Energie-Konflikt Russland verringert Druck in Gas-Pipeline

Gasprom hat seine Drohung wahrgemacht: Am Neujahrsmorgen begann der russische Staatskonzern damit, den Druck in der Gas-Pipeline Richtung Westen zu reduzieren. Die Ukraine hatte zuvor zwar ein Kompromissangebot von Russlands Präsident Putin akzeptiert, jedoch keinen neuen Liefervertrag unterschrieben.


Moskau - Die Ukraine habe sich geweigert, den angebotenen Liefervertrag zu unterschreiben, teilte Gasprom kurz nach Mitternacht Moskauer Zeit mit. Daher werde die Gaslieferung an die ehemalige Sowjetrepublik um 7.00 Uhr GMT eingestellt, hieß es in der dürren Mitteilung des russischen Staatskonzerns lediglich.

Gas-Pumpstation in der Nähe des Dorfes Pisarevskaya nahe der russisch-ukrainischen Grenze: Von hier aus wird Russlands Erdgas nach Westen geleitet
REUTERS

Gas-Pumpstation in der Nähe des Dorfes Pisarevskaya nahe der russisch-ukrainischen Grenze: Von hier aus wird Russlands Erdgas nach Westen geleitet

Heute Morgen setzte Gasprom die Drohung in die Tat um: Nach Berichten mehrerer Nachrichtenagenturen begann das Unternehmen um 10.00 Uhr Moskauer Zeit damit, die Gaslieferung um die für die Ukraine vorgesehene Menge zu reduzieren.

Gaspoker am Silvesterabend

Am Silvesterabend hatte zunächst noch alles so ausgesehen, als hätten sich Russland und die Ukraine in letzter Minute geeinigt: Russlands Präsident Putin hatte der Ukraine in einem Ultimatum angeboten, das Land weitere drei Monate mit verbilligtem Gas zu beliefern, wenn die Ukraine verbindlich zusage, ab dem zweiten Quartal 2006 einen marktgerechten Preis zu zahlen. Russland sieht den Marktpreis bei rund 230 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas - mehr als dem Vierfachen des jetzigen Preises.

Putin hatte deutlich gemacht, dass sein Vorschlag noch im alten Jahr anzunehmen sei. Sollte die Ukraine dem am Samstag nicht zustimmen, werde dies als Ablehnung gewertet. Gasprom hatte in den vergangenen Tagen immer wieder gedroht, der Ukraine an Neujahr den Gashahn abzudrehen, sollte es zu keiner Einigung kommen.

Entwarnung am späten Abend

Die ukrainische Regierung hatte am Nachmittag zunächst zurückhaltend auf Putins Vorschlag reagiert. Präsident Viktor Juschtschenko sagte im Fernsehsender TV5, alle Probleme könnten durch eine am Markt orientierte Vorgehensweise gelöst werden. Dies müsse aber auch ein Preis sein, den sich die Ukraine leisten könne. Am Abend teilte ein Sprecher des ukrainischen Ministerpräsidenten jedoch mit: "Was die Erklärung Putins angeht: Wir akzeptieren den Vorschlag zum Übergang zu Marktpreisen". Allerdings müssten beide Seiten sich über die Zahlen noch verständigen. Kurz danach gab das ukrainische Gasunternehmen Naftogas Entwarnung: Russland habe nach der Erklärung Juschtschenkos zugestimmt, die Ukraine noch drei weitere Monate zum bisherigen günstigen Preis mit Gas zu beliefern.

Doch Gasprom genügten die politischen Willenserklärungen offensichtlich nicht aus: Kein neuer Liefervertrag, kein Gas mehr so die knallharte Geschäftpolitik des russischen Monopolisten.

Gasprom will Preis um Faktor 4,5 erhöhen

Russland will den Preis für je 1.000 Kubikmeter Erdgas von derzeit 50 Dollar (42 Euro) auf 220 bis 230 Dollar (186 bis 194 Euro) anheben. Das entspricht in etwa dem Weltmarktniveau. Die Ukraine befürchtet davon Nachteile für ihre energiehungrige Schwerindustrie und hat darum gebeten, die Erhöhung über fünf Jahre zu strecken. Juschtschenko erklärte am Freitag, sein Land könne höchsten 80 Dollar (68 Euro) für 1.000 Kubikmeter Erdgas zahlen.

Versorgungs-Engpass für Westeuropa?

Über die Gasleitung durch die Ukraine werden auch Deutschland und viele andere europäische Staaten mit Gas beliefert. Theoretisch könnte die Ukraine dieses Gas nun abzweigen, Kiew hat dies aber bereits ausgeschlossen. Und Russlands Energiekonzern versicherte: "Gasprom garantiert seinen europäischen Kunden, dass sie im kommenden Jahr nicht frieren müssen."

Wie lange reichen die Gas-Vorräte der Ukraine

Mitarbeiter der ukrainischen Regierung hatten zuletzt erklärt, dass das Land über genügend Gasreserven verfüge um einen mehrwöchigen russischen Lieferstopp zu überstehen. Die genauer Höhe der Reserven wurde jedoch nicht mitgeteilt. Im vergangenen Jahr hatte Gasprom rund 25 Milliarden Kubikmeter Gas an die Ukraine verkauft. Das entspricht etwa einem Drittel des Gasverbrauches der ehemaligen Sowjetrepublik. Mit Turkmenistan vereinbarte die ukrainische Führung in den vergangenen Tagen, auch weiterhin die Hälfte ihres Gesamtbedarfs geliefert zu bekommen. Das Prozedere des turkmenischen Gasexports in die Ukraine bleibt aber unklar, da die Transitstrecke durch Russland verläuft.

Aus der Ukraine lag am Sonntagmorgen zunächst keine Stellungnahme zur jüngsten Entwicklung im Gasstreit mit Russland vor.



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