Ende der Subventionen Kohle-Importeure rechnen mit Milliarden-Aufträgen

Für die Bergleute im Ruhrgebiet geht es um alles. Wenn die Subventionen für die deutsche Steinkohle auslaufen, sind ihre Jobs verloren. In manch anderem Unternehmen herrscht dagegen Hochstimmung: Kohleimporteure rechnen mit Milliarden-Aufträgen.

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Hamburg - "Für uns sind das hervorragende Aussichten", sagt Patrick Seifert, Geschäftsführer des mittelständischen Kohleunternehmens HCC Hanseatic. Bisher kommt die Firma auf ein jährliches Handelsvolumen von zwei Millionen Tonnen. Wenn die Steinkohleförderung in Deutschland eingestellt wird, dürfte die Menge jedoch deutlich steigen. Denn dann muss der Bedarf aus Übersee gedeckt werden. "Wir hoffen, ein gutes Stück vom Kuchen abzubekommen", sagt Seifert.

Kohletransport auf dem Rhein: "Den Verbrauchern ist egal, wo sie ihre Kohle kaufen"
AP

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22 Millionen Tonnen Steinkohle holt der Bergbaukonzern RAG jährlich an Ruhr und Saar aus dem Boden. Spätestens 2018 wird damit jedoch Schluss sein. Bis dahin sollen die staatlichen Beihilfen auf Null sinken - und ohne die ist der Bergbau in Deutschland nicht rentabel.

Wäre es nach dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) gegangen, so hätte sich der Staat sogar schon 2014 aus der Kohleförderung zurückgezogen. Jetzt, nach der gestern Abend getroffenen Einigung bleibt es bei 2018. Doch Rüttgers kann damit leben, denn ab 2015 übernimmt der Bund die Verpflichtungen von Nordrhein Westfalen. Ändern könnte sich allenfalls noch 2012 etwas - denn zu diesem Zeitpunkt soll die Vereinbarung auf der Grundlage eines gemeinsamen Berichts der Bundesregierung und der Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und dem Saarland überprüft werden.

Ein Gewinner steht allerdings schon fest: die Branche der Kohleimporteure. Schließlich müssen die fehlenden 22 Millionen Tonnen in Zukunft irgendwo herkommen. Beim aktuellen Preis von 62 Euro je Tonne Steinkohle hat die nötige Ersatzmenge einen Wert von gut 1,3 Milliarden Euro - und das jedes Jahr. "Wenn wir davon nur zehn Prozent abbekommen, ist das eine schöne Sache", sagt Seifert.

Kohle-Import nach Deutschland: "Länder mit stabilen politischen Verhältnissen"
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Ähnlich sieht man das beim niederländischen Handelskonzern SSM. "Unsere Mengen werden steigen", sagt Holger Eichentopf von der deutschen Tochter SSM Coal & Coke. Das werde zwar nicht von einem Tag auf den anderen geschehen. "Aber natürlich bieten sich in Deutschland neue Chancen."

Was die Qualität betrifft, gibt es keinen nennenswerten Unterschied zwischen deutscher und ausländischer Steinkohle. "Den Verbrauchern ist es egal, wo sie ihre Kohle kaufen", sagt Wolfgang Ritschel, Geschäftsführer des Vereins deutscher Kohlenimporteure (VDKI). So haben die Steinkohleeinfuhren schon in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Waren es im Jahr der Wiedervereinigung noch 12 Millionen Tonnen, so sind es heute gut 42 Millionen Tonnen. Die heimische Kohle hingegen deckte vor 16 Jahren noch 85 Prozent des Bedarfs, nun sind es nur noch 34 Prozent.

Die zusätzlich benötigte Menge über Importe zu decken, sei jedenfalls "kein Problem", sagt Ritschel. So wachse die weltweite Kohleförderung jährlich um 30 Millionen Tonnen. Vor allem aber gebe es eine große Auswahl an Produzentenländern. "Irgendeiner wird immer liefern." Einseitige Abhängigkeiten wie bei Öl oder Gas seien deshalb nicht zu befürchten. Zu den wichtigsten Kohlelieferanten zählen Polen, Südafrika, Australien, die USA und Kanada. "Allesamt Länder mit stabilen politischen Verhältnissen", sagt Ritschel.

Trotz der erwarteten Auftragsvolumina dürfte der Gewinn für die Händler allerdings gering bleiben. "Das Geschäft machen die Produzenten in Übersee", sagt Ritschel. Den Importeuren bleibe ein zusätzlicher Profit von höchstens 20 Millionen Euro in der Summe.

Für die öffentliche Hand hingegen geht es um ganz andere Beträge: Sie spart Ritschels Rechnung zufolge 2,5 Milliarden Euro im Jahr. Die Summe ergibt sich aus der Differenz zwischen den Förderkosten der RAG von schätzungsweise 175 Euro je Tonne Steinkohle und dem Weltmarktpreis von 62 Euro je Tonne. "Die wahren Gewinner sind die Steuerzahler", sagt Ritschel.



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