Ende des Dauer-Booms Wie China sein Superwachstum selbst ausbremst

Die chinesische Wirtschaft legt in atemberaubendem Tempo zu - noch. Denn ewig geht der Boom nicht weiter. Schon bald werden mehrere Probleme die Aufholjagd des Riesenreichs verlangsamen.

Von Sebastian Dullien

Baustelle in Peking: China dürften die billigen Arbeitskräfte ausgehen
DPA

Baustelle in Peking: China dürften die billigen Arbeitskräfte ausgehen


Hamburg - Für die Weltwirtschaft ist China Alptraum und Hoffnung zugleich. Alptraum für all jene, die wegen des Aufstiegs der Volksrepublik Machtverluste hinnehmen müssen. Hoffnung dagegen für die globale Konjunktur: Schließlich sorgt das Land seit Jahren dafür, dass die Weltwirtschaft einigermaßen rund läuft, obwohl der bisher wichtigste Motor, die USA, die Krise von 2008/2009 noch nicht überwunden hat.

Doch wie nachhaltig ist der chinesische Boom? Mehr als ein Jahrzehnt lang ist China mit Zuwachsraten von rund zehn Prozent pro Jahr dem Rest der Welt davongeeilt. Wird China die USA also bald nicht nur einholen, sondern sogar im Supertempo an der einstigen Großmacht vorbeiziehen?

Vieles ist über die Ungewissheiten des China-Booms geschrieben worden. Lange wurde gewarnt, die Wirtschaft hänge ohnehin nur an der US-Konjunktur: Weil China vor allem Exporte für den amerikanischen Markt produziere, würde eine Rezession in Amerika auch zum Ende des chinesischen Aufschwungs führen. Die globale Wirtschaftskrise hat diese Behauptung widerlegt. Zwar standen zeitweise die Maschinen in den chinesischen Exportfirmen still, und Millionen Menschen verloren ihre Jobs. Ein massives Konjunkturpaket der Regierung in Peking brachte aber schnell die Kehrtwende. Derzeit wächst China in erster Linie aus eigener Kraft.

China gehen die billigen Arbeitskräfte aus

Pessimisten führten auch die politische Situation in China immer wieder als großes Risiko an. Irgendwann, so die Warnung, drohten Unruhen das Land ins Chaos zu stürzen. Die kommunistische Regierung werde dann hinweggefegt - und mit der Stabilität sei auch der Aufschwung zu Ende. Auch diese Warnung scheint übertrieben. Zwar gibt es immer wieder Protestaktionen in einzelnen Regionen. Von einer landesweiten Bewegung, die die Herrschaftsstrukturen zerstören könnte, sind diese Demonstrationen aber weit entfernt.

Es gibt aber auch Gefahren, die nicht ganz so leicht von der Hand zu weisen sind:

  • Chinas Wachstum setzt sehr stark auf Investitionen, auf den Bau neuer Fabriken, neuer Straßen, neuer Flughäfen, neuer Appartementblocks. Das mag angesichts der enormen Bedürfnisse des 1,3-Milliarden-Volkes zurzeit sinnvoll sein, kann aber nicht auf Dauer so weitergehen. Irgendwann wird es auch in China ausreichend Straßen, Kanäle und Flughäfen geben.
  • Die neuen Fabriken haben nur so lange eine Berechtigung, wie deren Produkte willige Abnehmer finden. Hier ähnelt China anderen asiatischen Ländern wie Japan und Korea in deren Aufholprozess.
  • Wie diese Länder wird China irgendwann vor der Herausforderung stehen, von dem investitions- und exportgetriebenen Wachstumsmodell auf eines umzuschwenken, das vor allem vom inländischen Konsum getragen wird. In Japan und Korea ist dies nur bedingt gelungen: Das Ende des dortigen Investitionsbooms war von Krisen begleitet. Japans Wirtschaft leidet noch heute unter den Folgen. Das Risiko ist hoch, dass auch China die Wende schwerfallen wird.
  • Hinzu kommt, dass die Regierung in Peking vor der kniffligen Aufgabe steht, das Land für internationale Kapitalströme zu öffnen. Viele andere aufstrebende Volkswirtschaften haben an diesem Punkt Fehler gemacht. Oft ist die eigene Währung Spielball von instabilen internationalen Finanzflüssen geworden, massive Aufwertungen haben die Industrie geschädigt. China hat noch immer keine Lösung gefunden, wie es langfristig mit der eigenen Währung Renminbi umgeht. Jahr für Jahr Hunderte Milliarden an amerikanischen Staatsanleihen zu kaufen, um die eigene Währung stabil zu haben, ist zumindest keine überzeugende Lösung. Gut möglich, dass Peking auch hier Fehler macht, die den Aufschwung gefährden.

