Griechische Eisenbahn Ein Zug wird kommen. Oder auch nicht

Griechenland soll mit Privatisierungen Milliarden einnehmen. Auch die marode staatliche Eisenbahn steht zum Verkauf. Das war vor zwei Jahren schon einmal versucht worden - erfolglos.

Aus Athen berichtet

Martin Schlak

Die Zukunft endet bei Kilometer 231. Am Bahnhof in Domokos spannen Arbeiter eine Diesellok vor den Intercity 55 aus Thessaloniki. Sie zieht den Zug auf die Strecke Richtung Athen, die die nächsten 122 Kilometer lang eingleisig und nicht elektrifiziert ist. Noch immer fehlt auf der Neubaustrecke zwischen den beiden größten Städten Griechenlands der Lückenschluss. Eigentlich sollte er längst fertig sein. Stattdessen zuckeln die Intercitys weiterhin mit 60 Stundenkilometern durch die Berge. Bis in die Hauptstadt sind es noch vier Stunden.

In Domokos, wo die Zukunft der griechischen Eisenbahn vorläufig endet, beginnen die Probleme des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble (CDU).

Die Syriza-Regierung von Premierminister Alexis Tsipras soll Milliarden mit der Privatisierung von staatlichen Betrieben einnehmen. Regionale Flughäfen sollen verkauft werden, Energieunternehmen - und auch die Eisenbahngesellschaft Trainose. Es ist der zweite Anlauf. Der erste Versuch, das staatliche Bahnunternehmen loszuschlagen, war vor zwei Jahren gescheitert. Kann es jetzt klappen?

Wer mit der maroden Staatsbahn unterwegs ist, dem wird klar: Viel Geld wird für diese Eisenbahn niemand bezahlen wollen. Die griechischen Züge sind langsam, alt und unpünktlich. Das Streckennetz ist ein Flickenteppich - und der Ruf ruiniert.

Nach sechs Stunden Fahrzeit, und um 46 Minuten verspätet, erreicht Intercity 55 an diesem Tag im August Athen. Die Fahrgäste murren nicht, sie sind solche Verspätungen gewohnt. Selten kommt hier ein Intercity pünktlich an. Die meisten Griechen sind lieber mit dem Auto oder Bus unterwegs. Sie legen nur 0,7 Prozent ihrer Reisekilometer mit der Bahn zurück. In Deutschland sind es 8,4 Prozent.

Trainose war 2005 als Tochter der staatlichen Eisenbahngesellschaft Organismós Sidirodrómon Elládos (OSE) gegründet worden. Trainose betreibt die Güter- und Personenzüge als Monopolist, die Mutterfirma OSE stellt die Gleise und Bahnhöfe bereit.

OSE steht beispielhaft für das griechische Staatsversagen der vergangenen Jahre. Die Liste der Fehlplanungen ist grotesk: Auf der Halbinsel Peloponnes sind Strecken mit EU-Geld saniert und kurz darauf eingestellt worden. Im Athener Hauptbahnhof wurden drei neue Bahnsteige gebaut, die niemand benötigt. Der Stationsvorsteher schüttelt bloß den Kopf, als er darauf angesprochen wird. Es habe Probleme beim Bau gegeben, sagt er.

Auf vielen Nebenstrecken fuhren die Bahnen fast ohne Fahrgäste

Als die Politiker sich zu Beginn der Finanzkrise OSE genauer anschauten, offenbarten sich finanzielle Abgründe. Das Unternehmen machte im Jahr 2009 mehr als zwei Millionen Euro Miese - pro Tag. Hinzu kamen die Verluste des Zugbetreibers Trainose: allein im Jahr 2009 etwa 230 Millionen Euro. Auf vielen Nebenstrecken fuhren die Bahnen fast ohne Fahrgäste, dafür aber mit mehreren Zugführern. Lokführer verdienten bis zu 3500 Euro netto; die starken Gewerkschaften hatten teils horrende Zuschläge herausgehandelt.

Die Regierung unter dem damaligen Premierminister Georgios Papandreou verordnete der Bahn daraufhin ein Reformprogramm. Der Verkehr auf einigen unrentablen Strecken wurde eingestellt. Hunderte Bedienstete verloren ihren Job, manche fingen in anderen Staatsunternehmen an. Die Gehälter der verbliebenen Beamten wurden gekürzt, die Verbindungen ins Ausland gekappt. Mittlerweile rollt nach Belgrad und Sofia wieder ein Nachtzug.

2012 wies Trainose erstmals einen Gewinn nach Steuern aus, der im folgenden Jahr laut Bilanz auf fast zwei Millionen Euro kletterte. Unklar ist, wie viel Kosmetik hinter diesen Zahlen steckt. Die EU-Kommission hatte Athen zuvor vorgeworfen, den Zugbetreiber Trainose staatlich zu subventionieren.

