Wirtschaft

Strommix

Windkraft überholt Atomenergie und Steinkohle

Es ist eine historische Verschiebung in der deutschen Energieversorgung: Die Windenergie ist 2017 zur zweitwichtigsten Stromquelle geworden. Nur die Braunkohle hat noch größere Bedeutung.

Von manager-magazin-online-Redakteur

DPA

Windräder in Niedersachsen

Mittwoch, 20.12.2017   10:03 Uhr

Der rasante Ausbau der Windkraft wirkt sich immer deutlicher auf den deutschen Energiemix aus. Im laufenden Jahr steige die Windenergie zur zweitwichtigsten Stromquelle hinter der Braunkohle auf, teilte das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme gegenüber manager-magazin.de mit. Sie überhole damit erstmals Steinkohle und Kernenergie, die nun auf den Plätzen drei und vier folgten.

"Der Vorsprung beim Wind ist so groß, dass er nicht mehr eingeholt werden kann", sagte Fraunhofer-Professor Bruno Burger. Bis einschließlich dem 18. Dezember hätten die Rotoren an Land und auf See 97 Terawattstunden Strom erzeugt. Steinkohle kam netto auf 81 Terawattstunden, Kernenergie auf 69. Vorn lag den Daten zufolge weiterhin die Braunkohle mit etwa 130 Terawattstunden.

Stromerzeugung in Deutschland in 2017 (zum Vergrößern bitte Grafik anklicken)

Die Entwicklung ist für die deutsche Energiewende Segen und Fluch zugleich. Einerseits werden die CO2-Emissionen aus deutschen Kraftwerken in diesem Jahr offenbar spürbar sinken - vor allem, weil der Einsatz von Steinkohle laut Fraunhofer um etwa 16 Prozent rückläufig war. Die Windstrom-Schwemme gleicht auch das Minus bei der Kernkraft aufgrund des Atomausstiegs mehr als aus.

Auf der anderen Seite tun sich der europäische Strommarkt und das deutsche Stromnetz schwer, die wachsenden Mengen Windstrom aufzunehmen: Wenn es im Norden kräftig weht, fallen die Börsenstrompreise. Kraftwerksbetreiber schalten dann konventionelle Anlagen auch in Süddeutschland und Österreich ab, weil sich ihr Betrieb in einer solchen Phase nicht rentiert.

Die Netze wiederum sind dann oft nicht in der Lage, die Stromschwemme aus dem Norden zu den Kunden in den Süden zu leiten. Netzbetreiber müssen Kraftwerksbetreibern einen Aufschlag zahlen, damit sie ihre Blöcke im Süden doch hochfahren. Bei starken Stürmen müssten Rotoren mitunter auch abgeschaltet werden.

Für derartige Maßnahmen haben die Netzbetreiber 2016 etwa 800 Millionen Euro umverteilt. Ein Jahr zuvor belief sich die Summe sogar auf eine Milliarde Euro. Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor, sagte eine Sprecherin des Netzbetreibers Tennet. Neue Stromleitungen sollen derartige Kosten begrenzen, indem mehr Elektrizität von den Erzeugern im Norden zu den Kunden im Süden transportiert werden kann.

Insgesamt haben die erneuerbaren Energien ihren Anteil an der öffentlichen Stromproduktion in diesem Jahr in Rekordtempo ausgebaut und kommen laut Fraunhofer-Forscher Burger auf einen Netto-Anteil von etwa 38 Prozent (2016: gut 33 Prozent). Auf die Windkraft entfielen 2017 bisher gut 18 Prozent, auf Biomasse 9, auf Solarenergie 7 und auf die Wasserkraft 4 Prozent.

Die Berliner Denkfabrik Agora Energiewende bestätigte den Trend eines stark gestiegenen Ökostromanteils gegenüber manager-magazin.de, sagte mit Blick auf einen zweiten Platz der Windenergie aber ein knappes Ergebnis in den offiziellen Zahlen voraus. Hintergrund: In diesen Brutto-Werten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (Ageb) und des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wird der Anteil konventioneller Energien etwas höher taxiert als beim Fraunhofer Institut. Enthalten ist auch der zum Betrieb der Kohle- und Kernkraftwerke benötigten Strom. Zudem fließt die Eigenstromerzeugung von Industriebetrieben mit ein.

Gemessen an den Abweichungen aus den vergangenen Jahren, dürfte die Windkraft Platz zwei aber auch in dieser Wertung erreichen können. Ageb und BDEW legen eine vorläufige Strommix-Schätzung für 2017 am Mittwoch vor.

Für die kommenden Jahre rechnen Fachleute allerdings mit einem deutlich gebremsten Ausbau der Windenergie an Land und auf See. Die Bundesregierung hat das Fördersystem von festen Vergütungen für jedes gebaute Windrad auf ein Ausschreibungsverfahren umgestellt. Damit lässt sich der Zubau strikter kontrollieren.

Zudem fallen zahlreiche Rotoren demnächst aus der Förderung und werden womöglich abgebaut. Schon jetzt leiden Firmen wie Nordex , Siemens oder Vestas unter einer Auftragsflaute.

Die Produktion von Windstrom ist zuletzt allerdings deutlich günstiger geworden. Stromkunden werden durch zusätzliche Anlagen über die Ökostromumlage bei Weitem nicht mehr so stark belastet wie früher. Daher fordert die Branche wieder höhere Zubauraten.

Erste Betreiber von Anlagen auf hoher See hatten zuletzt gar keine Subventionen mehr für die von ihnen produzierte Elektrizität verlangt. Sie bleiben aber auf günstige gesetzliche Rahmenbedingungen angewiesen, etwa zum Netzanschluss.

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