Energie-Nationalismus Wie Putin, Chávez und die Scheichs den Ölpreis treiben

Russland, Saudi-Arabien, Venezuela: Weltweit beherrschen Staatskonzerne das Öl- und Gasgeschäft. Private Konkurrenten werden des Landes verwiesen, Wettbewerb ausgeschaltet. Für die autoritären Regime bedeutet das Milliardeneinnahmen - für den Rest der Welt Rekordpreise.

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Hamburg - Hugo Chávez ist Kommunist und Kapitalist in einer Person. Zuhause in Südamerika predigt der venezolanische Präsident den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". An den internationalen Rohstoffbörsen gibt er den Profihändler und nutzt die Gesetze der Marktwirtschaft voll aus.

Öl-Arbeiter in Brunei: Staatsmonopole verknappen das Angebot
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Öl-Arbeiter in Brunei: Staatsmonopole verknappen das Angebot

Chávez ist der Prototyp des neuen Ölbarons. Fast 100 Dollar kostet das Barrel Rohöl mittlerweile - für Venezuela ein wahrer Segen. Früher füllte das schwarze Gold die Kassen von Privatkonzernen wie Exxon Chart zeigen, Shell Chart zeigen und BP Chart zeigen. Heute profitieren vom hohen Ölpreis vor allem staatliche Unternehmen aus Lateinamerika, Arabien oder Russland. Zunehmend sind sie es, die das weltweite Öl- und Gasgeschäft bestimmen.

Für die Verbraucher in den Industriestaaten heißt das nichts Gutes. Im freien Wettbewerb versucht jedes Unternehmen, so viel Öl und Gas wie möglich zu produzieren. Staatsmonopole hingegen verknappen das Angebot - mit der Folge, dass der Preis steigt.

"Der venezolanische Staat mischt sich immer stärker in das wirtschaftliche Leben ein", sagt Mauro Toldo, Ökonom bei der DekaBank. Gleich 32 Ölfelder ausländischer Firmen hat Präsident Chávez halbstaatlichen Firmen übertragen. Das Ergebnis: Seit Chávez' Machtantritt ist die Ölproduktion in Venezuela drastisch gesunken. 1999 kam das Land täglich auf 3,3 Millionen Barrel, heute sind es nur noch 2,4 Millionen.

Ölpreis seit Anfang 2006: Fast 100 Dollar pro Barrel
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Ölpreis seit Anfang 2006: Fast 100 Dollar pro Barrel

Nicht immer steckt dahinter Absicht - oft investieren staatliche Unternehmen einfach nur zu wenig. Toldo spricht von einer "notorischen Misswirtschaft".

Mengenmäßig entfällt auf Venezuela nur ein geringer Teil der weltweiten Ölproduktion. Doch das Land steht exemplarisch für einen Trend. Saudi-Arabien, Russland, Iran: In allen großen Öl- und Gasnationen haben Staatskonzerne das Sagen. Private Unternehmen müssen draußen bleiben.

Beispiel Russland: Präsident Wladimir Putin drängte den britisch-niederländischen Konzern Royal Dutch Shell aus dem weltweit größten Erdgas-Projekt "Sachalin 2" heraus. Das Unternehmen hatte zwar schon 20 Milliarden Dollar investiert - doch nun muss es akzeptieren, dass der russische Gasprom-Konzern die Mehrheit an der Fördergesellschaft übernommen hat. Im Ölsektor wiederum protegiert der Kreml sein Unternehmen Rosneft Chart zeigen. Von freiem Wettbewerb keine Spur.

Auch Dubai hat seine Ölindustrie im vergangenen Jahr verstaatlicht. In Saudi-Arabien hat ohnehin nur Saudi-Aramco das Sagen, ebenso wie NIOC im Iran. Mittlerweile kontrollieren staatliche Ölgesellschaften 62 Prozent der weltweiten Förderung und 88 Prozent der Ölreserven, hat das Branchhenblatt "Petroleum Intelligence Weekly" errechnet. Bei Erdgas befinden sich sogar 92 Prozent unter staatlicher Kontrolle.

