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17. Februar 2006, 15:43 Uhr

Eigenheime

Gemeinsam bauen, weniger zahlen

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Baugemeinschaften haftet noch immer der Ruf von ökobewegten Kommunen an, die endlos diskutieren. Zu Unrecht: Professionelle Projektmanager und engagierte Architekten haben die Idee zu einer echten Alternative entwickelt. Zeit müssen die Hausbauer allerdings mitbringen.

Berlin - "Wir müssen noch über die Gestaltung des Müllplatzes sprechen. Das liegt mir sehr am Herzen", sagt Volker. Da steht der Zeiger der Uhr schon auf kurz vor Mitternacht. "Schlechtes Timing", raunt Tasso seinem Nachbarn zu. "Wenn wir das jetzt diskutieren, kommen wir hier um eins noch nicht raus." Auch andere Teilnehmer der Runde stöhnen vernehmlich. Volker hat den Ernst der Lage inzwischen erkannt und tritt den Rückzug an: "Okay, dann besprechen wir das beim nächsten Mal als erstes. Ich hätte einfach kein gutes Gefühl dabei, wenn wir das unter den Tisch fallen ließen."

Baustelle: "Basisdemokratisch organisierte Gruppen übernehmen sich"
DPA

Baustelle: "Basisdemokratisch organisierte Gruppen übernehmen sich"

Seit dem frühen Abend schon sitzt die Gruppe zusammen und diskutiert. Einzelheiten der Finanzierung sind zu klären, ebenso wie neue Details der Fassadenplanung. Einige Materialproben für die Verkleidung werden herumgereicht. Die Liste der Tagesordnungspunkte ist damit noch keineswegs abgearbeitet. Doch die Gruppenmitglieder sind trotz der teilweise enervierenden Debatten guter Dinge. Die 21 Familien haben sich zu einer Baugemeinschaft zusammengeschlossen, um ihren gemeinsamen Traum zu verwirklichen: ein großes Wohnhaus mit Gartengebäude im Herzen vom Prenzlauer Berg, einem der beliebtesten Szeneviertel von Berlin.

Baugemeinschaften wie die "Freunde buddhistischer Baukultur" - so nennt sich die Gruppe von Volker und Tasso selbstironisch - sind derzeit en vogue am Prenzlauer Berg. Allein in den Straßenzügen rund um den Kollwitzplatz sind vier Projekte im Bau beziehungsweise in Vorbereitung. Christa Hahnemann, von der Entwicklungsgesellschaft S.T.E.R.N. sieht die Baugemeinschaft gar als echte Alternative zum konventionellen Bauträgermodell: "Es ist deutlich billiger, man kann mitbestimmen, wie das Anwesen gestaltet wird - und man lernt schon vorher seine künftigen Nachbarn kennen."

Tübingen und Freiburg als Vorreiter

Im Prinzip ist die Idee der Baugemeinschaften nicht neu. Besonders in Freiburg und Tübingen bevölkern sie bereits ganze Wohnviertel - meist auf dem Gelände ehemaliger Kasernen. Allein in Freiburg wurden bereits mehr als 150 Projekte realisiert. Dank der Unterstützung durch die Stadtverwaltung ist die Zahl der von Privatgruppen gebauten Wohnungen inzwischen größer als die der Bauträger. Tübingen hat die Unterstützung der Baugruppen gar zum Programm erhoben: Seit 1998 ist die Hälfte der Baugrundstücke für Gemeinschaften reserviert.

Auch in den Großstädten werden Baugemeinschaften allmählich zur festen Größe. In München, Köln, Stuttgart, Leipzig oder Hamburg haben die Stadtverwaltungen eigene Dezernate eingerichtet, die sich um deren Belange kümmern. In Berlin versucht die S.T.E.R.N. im Auftrag des Berliner Senats, die vorhandenen Brachen in den Sanierungsgebieten am Prenzlauer Berg an den Mann zu bringen, die Entwicklungsgesellschaft Wasserstadt berät gleichzeitig Bauwillige in der Berliner Rummelsburger Bucht.

Hamburg unterstützt den Trend mit besonderem Engagement: 15 Prozent der städtischen Grundstücke will die Hansestadt bevorzugt an Baugemeinschaften verkaufen. Die machen von dem Angebot auch rege Gebrauch. Mehr als 40 Gruppen sind derzeit in der aktiven Planungs- oder Bauphase. 700 Wohnungen sind bereits nach dem Modell entstanden. Sogar in der noblen Hafencity sind mehrere Baugemeinschaften aktiv.

Familien in die Stadt locken

Das Engagement der Großstädte ist nicht ganz uneigennützig. Knapper Baugrund und hohe Mieten haben in der Vergangenheit besonders die jungen Familien aus den Innenstädten vertrieben - die meisten können sich ein eigenes Haus allenfalls noch vor den Toren der Stadt leisten. Die Folge: Im Zentrum leben meist ältere Menschen, Singles, oder Gutverdiener ohne Kinder.

