Energie-Konflikt Ukraine warnt vor Lieferengpass für Westeuropa

Die Ukraine hat bisher gelassen auf den russischen Gasboykott reagiert. Das Land verfüge über genügend Reserven, sagten Regierungsvertreter. Allerdings warnt der ukrainische Gaskonzern Naftogas vor Schwierigkeiten bei der Durchleitung nach Westeuropa.


Moskau - Der staatlich-kontrollierte russische Gasversorger Gasprom hat der Ukraine heute komplett den Gashahn abgedreht. Die Lieferungen für die Ukraine - 120 Millionen Kubikmeter pro Tag - seien damit eingestellt, teilte ein Sprecher des Konzerns mit. Weiterhin würden allerdings andere europäische Staaten über ukrainisches Territorium versorgt. Der ukrainische Gasversorger Naftogas erklärte hingegen, der Lieferstopp für das eigene Land könne auch Auswirkungen auf Westeuropa haben.

Pipeline: Gashahn für die Ukraine abgedreht
AFP

Pipeline: Gashahn für die Ukraine abgedreht

Über die Gasleitung durch die Ukraine werden auch Deutschland und viele andere europäische Staaten mit Gas beliefert. Theoretisch könnte die Ukraine dieses Gas nun abzweigen, Kiew hat dies aber bereits ausgeschlossen. Und Russlands Energiekonzern versicherte: "Gasprom garantiert seinen europäischen Kunden, dass sie im kommenden Jahr nicht frieren müssen."

Die Ukraine und Russland hatten sich am Wochenende nicht über die künftigen Preise für Erdgas aus Russland einigen können. Auf den jüngsten Vorschlag von Gasprom, der Ukraine im ersten Quartal noch die bisherigen Preise zu gewähren, wenn sich das Land im Gegenzug vertraglich verpflichtet, ab April deutlich mehr zu zahlen, war die Regierung in Kiew nicht direkt eingegangen. Russland hatte im Falle einer ausbleibenden Einigung angekündigt, dem Land den Gashahn am 1. Januar abzudrehen.

Ukraine bleibt bisher gelassen

Nach Einschätzung eines Energieexperten in Kiew hat das Ende der Lieferungen in den nächsten Wochen keine direkten Auswirkungen auf den ukrainischen Markt. Für den Monat Januar sei die Versorgung aus eigenen Quellen und Reserven sowie mit Exporten aus der zentralasiatischen Republik Turkmenien gewährleistet, zitierte die Agentur Interfax heute einen ranghohen Mitarbeiter der staatlichen Energieversorgung. Die Abschaltung durch den Gasprom-Konzern werde in der Ukraine keinen Schaden anrichten, betonte er.

Am Silvesterabend hatte zunächst noch alles so ausgesehen, als hätten sich Russland und die Ukraine in letzter Minute geeinigt: Russlands Präsident Putin hatte der Ukraine in einem Ultimatum angeboten, das Land weitere drei Monate mit verbilligtem Gas zu beliefern, wenn die Ukraine verbindlich zusage, ab dem zweiten Quartal 2006 einen marktgerechten Preis zu zahlen.

Putin hatte deutlich gemacht, dass sein Vorschlag noch im alten Jahr anzunehmen sei. Sollte die Ukraine dem am Samstag nicht zustimmen, werde dies als Ablehnung gewertet. Gasprom hatte in den vergangenen Tagen immer wieder gedroht, der Ukraine an Neujahr den Gashahn abzudrehen, sollte es zu keiner Einigung kommen.

Russland will den Preis für je 1000 Kubikmeter Erdgas von derzeit 50 Dollar (42 Euro) auf 220 bis 230 Dollar (186 bis 194 Euro) anheben. Das entspricht in etwa dem Weltmarktniveau. Die Ukraine befürchtet davon Nachteile für ihre energiehungrige Schwerindustrie und hat darum gebeten, die Erhöhung über fünf Jahre zu strecken. Juschtschenko erklärte am Freitag, sein Land könne höchsten 80 Dollar (68 Euro) für 1000 Kubikmeter Erdgas zahlen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.