Energie-Gewinnung in Polen Das schmutzige Gas

Gewaltige Gasvorkommen lagern in Polens Tongestein. Die großen Energiekonzerne wittern ein Milliardengeschäft und reden die Umweltlasten klein. Doch längst geht es nicht mehr nur um Geld, sondern um den polnischen Traum der Unabhängigkeit von Russland.

Von Jens Mattern, Warschau

REUTERS

Auf dem Bauplatz in der nordpolnischen Gemeinde Trzebielino fahren Bagger und Raupen umher, einige Bauarbeiter mühen sich in dem eisigen Wind mit Schaufeln ab. In der Mitte des Terrains steht eine zwanzig Meter hohe Vorrichtung. Sie pumpt Wasser aus der Erde, unter der in rund vier Kilometern Tiefe so genanntes Schiefergas vermutet wird. Vier Männer nähern sich: "Keine Kamera und kein Mikrofon bitte!"

Ansonsten wollen die zwei Amerikaner und zwei Polen, Mitarbeiter der Gasfirma BNK Polska, nichts zu verbergen haben: "Wir achten die Umwelt, wir achten die polnischen Gesetze, wir schaffen Jobs. Das ist ein sauberes Business," sagt ein Mann mit Sonnenbrille und Kapuze auf Englisch, der seinen Beruf mit "Mineralöl-Ingenieur" angibt, seinen Namen hingegen lieber gar nicht.

Die BNK Polska GmbH gehört zum kalifornischen Energiekonzern BNK Petroleum Inc. Das Unternehmen hält sechs der bisher 110 vergebenen Konzessionen für Probebohrungen in Polen - dem Land mit dem größten Schiefergasvorkommen Europas.

Goldgräberstimmung an der Weichsel

Das vermutete 5,3 Billionen Kubikmeter große Erdgas-Vorkommen lagert in Schichten von Tongesteinen, die oft auch als Schiefer bezeichnet werden. Davon wird sich zwar bestenfalls ein Fünftel fördern lassen, doch bereits diese Aussicht sorgt seit über zwei Jahren für eine Art Goldgräberstimmung in Polen. Internationale Konzerne wie Chevron, ExxonMobil und ConocoPhillips, aber auch der staatliche Energieriese PGNiG sowie kleinere einheimische Firmen bringen derzeit ihre Probebohrungen auf einem "Gas-Streifen" nieder, der Polen von der Danziger Region über Warschau nach Südosten durchzieht.

Die polnische Regierung ist für das Schiefergas entflammt. Es geht um Unabhängigkeit. Denn das Land ist mit 10,25 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr 2011 einer der großen Kunden von Gazprom, dem russischen Energieriesen. Dessen undurchsichtige Preispolitik gegenüber Polen sorgt immer wieder für bilaterale Konflikte. Dass der Kreml-nahe Konzern seit Donnerstag während der Rekordkälte sieben Prozent weniger Gas an die Weichsel liefert, tut sein Übriges.

Mit Hilfe des amerikanischen Know-hows hat Polen nicht nur Aussichten, vom ungeliebten russischen Gas unabhängig zu werden, sondern sogar selbst zum Gasexporteur aufzusteigen. Darum stimmt selbst zwischen der sonst zerstrittenen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) unter Donald Tusk und der oppositionellen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) unter Jaroslaw Kaczynski die Chemie in Sachen Schiefergas: Der ehemalige Gasexperte der PiS-Regierung, Piotr Wozniak, zieht nun als Vizeminister des aktuellen Umweltministeriums bei der Konzessionsvergabe die Fäden.

Dank steigender Gaspreise soll sich das aufwendige Förderverfahren lohnen: Um das Gas aus dem Gestein zu lösen, wird mit Chemikalien und Quarz angereichertes Wasser in das Bohrloch gedrückt. "Fracking" nennt sich dieses Verfahren, das Energiekonzerne gerne auch in Deutschland anwenden wollen. Im Gegensatz zu einer konventionellen Erdgaslagerstätte, wo 80 Prozent des Funds gewonnen werden können, sind es bei Tongestein nur zehn bis zwanzig Prozent. Zudem gelten die Abwässer der Fracking-Prozedur als belastet durch gefährliche Stoffe, unter ihnen das stark krebserregende Benzol.

Vereinzelte Proteste der polnischen Landbevölkerung

Berichte über Umweltschäden in den USA, wo der Schiefergasabbau seit über zehn Jahren ernsthaft betrieben wird, dringen auch zu jenen Polen vor, die von den Probebohrungen unmittelbar betroffen sind. Es gab vereinzelte Proteste. Auch einige Bewohner der Siedlung Miszewo, die direkt an das Bohrfeld grenzt, sind aufgebracht.

So das Ehepaar Szczepan und Teresa Jaciubek. Im Wohnzimmer ihres Bauernhofs läuft der Nachrichtensender TVN24, der 61-jährige Landwirt liest, wie er betont, drei Zeitungen am Tag, eine davon nutzt er in gerollter Form als Gestikulationshilfe: "Zehn Tonnen chemische Stoffe werden in den Boden gejagt!" Das hätten ihm die Vertreter von BNK selbst gesagt. Zudem fürchtet das Ehepaar, dass bald entzündliches Methan aus dem Wasserhahn weicht, wie es der US-Dokumentarfilm "Gasland" eindrucksvoll zeigt.

Zwei Hektar des drei Hektar großen Grundstücks, das nun BNK gehört, hatte Herr Jaciubek damals veräußert. Zum normalen Marktpreis an den Mittelsmann eines Energieexperten aus Lodz, der den Boden anschließend an die amerikanische Gasfirma teuer weiterverkaufte.

