Von Yasmin El-Sharif
Hamburg - Auf einen so heißen Spätsommer haben alle gewartet: Die deutsche Wirtschaft bricht aus der tiefsten Rezession ihrer Geschichte aus, die Exporte steigen wie seit fast drei Jahren nicht mehr, und obendrein sind die Verbraucher in allerbester Kauflaune. Diese Botschaften wirken nach einem Jahr Rezession wie ein Balsam. Selbst der stärkste Jobabbau seit mehr als sechs Jahren in den Industrieunternehmen kann dem aufkeimenden Optimismus da nicht viel anhaben.
Überraschend ist, dass bei aller Konzentration auf die hoffnungsfrohen Nachrichten ein bedeutender Konjunkturindikator nahezu untergeht: die Zeitarbeit. Und das obwohl sich in dieser Branche in den vergangenen Wochen ein spektakulärer Wandel vollzogen hat. So nahm im Juni die Zahl der Zeitarbeiter in Deutschland wieder zu - erstmals seit elf Monaten des radikalen Jobabbaus. Fast vier Prozent mehr Leiharbeitnehmer gab es und damit insgesamt rund 530.000, wie der Bundesverband Zeitarbeit (BZA) jüngst berichtete. Aktuellere Daten liegen zwar noch nicht vor. Dennoch ist BZA-Präsident Volker Enkerts zuversichtlich: "Mein Eindruck ist, dass wir im Juli einen noch stärkeren Anstieg hatten als im Juni." Er schätzt das Plus auf fünf Prozent.
Einen deutlicheren Trend macht ein weiterer großer Branchenverband, der Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP), aus. "Die Nachfrage in unseren Mitgliedsfirmen hat zuletzt um zehn Prozent zugenommen", erklärt AMP-Hauptgeschäftsführer Thomas Hetz. Ähnliche Auskünfte erhält man bei den großen Verleihfirmen. "Wir spüren derzeit einen Aufwärtstrend", sagt eine Sprecherin von Marktführer Randstad. Und beim drittgrößten Player Manpower bestätigt Manager Christian Salge: "Ja, es zieht an."
Weil kaum eine andere Branche so klare Trends setzt wie die stark konjunkturabhängige Zeitarbeit, werden Experten bei den fast schon prahlerischen Aussagen hellhörig. Denn es gilt die goldene Regel: Schwächelt der Motor der Wirtschaft, sind es fast immer Zeitarbeitnehmer, von denen sich die Unternehmen als Erste trennen. Kommt die Konjunktur dagegen wieder in Schwung, ziehen die Firmen als Erste wieder Leiharbeiter heran, um die ersten große Aufträge abzuarbeiten. Denn nichts scheuen Arbeitgeber im schwachen konjunkturellen Aufwind mehr als die Einstellung fester Mitarbeiter.
Die entscheidende Frage also bleibt: Markiert die aktuell steigende Nachfrage bereits die konjunkturelle Trendwende, oder handelt es sich dabei nur um ein Strohfeuer?
Nicht überraschend sprüht die Branche selbst regelrecht vor Optimismus. "Die Talsohle ist erreicht, in vielen Fällen sogar durchschritten", zeigt sich AMP-Mann Thomas Hetz optimistisch. Selbst die Zeitarbeitsfirmen seien von den plötzlich guten Zahlen überrumpelt worden. "Man konnte ja nicht ahnen, dass es in diesem Sommer schon wieder aufwärtsgeht. Und die Vergangenheit zeigt: Wenn es bei uns gut läuft, zieht die restliche Wirtschaft etwa ein halbes Jahr später nach." Etwas verhaltener ist BZA-Präsident Enkerts. "Es ist im Moment sehr schwer zu sagen, ob der Auftrieb saisonal oder konjunkturell bedingt ist." Im Sommer nimmt die Zahl der Zeitarbeitnehmer generell zu. Jetzt muss sich zeigen, ob sich die Aufwärtsbewegung halten kann.