Noch deutlicher wird ein weiteres Problem: China dürften die billigen Arbeitskräfte ausgehen. Das Land hat in den vergangenen Jahren massiv davon profitiert, dass eine fast unbegrenzte Zahl von Niedriglöhnern verfügbar war. Millionen wohnten in den Ballungsgebieten an den Küsten, wo Tausende neuer Fabriken entstanden. Und wenn es Engpässe in den Metropolen gab, dann wurden einfach mehr Wanderarbeiter aus den armen inländischen Provinzen eingestellt.

Das Reservoir war nahezu unerschöpflich. Weil in China bis in die achtziger Jahre hinein noch viele Kinder geboren wurden, legte die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter zu. Das hat das Lohnwachstum begrenzt und den Firmen spektakuläre Expansionen erlaubt.

Langsamere Gangart Chinas

Diese wirtschaftlich günstige Ausgangslage dürfte sich in absehbarer Zeit ändern. Die Ein-Kind-Politik und die daraus folgenden niedrigen Geburtenraten sorgen dafür, dass das Heer verfügbarer Arbeitskräfte bald rapide schrumpfen wird. Ab Mitte des Jahrzehnts wird die Zahl der Chinesen zwischen 20 und 65 Jahren zunächst stagnieren, dann massiv abnehmen. Statt 900 Millionen Menschen in dieser Altersgruppe wie 2015 wird es laut Uno-Prognose 2050 nur noch knapp 700 Millionen Chinesen in diesem Alter geben - dafür entsprechend mehr Rentner, die versorgt werden müssen.

Angesichts solcher Zahlen sieht das demografische Problem Deutschlands fast schon harmlos aus. Weniger Arbeitskräfte bedeutet aber auch: mehr Konkurrenz um die Arbeiter und möglicherweise deutlich steigende Löhne. Die Zeiten scheinbar grenzenloser Industrieexpansion dürften spätestens dann vorbei sein.

All dies heißt natürlich nicht, dass Chinas Wachstum 2012 oder 2013 schon vorbei sein wird. Kurzfristig spricht viel für eine robuste Entwicklung: der Schwung dynamischer Unternehmen genauso wie ein immer noch enormer Entwicklungs- und Nachholbedarf, eine vergleichsweise kompetente Regierung sowie billige und gut ausgebildete Arbeitskräfte.

Allerdings könnte das Ende von Chinas Rekordwachstum schneller kommen als viele Optimisten erwarten. Mit etwas Glück haben sich bis dahin aber zumindest die USA und Europa wieder so weit gefangen, dass die Weltwirtschaft auch eine langsamere Gangart der chinesischen Volkswirtschaft verkraften kann.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sdong 22.06.2011
1. Weiterwachsen
Zitat von sysopDie chinesische Wirtschaft*legt in*atemberaubendem Tempo zu - noch. Denn ewig geht der*Boom*nicht*weiter. Schon bald werden*mehrere Probleme die Aufholjagd des Riesenreichs verlangsamen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,769389,00.html
Ist doch gar nicht schlimm, wenn es ab und zu gebremst wird. Ausserdem bremst China selbst auch künstlich. Die Probleme, die dann kommen würden hätten alle, ist nur die Frage, wie diese von Politik und Wirtschaft gelöst werden. ich bin sehr zuversichtlich, dass China weiterhin solid wächst.
bepekiel 22.06.2011
2. Umweltbelastung
Zitat von sysopDie chinesische Wirtschaft*legt in*atemberaubendem Tempo zu - noch. Denn ewig geht der*Boom*nicht*weiter. Schon bald werden*mehrere Probleme die Aufholjagd des Riesenreichs verlangsamen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,769389,00.html
vergessen wurde hierbei ein anderer wichtiger Punkt: die Umweltproblematik. Auch dies wird in kommenden Zeiten das Wachstum stark bremensen, wenn China die Umweltbelastung duurch die Fabriken nicht in den Griff bekommt.
DerNachfrager 22.06.2011
3. Sehr gut...
...aber es fehlt ein Punkt: China hat sich an einen Lebensstandard gewöhnt, der das Leerkaufen der internationalen Märkte (Öl,Milch,Getreide) bedingt. Und der nur durch den Exportboom möglich war. Sollte der wirklich enden, müsste China - um seinen Lebensstandard zu halten - paradoxerweise seine Landwirtschaft komplett umkrempeln.
SIEG 22.06.2011
4. Nach den USA ...
... wird China erst einmal Indien mit Produkten auffüllen. Indien hat für China ein sehr großes Potenzial, denn die Chinesen sind weitaus wendiger und auch nicht snobbish wie die indischen Unternehmer! In China sind Macher, die über Nacht etwas auf die Beine stellen, wofür die Inder drei, vier oder mehr Wochen brauchen.
Admiral G, 22.06.2011
5. "Ende des Dauer-Booms" ...
... das wird nun schon seit gefühlten Jahrzehnten gepredigt. Mal sehen ob ich es noch erlebe...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.