Energie Konzerne drückten Sicherheitsstandards im Atommülllager

Harte Vorwürfe gegen die deutsche Atomaufsicht: In den siebziger Jahren soll die Behörde enger mit Energiekonzernen zusammengearbeitet haben als bisher bekannt. Das belegen Dokumente, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. So haben Unternehmen niedrigere Sicherheitsstandards für Atommüll gefordert - mit Erfolg.

Von


Hamburg - Eigentlich sollte sie unabhängig sein, doch die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) hat sich offenbar von der Atomlobby beeinflussen lassen. Auf Druck der Energiekonzerne hat die GSF im Jahr 1975 ihre Sicherheitsstandards für die Einlagerung von Atommüll gesenkt. Das belegt ein Schriftwechsel zwischen Stromkonzernen, GSF und Bundesinnenministerium, den die Umweltschutzorganisation Greenpeace ausgewertet hat und der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Atommüll-Endlager Asse II: "Sicherheit aufs Spiel gesetzt"
DDP

Atommüll-Endlager Asse II: "Sicherheit aufs Spiel gesetzt"

Die GSF - das spätere Helmholtz-Zentrum - hat jahrzehntelang das marode Endlager Asse II betrieben, dass seit Anfang 2009 unter der Regie des Bundesumweltministeriums steht. Eigentlich sollte die GSF einen staatlichen Kontrollauftrag ausführen. Tatsächlich hat sie sich offenbar den Wünschen der Atomlobby gebeugt. Dies legen zumindest die nun vorliegenden Dokumente nahe. Demnach durften Fässer, die in das Endlager angeliefert wurden, ab Dezember 1975 fünfmal mehr Radioaktivität enthalten als ursprünglich vorgesehen. Die Energiekonzerne verlangten außerdem von der GSF Zugeständnisse bei den Betonabschirmungen der Fässer.

"Es gab eine heimliche Allianz zwischen der Politik und den Atomkonzernen", sagt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace. "Die Atomindustrie hatte ein Entsorgungsproblem. Um es zu lösen, wurde die Sicherheit der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt."

So forderten die Unternehmen in einem Memorandum aus dem Dezember 1974 von der GSF geeignete Bedingungen für die Einlagerung des Atommülls, die dem "Wunsch nach kostenminimalen und ökonomischen Lösungen" entsprechen. Dabei schienen für die Atomkraftwerksbetreiber die radioaktive Strahlung abschirmenden Betonummantelungen der Fässer "hinsichtlich einer optimalen Nutzung des Lagervolumens nicht sinnvoll zu sein".

Ab Mai 1975 war das Bundesinnenministerium in die Debatte mit einbezogen. Im Dezember 1975 erlaubte die GSF schließlich eine um das Fünffache höhere Radioaktivität der Atommüllfässer. Ob diese höhere Strahlenmenge eine Gefahr für die Gesundheit darstellt, ist allerdings nicht sicher.

Greenpeace fordert nun vom künftigen niedersächsischen Untersuchungsausschuss, die damaligen Absprachen und Verträge der Beteiligten lückenlos aufzuklären. Der Ausschuss soll die Missstände in der Asse untersuchen, er wird sich voraussichtliche Mitte Juni konstituieren.

Das Helmholtz-Zentrum wollte vorerst keine Stellung nehmen. "Der Schriftverkehr liegt uns nicht vor", sagte ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. Der Vorgang liege mehr als 30 Jahre zurück, aus heutiger Sicht falle eine Beurteilung daher schwer. "Grundsätzlich sind wir aber zur Aufarbeitung bereit", betonte der Sprecher.

Das Bundesamt für Strahlenschutz als jetziger Asse-Betreiber erklärte: "Wir sind dabei, die Akten zu sichten und auszuwerten. Dabei gehen wir auch der aktuellen Meldung nach. Wir müssen weiter mit Überraschungen rechnen."

Im Umfeld des CDU-geführten Bundesforschungsministeriums heißt es, die Greenpeace-Interpretation des Schriftwechsels aus dem Jahr 1975 sei "Wahlkampf". Die Umweltorganisation versuche offenbar, das Thema im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 zu dramatisieren.

Tatsächlich könnte die Wahl im September eine Entscheidung über die deutsche Atompolitik herbeiführen: Union und FDP wollen die deutschen Kernkraftwerke länger laufen lassen. SPD, Grüne und Linke halten am Atomausstieg fest.

Bereits im Februar 2009 hatte Greenpeace die Darstellung der Atomindustrie widerlegt, Müll aus privatwirtschaftlichen Atomkraftwerken sei nur in geringen Mengen in die Asse verklappt worden. Tatsächlich stammen mehr als 70 Prozent der Radioaktivität von atomaren Abfällen aus Reaktoren der großen deutschen Energiekonzerne. Heute sind das EnBW Chart zeigen, RWE Chart zeigen, Vattenfall Chart zeigen und E.on Chart zeigen. In der Asse landeten auch hochgiftiges Arsen und radioaktive Abfälle der Bundeswehr.

Greenpeace verlangt nun, die Energiekonzerne an den Sanierungskosten der Asse zu beteiligen. "Die Atomkraftwerksbetreiber haben massiv am billigen Endlager Asse verdient", sagt Experte Smital. "Sie müssen nach dem Verursacherprinzip für die Folgekosten ihrer Profitgier aufkommen."



Forum - Billigstrom dank Atom?
insgesamt 2566 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Serrax 26.03.2009
1.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Nein - wir produzieren noch immer gut 2/3 unseres Stroms aus fossilen Energiequellen (Steinkohle, Braunkohle, Erdgas). Diese werden immer teurer - da helfen 20% Atomstrom gar nichts. Der Atomausstieg sollte wie geplant fortgesetzt werden und vor allem die ältesten und unsichersten AKW vom Netz gehen.
Oggy, 26.03.2009
2.
Weshalb sollte der Strom dadurch billiger werden? Doch nicht etwa weil sich die Kosten für Entwicklung, Bau etc amortisiert haben?! Der Kunde bezahlt doch jetzt schon den hohen Preis für Strom und die verschiedenen Steuern auch. Wobei, dann könnten ja die Steuern fürs EEG und KWKG wegfallen...ach was, den fällt bestimmt noch was neues ein. Vielleicht eine Strahlenschutzsteuer oder eine Leukämieabgabe. Einzig und allein den großen Energiekonzernen und ihren geldgierigen Aktionären kommt eine verlängerte Laufzeit zu Gute. Warum teuer Planen wenn man billig bauen kann.
Fackus 26.03.2009
3. blöde Frage .... billiger....
es darf doch nicht um billig oder weniger billig gehen bei der Energieerzeugung. Sondern nur darum, daß es auch ökologisch sinnvoll ist. Und da sind KKWs heute eben die beste Lösung. Nur in Deutschland wird das nicht erkannt. Schande für ein angebliches 'Hochtechnologieland'. Der deutsche Michel - der ewige Penner.
kdshp 26.03.2009
4.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Hallo, was hat der strompreis mit atomkraft zu tuen ? Und wenn wir in D 100000 atomkraftwerke hätten würden wir immer mehr zahlen müssen weil der preis für den strom an der stromBÖRSE gemacht wird.
GrafZahl 26.03.2009
5.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Das wurde hier endlos totdiskutiert, mit immer denselben Argumenten. Fest steht: wer bei der Bundestagswahl CDU/CSU oder FDP wählt, wählt Atomkraftbefürworter, die auch in Deutschland neue AKWs bauen wollen. Wer SPD wählt, wählt Atomkraftbefürworter, die dasselbe tun würden, aber dabei ein schlechtes Gewissen hätten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.