicht gut betreut werde.

"Das ist so nicht in Ordnung"

Zwar sehen Hühner auch stark gerupft aus, wenn sie in der Mauser sind, laut Hübel ist das in diesem Fall, wenn überhaupt, nicht der einzige Grund für die schlechte Befiederung. Einerseits wird die Mauser bei Legehennen in der konventionellen Haltung durch die Fütterung und das Beleuchtungsregime meist herausgezögert und die Tiere mit Beginn der Mauser geschlachtet, andererseits müsste man bei den Hennen auch nachwachsende Federn sehen. Ungewöhnlich wäre es auch, wenn alle Tiere im genau gleichen Stadium der Federentwicklung wären, sagt der Veterinär, auch werde die Legetätigkeit während der anstrengenden Mauser eingestellt.

Der Grund für den Zustand der Hennen dürfte also eher gegenseitiges Bepicken sein. Unter solchen Federverlusten können die Tiere leiden, sagt Hübel, sie benötigen dann mehr Energie für die Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur, werden anfälliger für Infektionserkrankungen, die nackte Haut wird leichter gereizt oder verletzt.

Fotostrecke

6  Bilder
Bilder aus Legehennen-Großanlage: Missstände in der Eierproduktion

Auch seien einige Tiere verdreckt und auf den Gittern in den Volieren liege zu viel Kot, "deren einziger Zweck es ist, dass der Kot eigentlich durchfällt bzw. durchgetreten wird", sagt Hübel. Ein weiterer Hinweis auf problematische Bedingungen sind laut Hübel die selbst für Legehennen sehr mageren Tiere, "nicht alle Tiere scheinen sich in einem guten Ernährungszustand zu befinden".

Das Unternehmen wollte vor Sichtung der Aufnahmen nicht Stellung nehmen, wies aber jeden Verdacht auf Tierschutzprobleme in den eigenen Anlagen zurück.

Der Rewe-Konzern zeigte sich überrascht, dass Ehlego mit dem Rewe-Logo auf seiner Webseite wirbt. Eine Geschäftsbeziehung bestehe nicht und habe auch nie bestanden, teilte Rewe mit, nur ein einzelner Rewe-Markt in Brandenburg habe Eier von dem Betrieb "als regionales Produkt ins Sortiment aufgenommen, ohne die dafür entsprechenden internen Prozesse einzuhalten". Ehlego führe das Rewe-Logo zu Unrecht auf der Webseite "und vermittelt irreführend eine weitreichende Zusammenarbeit mit Rewe". Der Handelskonzern prüfe nun rechtliche Schritte.

"Bodenhaltung bedeutet systematische Grausamkeit"

In den vergangenen Jahren haben Tierrechtsorganisationen immer häufiger ähnliche Aufnahmen aus Ställen veröffentlicht. Egal ob es sich dabei um die Zucht und Mast von Hühnern oder Schweinen oder um Legehennen handelte: Immer wieder deckten Aktivisten auf diesem Weg auch Verstöße gegen die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung auf.

Über die aktuellen Aufnahmen sagt Katharina Weiss von Animal Equality: "Jede Behauptung der Eier-Industrie, Bodenhaltung sei tierfreundlich, ist reine Verbrauchertäuschung." Ein Großteil der Eier auf dem Markt stamme aus Bodenhaltung, die Massentierhaltung sei und "systematische Grausamkeit, offensichtlich unzureichende Kontrollen und so letztlich extremes Leid für die Tiere" bedeute.

Zuweilen wurden Betriebe nach Veröffentlichungen in Medien sogar stillgelegt. Unter anderem deshalb sind im Februar die Tierrechtsaktivisten von Animal Rights Watch (Ariwa) vor dem Oberlandesgericht Naumburg vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs freigesprochen worden.

Die Organisationen veröffentlichen vor allem Aufnahmen, mit denen sie klare Gesetzesverstöße dokumentieren, sie wollen aber auch grundsätzlich auf die Umstände in der Massentierhaltung aufmerksam machen. Dabei zeigt sich, dass auch die Produktion von Bio-Eiern nicht so idyllisch ist, wie mancher vielleicht meint: In Brandenburg beispielsweise werden rund 90 Prozent der Bio-Legehennen in Stallanlagen mit mindestens 30.000 Tieren gehalten.