Dabei würden nach jüngsten Studien auch viele Familien lieber dort wohnen, wo Theater, Kinos, oder Bars direkt vor der Tür sind. Für sie stellt die Baugemeinschaft eine echte Alternative dar, denn die Ersparnis gegenüber dem konventionellen Kauf beim Bauträger beträgt nach Expertenangaben mindestens 20 Prozent - bei besserer Ausstattung des Hauses und besserer Bauqualität. Hinzu kommt die Ersparnis bei den Grunderwerbssteuern und Notargebühren, die nur nach dem Wert des unbebauten Grundstücks berechnet werden.

Gefragt ist aber vor allem eine reibungslose Organisation der Planungs- und Bauphase. Daran hapert es besonders bei jenen Gruppen, die mit dem Haus auch noch eine ganze Reihe idealistischer Ziele verwirklichen wollen, kompromisslos ökologische Bauweise zum Beispiel, oder eine besondere Form des Zusammenlebens. In der Regel organisieren solche Gruppen das gesamte Projekt in Eigenregie, handeln Verträge mit den Handwerkern aus und koordinieren den Ablauf der Bautätigkeit selbst. "Viele solcher basisdemokratisch organisierten Gruppen übernehmen sich damit und scheitern schließlich an endlosen Diskussionen", sagt der Architekt Christoph Roedig, der in Berlin ein Baugemeinschafts-Projekt verwirklicht hat.

"Die Entscheidungsfindungen an den Sitzungsabenden müssen straff organisiert sein", erklärt auch der Initiator der "Freunde der buddhistischen Baukunst", Andreas Roediger. Wenn jeder alles bis ins Detail mitentscheiden wolle, sei der Absturz programmiert, sagt der ehemalige Pilot und nennt die Fassadengestaltung als Beispiel. "Da will einer Putz, der andere Klinker, der Dritte Sichtbeton, große Fenster oder kleine, Holz oder Aluminium, die Zahl der Möglichkeiten ist endlos." Gemeinsam mit dem Architekten Uwe Heinhaus bereitet er die Sitzungsabende deshalb sorgfältig vor. Die Bauherren bekommen drei oder vier Möglichkeiten zur Auswahl präsentiert, über die dann gesprochen wird.

Hohe Erwartungen an die Mitglieder

Die Diskussion soll damit aber auf keinen Fall abgewürgt werden, auch wenn es dadurch häufiger spät wird. "In solchen Runden werden oft Anregungen oder Wünsche formuliert, die wir nicht auf dem Zettel hatten", sagt Heinhaus. Diese würden dann in das Konzept eingearbeitet, auf das sich die Gruppe geeinigt habe. "Auf so ein kreatives Input würde ich nie verzichten wollen", erklärt der Architekt. Dass dieser Weg Erfolg verspricht, hat Heinhaus bereits bewiesen. Gemeinsam mit zehn anderen Familien hat er gerade ein Wohnhaus in der Marienburger Straße am Prenzlauer Berg hochgezogen.

In ähnlicher Weise geht auch der Projektentwickler Andreas Stahl aus Tübingen vor, der ebenfalls eine Gruppe in Berlin betreut. Stahl gilt als echter Profi in der Branche: insgesamt 14 erfolgreiche Projekte - vornehmlich in der schwäbischen Unistadt - gehen bereits auf sein Konto. "Transparenz ist wichtig und eine offene Darlegung der Vor- und Nachteile der aufgezeigten Alternativen", sagt er. Entscheidungen, die auf einer solchen Basis getroffen würden, würden selten später noch einmal von Einzelnen in Frage gestellt.

Trotzdem - ein gewisser idealistischer Ansatz ist auch den professionell betreuten Gruppen gemein. Denn Bauherren, die lediglich Geld sparen wollen, sich aber während der Gruppenabende nicht blicken lassen, sind in den Baugemeinschaften nicht willkommen. "Wir erwarten, dass die Beteiligten sich auch am Leben der Gemeinschaft beteiligen", sagt Roedig. "Schließlich stecken Architekten und Projektmanager regelmäßig viel mehr Zeit in so ein Projekt, als ihnen an Stunden vergütet wird."

Im Vergleich mit der Zusammenarbeit mit einem Bauträger ist der Aufwand tatsächlich um ein Vielfaches größer. Im ersten Fall hat der Architekt es mit einem Ansprechpartner zu tun, im Fall der Baugemeinschaft dagegen mit vielen. "Jeder will in seinen vier Wänden seine Träume verwirklichen, das heißt: jede Wohnung weicht mehr oder weniger deutlich vom Standard ab. Das multipliziert die Arbeit", sagt Roedig. Trotzdem arbeitet er viel lieber mit Baugemeinschaften zusammen. "Die Befriedigung ist eben viel größer, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen." Wenn die Leute dagegen nicht harmonieren, dann sei es mit dem Spaß vorbei. "Dann wird so eine Baugemeinschaft zur siebenköpfigen Hydra."

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