Energie-Konflikt Russland wirft Ukraine Gas-Diebstahl vor

Wenige Stunden nachdem Russland der Ukraine den Gashahn zugedreht hat, spitzt sich der Streit zwischen beiden Staaten zu. Der russische Konzern Gasprom beschuldigt die Regierung in Kiew, die für Westeuropa bestimmten Lieferungen anzuzapfen.


Moskau - Am frühen Morgen hatte der russische Staatskonzern seine Drohung wahr gemacht. Die Gaslieferungen ins Nachbarland - 120 Millionen Kubikmeter pro Tag - wurden eingestellt. Am Nachmittag dann die näcshte Eskalation: Gasprom warf der ukrainischen Regierung vor, sich die fehlende Energie illegal zu besorgen. Gasprom-Sprecher Sergej Kuprijanow erklärte heute Abend, ihm lägen Informationen vor, wonach die Ukraine "damit begonnen hat, russisches Gas abzuschöpfen, das für europäische Kunden bestimmt ist". Dies hätten "Geheimdienste" bestätigt, sagte Kuprianow. Das Volumen dieser Entnahme werde Gasprom am Montag um 10 Uhr bekanntgeben.

Russische Pipeline bei Kiew: "Vorsicht Gas" steht auf dem Warnschild
AFP

Russische Pipeline bei Kiew: "Vorsicht Gas" steht auf dem Warnschild

Der ukrainische Ministerpräsident Juri Jechanurow dementierte dies. "Wir nutzen heute nicht einen einzigen Kubikmeter russischen Gases", sagte der Regierungschef.

Über die Gasleitung durch die Ukraine werden auch Deutschland und viele andere europäische Staaten mit Gas beliefert.

BDI befürchtet steigende Gaspreise in Deutschland

Hierzulande wächst derweil die Sorge vor einer möglichen Erhöhung der Gaspreise. Versorgungsengpässe drohen den deutschen Haushalten nach Auskunft des größten deutschen Gasimporteurs E.ON Ruhrgas nicht, für Großkunden könnten unter Umständen allerdings "auf Sicht begrenzte Einschränkungen nicht ausgeschlossen werden". Aktuell seien sie aber nicht betroffen. Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) sieht jedoch die Gefahr, dass die Ukraine mittelfristig die Durchleitungsgebühren durch das eigene Gebiet erhöhen könnte, was sich dann auch in den deutschen Gaspreisen niederschlagen könnte.

Gasprom hatte den Druck in den Leitungen Richtung Ukraine am Morgen wie angedroht reduziert, nachdem sich die Ukraine geweigert hatte einen neuen Liefervertrag zu unterschreiben, der eine Preiserhöhung um das Viereinhalbfache bedeutet hätte.

Präsident Putin hatte der Ukraine an Silvester ein letztes Ultimatum gestellt. Danach hätte Russland dem Nachbarland weitere drei Monate Billiggas geliefert, wenn sich die frühere Sowejtrepublik im Gegenzug verpflichtet hätte ab dem zweiten Quartal 2006 einen marktgerechten Preis zu zahlen.

Naftogas erklärte auf seiner Webseite, die Ukraine habe bis zum späten Samstagabend alle Bedingungen des russischen Kompromissvorschlags akzeptiert. Doch Gasprom waren die mündlichen Zusagen aus Kiew offensichtlich nicht genug.

Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko warf der russischen Regierung heute vor, mit der Einstellung der Gaslieferungen wolle sie wirtschaftlichen Druck auf die Ukraine ausüben. Die von Gasprom angekündigte Preiserhöhung von derzeit 50 Dollar (42 Euro) auf 220 bis 230 Dollar (186 bis 194 Euro) sei inakzeptabel. Der neue Preis entspricht etwa dem Weltmarktniveau, allerdings hat Gasprom in der vergangenen Woche dem politisch treu zu Moskau stehenden Nachbarn Weißrussland weit günstigere Konditionen eingeräumt.

Der Druckabfall in den Gasleitungen machte sich heute auch in anderen Ländern bemerkbar. So berichtete der polnische Gasmonopolist PGNiG über weniger Druck. Das Wirtschaftsministerium in Warschau versicherte indes, die Verbraucher würden davon nichts merken. In Ungarn ist heute 25 Prozent weniger russisches Erdgas eingetroffen als vertraglich zugesichert, erklärte das ungarische Mineralölunternehmen MOL dem ungarischen Rundfunk. Die Versorgung der ungarischen Bevölkerung sei jedoch nicht in Gefahr.

Der ukrainische Versorger Naftogas hat heute erneut betont, die Versorgung des Landes sei für die kommenden Monate gesichert. "Für die Menschen und die Stadtverwaltungen wird es genug Gas geben", sagte Naftogas-Sprecher Eduard Sanjuk.

Die Ukraine hat auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen erklärt, sie werde künftig mehr Gas aus Turkmenien beziehen. Allerdings hat auch Russland eine Erhöhung seiner Gasimporte aus dieser ehemaligen Sowjetrepublik angekündigt. Kuprijanow erklärte am Sonntag, Gasprom erhalte jetzt täglich 141 Millionen Kubikmeter aus Turkmenien. Bei diesen Mengen seien weitere Lieferungen an die Ukraine technisch unmöglich. Pipelines von Turkmenien in die Ukraine führen durch russisches Gebiet.



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