Die Jaciubeks fühlen sich überfahren: Mitte Dezember wurden sie von der Gemeinde über die Bohrung unterrichtet, ein paar Tage später gingen die Bauarbeiten dann los. Die amerikanischen Ingenieure hätten den Kindern der Siedlungsbewohner ein paar Schoko-Weihnachtsmänner mitgebracht und den Kleinen eine kostenlose Verkehrsschulung garantiert. Denn nun sausen Lastwagen und schwere Baumaschinen mit Karacho durch die einst lauschige Siedlung. Teresa Jaciubek fürchtet um ihre Enkel.

"Wir müssen nach vorne gehen, nicht zurück! Vielleicht kann ich bald meinen Traktor mit billigem Gas betreiben!" ruft hingegen Nachbar Zenon Drobinski, ein Bohr-Befürworter, über den Hof.

Eine organisierte Gegnerschaft zum Schiefergas gibt es in Polen bislang nicht. Da der Klimakiller Kohle derzeit rund 90 Prozent der polnischen Stromversorgung ausmacht, hielten sich selbst die polnischen Grünen mit Kritik zurück, klagt der unabhängige Umweltschützer Marek Kryda. Er glaubt, dass sich viele betroffene Bewohner durch Bestechung und Einschüchterung mundtot machen ließen. Beweisen kann er das nicht.

Nachgewiesen wurden bisher lediglich einige Korruptionsfälle in polnischen Ämtern, verbunden mit den Konzessionen für Probebohrungen. Einer der Täter war ein Mitarbeiter des Instituts für Geologie in Warschau. Die staatliche Einrichtung hat seit Jahresbeginn jegliche Zusammenarbeit mit Mineralölfirmen unterbunden.

"Noch kann man nicht absehen, ob sich der Schiefergasabbau in Polen lohnt"

Der Druck im Geologie-Institut ist spürbar. Pressesprecher Miroslaw Rutkowski duldet keine Kamera und kein Mikrofon, ganz wie die BNK-Ingenieure am Bohrloch. Schiefergasexperte Pawel Poprawa knetet während des Interviews nervös die Hände: "Noch kann man nicht sehen, ob sich der Schiefergasabbau in Polen überhaupt lohnt", sagt der Geologe. Das hänge vom internationalen Gaspreis und von den Produktionskosten ab.

Die gelten als hoch beim Fracking, der Staat will darum die fördernden Gaskonzerne mit einem besonders niedrigen Steuersatz motivieren. Längst geht es nicht mehr nur um Betriebswirtschaft. Es geht um den Traum von der Unabhängigkeit von russischer Energie. Schon ab 2014 soll das erste Gas fließen, erklärte der polnische Premier Donald Tusk - noch ein Jahr vor der geplanten Einführung des Euro in Polen.

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Seite 1
marant 08.02.2012
1. ttt
Zitat von sysopGewaltige Gasvorkommen lagern in Polens Tongestein. Die großen Energiekonzerne wittern ein Milliardengeschäft und reden die Umweltlasten klein. Doch längst geht es nicht mehr nur um Geld, sondern um den polnischen Traum der Unabhängigkeit von Russland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,813162,00.html
Alles graue Theorie, die in der praktischen Umsetzung nicht so ganz funktionieren will. Dass man es gerne möchte, steht politisch motiviert ausser Frage, nur die erhoffte Gasmenge will sich immer noch nicht einstellen, und die Bohrkosten liegen über den "amerikanischen". Schon komisch dass sowohl BNK Petroleum wie auch 3Legs Resources oder Aurelian oder auch PGNiG immer wieder auf "Luftlöcher" gestossen sind, nun aber die Berichte über DIE "Goldader "... wohl auch um im Gespräch zu bleiben. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
glad07 08.02.2012
2. Die bösen Russen
Macht weiter so. Dann wird sich Russland irgendwann den, ich muss angesichts der letzten Berichterstattungen über Russlands Veto usw. schon sagen "feindlichgesinnte" europäischen Zwergstaaten den Rücken kehren und sich im Osten umschauen. Dort gibt's genug Abnehmer.
marant 08.02.2012
3. ttt
und eben dies zieht in Polen, wer gegen Schiefergas muckt, macht sich als Russlands Gehilfe verdächtig, daher wissen auch die Gemeindevertretter was auf dem Spiel steht. Gutmensch spielt da keine grössere Rolle, es sei denn, wie schon so oft, wenn es heisst DIE Arbeitsplätze.... " Eine organisierte Gegnerschaft zum Schiefergas gibt es in Polen bislang nicht. Da der Klimakiller Kohle derzeit rund 90 Prozent der polnischen Stromversorgung ausmacht, hielten sich selbst die polnischen Grünen mit Kritik zurück, klagt der unabhängige Umweltschützer Marek Kryda." - Es ist eher ein politisch motivierter Wunschtraum und die polnische Befindlichkeit lässt sich da leicht begeistern/lenken....
jan50 08.02.2012
4. NIX außer Drohungen
Zitat von glad07Macht weiter so. Dann wird sich Russland irgendwann den, ich muss angesichts der letzten Berichterstattungen über Russlands Veto usw. schon sagen "feindlichgesinnte" europäischen Zwergstaaten den Rücken kehren und sich im Osten umschauen. Dort gibt's genug Abnehmer.
-------------------------typisch russisch, nur Drohungen
fgordon 08.02.2012
5.
In den USA werden die erhofften Schioefergasmengen ja auch extrem nach unten korrigiert - alleim in Januar erfolgte eine Korrektur um 40% nach unten. Da ist halt auch viel Wunschdenken dabei.
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