Die zehn ölreichsten Länder

1 Saudi-Arabien 35.478
2 Kanada 24.126
3 Iran 18.630
4 Irak 15.430
5 Kuwait 13.717
6 Arabische Emirate 12.851
7 Venezuela 11.190
8 Russische Föderation 8.163
9 Libyen 5.465
10 Nigeria 4.915

Angaben: Millionen Tonnen (2006), Quelle: Esso-Studie Oeldorado 2007

Selbst kleine Länder spielen ihre Energie-Macht offen aus. So verfügte Ecuadors Präsident Rafael Correa, dass Konzerne aus westlichen Staaten künftig 99 Prozent aller "überschüssigen Einnahmen" an den Staat abführen müssen. "Das wird zu einer drastischen Verminderung der Investitionen privater Ölkonzerne und zu einem Rückgang der Ölförderung führen", warnt Alberto Ramos von Goldman Sachs. Schon jetzt sinkt die Ölproduktion in Ecuador deutlich - im Juli und August lag sie laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" um 6,3 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Kaum anders die Lage in Bolivien: Nachdem der linksgerichtete Staatschef Evo Morales die Öl- und Gasfelder im vergangenen Jahr militärisch besetzen ließ, will der brasilianische Konzern Petrobras nur noch so viel investieren, wie zur Aufrechterhaltung der Produktion unbedingt erforderlich ist. Energie-Nationalismus in Reinform.

Dabei würde es sich gerade jetzt lohnen, in neue Ölvorkommen zu investieren. Je teurer das Öl, desto eher lohnt es sich, neue Felder zu erschließen. Langfristig würde dadurch das Angebot steigen, und der Preis könnte wieder sinken.

Die Privatwirtschaft verfährt schon lange nach diesem Prinzip. Die fünf größten nicht-staatlichen Ölkonzerne Exxon Chart zeigen, Chevron Chart zeigen, BP Chart zeigen, Shell Chart zeigen und Total Chart zeigen stecken pro Jahr 80 bis 100 Milliarden Dollar in Forschung und Förderung. Nur die Staatskonzerne wollen dem Beispiel nicht folgen. Bisweilen können sie es auch gar nicht: Denn die privaten Energiekonzerne sind oft die einzigen, die über die nötige Spezialtechnologie verfügen.

Moderne Förderprojekte sind nicht gerade einfach zu stemmen. Schließlich bekommt man pro investierten Dollar immer weniger Öl. Der Grund: "Easy Oil", das leicht zu fördern ist, geht langsam zur Neige. Mit teurer Technologie versuchen die Unternehmen deshalb, den letzten Tropfen aus den bekannten Feldern herauszuquetschen. Oder sie wagen sich an neue, schwer erschließbare Vorkommen heran - auch das hat seinen Preis.

"Die hohen Investitionen sind der fundamentale Grund für den aktuellen Ölpreis", sagt Tobias Lewe, Energieexperte bei AT Kearney. "Einen substantiell niedrigeren Preis werden wir nicht mehr sehen."

Erschwerend kommt die natürliche Verteilung der Rohstoffe hinzu. Ausgerechnet in der westlichen Hemisphäre, dem Stammland der privaten Konzerne, gehen die Ölvorkommen als erstes zu Neige - zum Beispiel in der Nordsee. Neue, noch zu erschließende Felder liegen hingegen dort, wo autoritäre Staaten das Sagen haben, wie in Arabien, Venezuela oder Russland. "Die Relevanz staatlicher Vorkommen wächst", sagt Lewe.

Einer, der weiß, wie das Geschäft läuft, ist Wladimir Milow. Früher war er Vize-Energieminister Russlands, doch dem Kreml waren seine Ansichten zu liberal. Seit 2002 sitzt Milow nicht mehr in der Regierung. Nun leitet der 35-Jährige das Institut für Energiepolitik. Seine These: "Der Staat sollte sich aus der Öl- und Gasförderung heraushalten, dann wird der Markt den Bedarf schon decken."

Milows Kritik richtet sich vor allem gegen Gasprom Chart zeigen, den vom Kreml kontrollierten Mega-Konzern. "Gasprom könnte viel mehr Gas aus der Erde holen. Aber dafür müsste man mehr in Förderanlagen investieren." Dank der hohen Weltmarktpreise habe das Unternehmen seine Einnahmen Jahr für Jahr gesteigert. "Von den Investitionen kann man das nicht behaupten - absolut typisch für ein Monopol."

Wie ineffizient das staatliche Unternehmen arbeitet, illustriert Milow mit einer einfachen Rechnung. Demnach gibt Gasprom für den Bau eines einzigen Pipeline-Kilometers "drei bis fünf Mal so viel aus wie ein privates Unternehmen im internationalen Vergleich".

Welche Folgen das hat, wurde im vergangenen Winter deutlich. Aus purem Mangel musste Gasprom russischen Industrieunternehmen und Kraftwerken das Gas abdrehen. Die westeuropäischen Staaten bekamen davon nichts mit - weil sie einen höheren Preis zahlen, werden sie bevorzugt beliefert.

In diesem Jahr allerdings, sagt Milow, hat sich die Lage wegen der steigenden Nachfrage verschärft. "Wenn wir im Winter längere Zeit minus 15 Grad haben, kann Gasprom den Bedarf nicht mehr decken."

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