Energie-Konflikt mit Weißrussland Gasprom legt in Deutschland riesige Reserven für Preisschlacht an

Der russische Konzern Gasprom droht dem wichtigen Transitstaat Weißrussland, in den kommenden Tagen den Gashahn abzudrehen - und sorgt vor, damit der Preiskrieg mit dem Nachbarland nicht Westeuropas Versorgung bedroht: In Deutschland wurden im Geheimen große Reserven angelegt.


Moskau - Der staatliche russische Gasmonopolist Gazprom hat nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters in Deutschland bisher unbekannte große Gas-Reserven angelegt. Damit will der Konzern mögliche Lieferengpässe nach Westeuropa wegen des Gas-Streits mit Weißrussland überbrücken können.

"Es gibt keinen Grund zur Sorge bei den europäischen Verbrauchern", sagte ein Gasprom-Sprecher. Gasprom soll dem Bericht zufolge im deutschen Lager Rheden viel größere Reserven angelegt haben als im vergangenen Jahr. Rheden ist der größte Gasspeicher von Wingas, dem Gemeinschaftsunternehmen mit dem deutschen Chemiekonzern BASF. Dort können bis zu vier Milliarden Kubikmeter Gas gelagert werden, was knapp fünf Prozent des jährlichen Verbrauchs in Deutschland entspricht. So könnte mehrere Wochen vertragsgemäß in Europa Gas geliefert werden, auch wenn im schlimmsten Fall der Transport durch die Pipelines in Weißrussland eingeschränkt würde.

Wingas betreibt auch das österreichische Lager Haidach, wo es nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters ebenfalls Vereinbarungen gibt, mehr Gas einzulagern. In Kreisen der deutschen Gasbranche hieß es außerdem, Gazprom habe mit dem deutschen Verbundnetz Gas verabredet, den Energiestoff einzulagern und die Versorgung im Bedarfsfall auf fünf Millionen Kubikmeter pro Tag zu erhöhen.

Weil durch Weißrussland auch die russischen Gasleitungen nach Westeuropa laufen, waren Befürchtungen aufgekommen, wonach auch die Lieferungen von Gasprom an Deutschland betroffen sein könnten. Die Bundesrepublik bezieht rund ein Drittel ihres Gases aus Russland, Gasprom ist der größte Lieferant. Für die EU ist Russland derzeit das wichtigste Erdgas- und Erdöllieferland.

Russland hatte Weißrussland am ersten Weihnachtstag damit gedroht, den Gashahn zuzudrehen, falls das Land die angekündigte Vervierfachung des Preises nicht akzeptiere. Der derzeitige Liefervertrag zwischen den beiden Ländern läuft in sechs Tagen aus. Gasprom fordert von Weißrussland ab Jahresbeginn 200 Dollar je 1000 Kubikmeter Gas. Bisher zahlte das Land 47 Dollar.

Am heutigen Dienstag gab es eine neue Verhandlungsrunde mit Weißrussland, die allerdings ergebnislos endete. "Wir haben ohne Einigung abgebrochen", sagte Gasprom-Chefsprecher Sergei Kupriyanov. Es gebe noch eine Chance, sich bis Neujahr zu einigen. Die Uhr ticke für Weißrussland, hatte Kupriyanov schon gestern gesagt. Wenn der Nachbarstaat die Preiserhöhung nicht akzeptiere, werde die Versorgung eingeschränkt. Weißrussland gefährde seine Energieversorgung. Laut der Agentur Interfax hat Gasprom angeboten, dass Weißrussland 80 Dollar pro 1000 Kubikmeter bar zahlen und den Rest mit seinem 50-Prozent-Anteil am weißrussischen Pipeline-Betreiber Beltransgaz begleichen könne.

Russland hatte die Gaslieferungen an Weißrussland schon bei einem Preiskampf vor zwei Jahren gekürzt, was auch die Versorgung von Polen und Deutschland für einige Tage geringfügig beeinträchtigt hatte.

Angesichts des Expansionsdrangs von Gasprom auf Europas Märkte hat heute EU-Energiekommissar Andris Piebalgs einen besseren Zugang zu den russischen Gasleitungen gefordert. Die EU wünsche sich für ihre Lieferungen im Rahmen der Energiezusammenarbeit Zugang zu den russischen Leitungen "unter nicht-diskriminierenden Bedingungen". Europäische Unternehmen wären an einem Engagement in Russland interessiert, falls ein "sicherer und transparenter gesetzlicher Rahmen" für Investitionen geschaffen werde. Die Kooperation auf dem Energiesektor dürfe nicht zur Einbahnstraße werden, sagte Piebalgs. Gasprom habe keine Probleme, Zugang zu Europas Märkten zu bekommen.

Der Konzern will seine Aktivitäten über die Grenzen Russlands hinaus ausdehnen und künftig die gesamte Transportkette bis zu den Endabnehmern in europäischen Staaten bedienen. Im Gegenzug fordert die EU eine Ende des Gasprom-Monopols über seine Leitungen in Russland.

Gasprom-Kunde Georgien hat sich angesichts des russischen Preisdrucks jetzt einen weiteren Gaslieferanten gesichert: das benachbarte Aserbaidschan. Die Regierungschefs beider Staaten schlossen am ersten Weihnachtsfeiertag ein Versorgungsabkommen. "Georgien hat Probleme mit Gas, und wir sind bereit zu helfen", sagte der aserbaidschanische Ministerpräsident Artur Rasisade. Sein Land wird Georgien demnach künftig eine Million Kubikmeter Gas pro Tag verkaufen.

Wegen drastischer Preiserhöhungen von Gasprom hatte Georgien zuvor angekündigt, sich verstärkt nach anderen Lieferländern umsehen zu wollen. Der russische Gasriese verlangt für das kommende Jahr statt der bisher üblichen 110 Dollar 235 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas, was Georgien als "politische" Preistreiberei zunächst ablehnte, am Freitag voriger Woche dann schließlich akzeptierte.

plö/Reuters/AFP



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