Dem griechischen Privatisierungsfonds Taiped kamen die schwarzen Zahlen gelegen. Er begann im Jahr 2013 mit der Privatisierung von Trainose. Damals war unter anderem die russische Eisenbahn an einer Übernahme interessiert. Doch zu einem Deal kam es nicht. Laut der griechischen Zeitung "Kathimerini" konnte man sich nicht einigen, was bei einer Übernahme mit den angehäuften Schulden des Unternehmens passieren soll.

Die starke Eisenbahngewerkschaft ist gegen die Privatisierung

Jetzt will Athen einen weiteren Versuch starten. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) hat zwar ihr Interesse bekundet, ÖBB-Chef Christian Kern schloss aber in einem Interview mit dem Magazin "Trend" jüngst aus, einen positiven Kaufpreis zu bezahlen. Mit anderen Worten: Er will die griechischen Bahnen zum Nulltarif haben oder rechnet sogar noch mit einer Entschädigung für die anstehenden Sanierungsmühen.

Das Problem: Ein Käufer von Trainose muss sich weiter mit der maroden Infrastruktur herumplagen, die OSE zur Verfügung stellt. Unter dieser Bedingung wird es kaum möglich sein, mit Bussen und Pkw zu konkurrieren. Nur 17 Prozent des Bahnnetzes sind bisher elektrifiziert, im Vergleich zu fast 60 Prozent in Deutschland. Zudem stemmt sich die starke Eisenbahngewerkschaft gegen die Privatisierung.

Als einzige rentable Strecke gilt die Verbindung von Thessaloniki nach Athen. Bis zum Frühling 2017 soll der Lückenschluss auf der Schnellstrecke in Zentralgriechenland stehen. Die Intercitys von Athen nach Thessaloniki sollen dann nur noch dreieinhalb Stunden brauchen. Die Strecke werde durchgängig elektrifiziert sein, das aufwendige Umspannen auf Dieselloks in Domokos würde entfallen.

Auf der gleichen Seite teilt Ergose jedoch mit: Auf einem bereits fertigen Streckenstück vor Athen hätten Metalldiebe und Vandalen große Teile der Oberleitung geklaut und zerstört. Dort müssten die Bauarbeiten nun wieder von vorne beginnen.



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insgesamt 99 Beiträge
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ThomasGB 24.08.2015
1. Ein Bild sagt, ...
mehr als tausend Worte. Nicht wegen der Eisenbahnen, sondern ob des dekorativen Müll. Genauso habe ich das einmal kennengelernt und genauso sieht es auch abseits der Touristen-Hochburgen aus. Alles was nicht mehr gebraucht wird: Ab in den nächsten Graben. Aus den Augen, aus dem Sinn. Fehlen nich ein paar streundende Hunde, Katzen, Hühner und das ganze ist abgerundet. Mahlzeit!
Leser161 24.08.2015
2. Nothing out of nothing
Die Sache die ja mal immer gerne vergessen wird. Es kommt kein Geld aus dem Nichts. Irgendwo müssten diese Millarden ja herkommen. Zum Beispiel aus dem Verkaufen von Substanz oder dem loswerden von teuren Angestellten. Wenn man jedoch keine Substanz und der kleine Angestellte schon eh keine Hosen mehr an hat, dann gibs da auch nichts mehr zu holen.
tobiash 24.08.2015
3. Typisch Gewerkschaften!
Das gesamte Unternehmen runtergewirtschaftet, unrentabel, unansehnlich und marode. Trotzdem wehrt sich die Gewerkschaft gegen die dringend benötigte Privatisierung. Es könnte ja sein, dass der Laden dann funktioniert und die Mitarbeiter dann auch noch arbeiten müssten. Und dass Zigeuner die Oberleitungen stehlen, ist doch wirklich nicht neues. Gibt es in Bulgarien und Rumänien immer wieder. Da wurde aber vehement gegen die Diebe vorgegangen und ihnen die staatliche Unterstützung entzogen. Danach hörten die Diebstähle auf. Scheint aber in Gruiechenland niemanden wirklich zu interessieren. Da fängt man dann lieber von vorne an.
cherrypicker 24.08.2015
4. Zusammengefasst
Griechenland braucht einen Schuldenerlass und ein Investitionsprogramm. Billig zu verkaufen haben die Griechen nichts, schon gar nicht staatliche Infrastruktur. Die 50 Milliarden Euro an geplanten Einnahmen aus Privatisierungen sind eine Luftnummer. Daher mein Rat an die internationale Finanzmafia: Geht heulen. Oder besser noch: Sucht euch mal einen richtigen Job. Kindergärtner sind in Deutschland immer noch gefragt, wie ich gehört habe. Kinder hüten ist irgendwie besser als Leute abzocken, finde ich.
trevi 24.08.2015
5. Dank an Red.Schlak für diesen..
sehr guten und umfassenden Bericht. Er ist symptomatisch für viele gr.Staatsbetriebe und zeigt, wie drigend nötig Korrekturen in diesem Lande sind. Den vielen -ewiggestrigen- Verteidigern des GR-Reg.Systems (links,kommunistisch) sollte man diesen Bericht unters Kopfkissen zur tgl.Abendlektüre legen ..
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