Warum nutzt SPIEGEL ONLINE vermeintlich illegal entstandenes Material von Animal Equality?

SPIEGEL ONLINE stützt sich in diesem Text auf Material, das der Tierrechtsorganisation Animal Equality vorliegt.

Die Aufnahmen sind zum größten Teil nachts entstanden, die Aktivisten sind dafür unbefugt auf das Gelände gelangt und erfüllen damit formal den Tatbestand des Hausfriedensbruchs. Vor Gericht können sie allerdings den "rechtfertigenden Notstand" vorbringen - ohne den Hausfriedensbruch könnten Missstände nicht öffentlich gemacht werden. Erst im Februar sind Aktivisten mit dieser Argumentation in einem ähnlichen Fall freigesprochen worden.

Ohne Animal Equality hätte SPIEGEL ONLINE nicht über die Zustände in dem mit dem Tierwohl-Label ausgezeichneten Betrieb berichten können, da wir als Journalisten nicht entsprechend in Ställe eindringen.

Warum vertraut SPIEGEL ONLINE der Organisation?

SPIEGEL ONLINE hat seit mehreren Jahren Kontakt zu Animal Equality, hat viele Informationen von der Organisation bekommen und bisher keine falschen Fakten feststellen können. Das SPIEGEL ONLINE vorliegende Filmmaterial ist ungeschnitten und enthält mehrere Elemente, die Zeit und Ort der Aufnahmen belegen.

insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
diebewerterin 30.05.2018
1. Ekelhafte Konsumwelt!!
Ich unterstütze jeden der über derartige Missstände berichtet! Seit Januar 2018 fleischlos lebend, mit mehr Augenmerk auf die Details erkennt man auch als Nicht-Vegetarier / Nicht-Veganer schnell, die Zustände sind oftmals katastrophal. Schuld suchen lässt sich nicht nur bei Konsumenten und Anbietern. Die Politik tut nichts dagegen und wenn zu wenig! Aber auch der normale Einkäufer kann unterstützen. Grundfrage: kann man sich vorstellen, dass man selbst so lebt? Antwort: nein...dann tätig werden. ... Lasst entsprechende Produkte im Laden liegen, weicht auf Bauernhöfe aus. Keiner braucht täglich Fleisch oder Ei(er). Aber Mumm braucht man, täglich dagegen anzugehen und Tierschützer zu unterstützen!!
lachina 30.05.2018
2. Nicht nur Billig- Eier....
auch teure Eier kommen aus der gleichen Quelle, wenn es die gleichen Hersteller sind. Wer die Gelegenheit hat, beim Kleinbauern seines Vertrauens zu kaufen, kann das tun - ich habe das nicht und so bleibt mir nur, Eier zu boykottieren. Die industrielle Tierhaltung ist eine Schande für die zivilisierte Welt!
lupo62 30.05.2018
3.
Die Eierverpackung aus dem Supermarkt zeigt scharrende Hühner auf einem mit Stroh bedeckten Dachboden. Durch ein altmodisches Fenster scheint gelbes Sonnenlicht auf die Idylle. Welch schöne Bodenhaltung! Ich habe den (Hühner-) Braten nicht ganz getraut und nach dem Betriebsstandort gegoogelt. Was ich von oben sah, habe ich zuerst für die Kläranlage der Gemeinde gehalten. Sah auf jeden Fall sehr industriell aus. Wem das Wohlergehen der Eierproduzentin auch nur ansatzweise interessiert, sollte die paar Cents für Freilandhaltung über haben.
karl15 30.05.2018
4. Ideen sammeln
Wie wäre es mit einer Pflicht für jeden Großstall einen dieser Punkte zu erfüllen: - Bezahlung einer regelmäßigen unangekündigten Kontrolle - Ein Besucherschaufenster (selbstverständlich unter EInhalt aller Regeln für das Tierwohl) - eine Web-Kamera
gilowyn 30.05.2018
5. Danke für den Beitrag
Und immer dran denken... in Fertigprodukten sind ebenfalls fast nur Eier aus Bodenhaltung zu finden. Es ist kaum möglich, ohne Schuld zu konsumieren. Aber so ein Mindestmaß an persönlicher Verantwortung? Kein Billigfleisch vom Discounter, keine Billigeier, keine Primark-Shirts...?
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