Die Zurückhaltung ist nicht unbegründet. Denn tatsächlich hat die Branche eine Menge nachzuholen. Ein kurzer Rückblick macht dies deutlich. Sommer 2008: Gestützt durch die Liberalisierung der Leiharbeit erlebte die Branche in Deutschland einen bisher nie dagewesenen Boom. Die Zahl der Zeitarbeiter schnellte im Aufschwung auf mehr als 800.000 hoch. Dann der radikale Absturz der Wirtschaft. Zahlreiche Firmen schickten Tausende ihrer Leiharbeiter von heute auf morgen nach Hause - allen voran die Automobilindustrie und der Maschinenbau. Auch die Zeitarbeitsfirmen, bei denen die Leiharbeiter angestellt waren, fanden keine weitere Beschäftigung für ihre Mitarbeiter. Die Folge: Binnen kürzester Zeit dezimierte sich die Branche regelrecht. Verglichen mit dem Sommer 2008 gibt es heute 300.000 Zeitarbeiter weniger. Das kleine aktuelle Plus kann die schweren Verluste der vergangenen Monate also bei weitem nicht wettmachen.
Auch Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, warnt vor allzu großer Euphorie. "Ein Aufschwung in der Zeitarbeit wäre zu diesem Zeitpunkt sehr, sehr früh." Denn trotz aller positiven Konjunktursignale drohen noch herbe Rückschläge auf dem Arbeitsmarkt, der der Wirtschaftsentwicklung im allgemeinen um ein halbes Jahr hinterherhinkt. Experten erwarten nun für die kommenden Monate einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Die Skepsis der Experten ist nicht ganz unbegründet: Selbst wenn es keinen Job-Kahlschlag geben sollte, bleibt noch ein anderes Hemmnis für die Zeitarbeit. Denn im Moment herrscht in Tausenden von Firmen Kurzarbeit. Zieht die Konjunktur an, werden die Unternehmen zunächst wieder ihre eigenen Mitarbeiter voll arbeiten lassen. "Das spricht gegen einen schnellen Aufschwung bei der Leiharbeit", sagt WSI-Fachmann Herzog-Stein.
In der Branche selbst will man davon wenig wissen. "Ich rechne in dieser Phase nicht mehr mit herben Rückschlägen", sagt Manpower-Manager Salge. Die aktuellen Signale seien dafür derzeit zu positiv. "Wir haben auf der ganzen Bandbreite eine wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften, vor allem Pflegekräfte werden gesucht." Neben Gesundheitsberufen seien besonders kaufmännische Berufe, etwa bei Banken und Finanzdienstleistern, gefragt. Und nicht zuletzt aus dem Produzierenden Gewerbe, das stark von der Krise getroffen worden sei, nähmen die Anfragen wieder zu. So liegt die Anzahl der offenen Stellen bei der drittgrößten Verleihfirma hierzulande inzwischen bei 2100. "Vor einigen Wochen waren es noch deutlich weniger", sagt Salge. Auch beim Marktführer Randstad ist die Zahl der Vakanzen gestiegen - auf aktuell gut 4600.
Der positiven Stimmung pflichtet BZA-Präsident Enkerts bei. "Sogar Autokonzerne brauchen inzwischen wieder Leiharbeitskräfte", sagt Enkerts. Er glaubt jedoch nicht, dass dies auf die Abwrackprämie zurückzuführen sei, sondern auf einen steigende Nachfrage aus dem Ausland. "Jetzt, wo der Export wieder anspringt und unter Umständen auch die Logistikbranche, werden wir überdurchschnittlich profitieren." Am Ende werde die Zeitarbeit gestärkt aus der Krise hervorgehen.
Selbst WSI-Experte Herzog-Stein geht langfristig von einem Anstieg der Zeitarbeit aus. "Der Aufwärtstrend bei der Zeitarbeit der vergangenen Jahre wird nach der Krise auf jeden Fall weitergehen." Und Enkerts fügt hinzu: "Eine Million Zeitarbeitnehmer sind bald nicht mehr unrealistisch."
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