Energie-Heißhunger China will 32 Atomkraftwerke bauen

China reagiert auf den Energiehunger seiner Riesen-Volkswirtschaft: Die Volksrepublik will in den nächsten Jahren 32 neue Atomkraftwerke bauen - in Anbetracht der gigantischen Energieprobleme des Landes ist das allerdings nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.


Peking - Mit dem Bau der 32 neuen Reaktoren soll dem rasant wachsenden Energiebedarf der Volksrepublik Rechnung getragen werden, erklärte der Vizedirektor der staatlichen Nuklearbehörde, Shen Wenquan, laut einem Bericht in einer Fachzeitschrift für Energiefragen. Im Moment sind in China neun Reaktoren im Einsatz. Die neuen Meiler sollen innerhalb der nächsten 15 Jahre entstehen.

Chinesische Arbeiter vor Atomkraftwerk: Marode Kohlekraftwerke sorgen noch für 70 Prozent der Energie
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Chinesische Arbeiter vor Atomkraftwerk: Marode Kohlekraftwerke sorgen noch für 70 Prozent der Energie

Die Regierung möchte den Atomstrom künftig weitaus stärker nutzen, um die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren. So sollen die neuen Kernkraftwerke nicht nur in den Industriegebieten an der Küste, sondern auch in einigen abgelegenen Agrarregionen entstehen.

Chinas Boomwirtschaft wird durch die unzureichende Energieversorgung gefährdet: Unternehmen klagen immer wieder über Stromausfälle. Fabriken in den Megastädten Shanghai und Peking arbeiten im Sommer nur nachts, weil am Tage Millionen von Klimaanlagen die Räume kühlen und das Netz zusammenbricht. Die veralteten Kohlekraftwerke, die derzeit für 70 Prozent der Energie sorgen müssen, können den Bedarf kaum decken. Gab es 2003 landesweit in 21 Provinzen Abschaltungen, waren es 2004 schon 24 Provinzen.

Ohne Energie kann China seine Wachstumsziele nicht erfüllen, und das könnte dramatischen Folgen für das Land haben. Schon jetzt ziehen mehrere 100 Millionen verarmte Bauern auf der Suche nach Arbeit in die Städte. Die gigantische Wanderbewegung verunsichert den Staatsapparat. Letztes Frühjahr warnte Ministerpräsident Wen Jiabao vor einer Gefahr für den sozialen Frieden im Land. Tatsächlich hat es nach Regierungsangaben 2004 rund 70.000 teilweise gewalttätige Vorfälle infolge sozialer Spannungen gegeben.

Unter dem Motto "Bescheidener Wohlstand für alle" hat China  deshalb ein Programm zur Verbesserung des Lebensstandards gestartet, das von einem raschen weiteren Wirtschaftswachstum ausgeht. Bis 2020 soll das Pro-Kopf-Einkommen von derzeit knapp 1000 Dollar auf 3000 Dollar steigen. Um das Ziel zu erreichen muss China das Bruttoinlandsprodukt bis dahin vervierfachen, was im Schnitt einer Zunahme von jährlich sieben Prozent entspricht.

Ohne eine grundlegende Erneuerung der maroden Energie-Infrastruktur scheint das erreichen solch ehrgeiziger Ziele unmöglich. Die neuen Atommeiler können allerdings nur ein kleiner Teil der Anstrengung bleiben. Bei Vollendung der heute verkündeten Pläne würde die Kapazität der Kernkraftwerke auf 40 Gigawatt ansteigen - damit würde Atomstrom vier Prozent der Gesamtversorgung ausmachen. Zurzeit sind es 1,59 Prozent, also weitaus weniger als die Hälfte. Die Hauptanstrengung will China in den nächsten Jahren jedoch auf die Entwicklung erneuerbarer Energien und dabei vor allem auf die Wasserkraft setzen. Derzeit liegt der Anteil der Stromerzeugung aus Wasserkraftwerken zwischen 15 und 18 Prozent.

ase/ap

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