Strommix Windkraft überholt Atomenergie und Steinkohle

Es ist eine historische Verschiebung in der deutschen Energieversorgung: Die Windenergie ist 2017 zur zweitwichtigsten Stromquelle geworden. Nur die Braunkohle hat noch größere Bedeutung.

Windräder in Niedersachsen
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Windräder in Niedersachsen

Von manager-magazin-online-Redakteur


Der rasante Ausbau der Windkraft wirkt sich immer deutlicher auf den deutschen Energiemix aus. Im laufenden Jahr steige die Windenergie zur zweitwichtigsten Stromquelle hinter der Braunkohle auf, teilte das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme gegenüber manager-magazin.de mit. Sie überhole damit erstmals Steinkohle und Kernenergie, die nun auf den Plätzen drei und vier folgten.

"Der Vorsprung beim Wind ist so groß, dass er nicht mehr eingeholt werden kann", sagte Fraunhofer-Professor Bruno Burger. Bis einschließlich dem 18. Dezember hätten die Rotoren an Land und auf See 97 Terawattstunden Strom erzeugt. Steinkohle kam netto auf 81 Terawattstunden, Kernenergie auf 69. Vorn lag den Daten zufolge weiterhin die Braunkohle mit etwa 130 Terawattstunden.

Stromerzeugung in Deutschland in 2017 (zum Vergrößern bitte Grafik anklicken)

Stromerzeugung in Deutschland in 2017 (zum Vergrößern bitte Grafik anklicken)

Die Entwicklung ist für die deutsche Energiewende Segen und Fluch zugleich. Einerseits werden die CO2-Emissionen aus deutschen Kraftwerken in diesem Jahr offenbar spürbar sinken - vor allem, weil der Einsatz von Steinkohle laut Fraunhofer um etwa 16 Prozent rückläufig war. Die Windstrom-Schwemme gleicht auch das Minus bei der Kernkraft aufgrund des Atomausstiegs mehr als aus.

Auf der anderen Seite tun sich der europäische Strommarkt und das deutsche Stromnetz schwer, die wachsenden Mengen Windstrom aufzunehmen: Wenn es im Norden kräftig weht, fallen die Börsenstrompreise. Kraftwerksbetreiber schalten dann konventionelle Anlagen auch in Süddeutschland und Österreich ab, weil sich ihr Betrieb in einer solchen Phase nicht rentiert.

Die Netze wiederum sind dann oft nicht in der Lage, die Stromschwemme aus dem Norden zu den Kunden in den Süden zu leiten. Netzbetreiber müssen Kraftwerksbetreibern einen Aufschlag zahlen, damit sie ihre Blöcke im Süden doch hochfahren. Bei starken Stürmen müssten Rotoren mitunter auch abgeschaltet werden.

Für derartige Maßnahmen haben die Netzbetreiber 2016 etwa 800 Millionen Euro umverteilt. Ein Jahr zuvor belief sich die Summe sogar auf eine Milliarde Euro. Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor, sagte eine Sprecherin des Netzbetreibers Tennet. Neue Stromleitungen sollen derartige Kosten begrenzen, indem mehr Elektrizität von den Erzeugern im Norden zu den Kunden im Süden transportiert werden kann.

Insgesamt haben die erneuerbaren Energien ihren Anteil an der öffentlichen Stromproduktion in diesem Jahr in Rekordtempo ausgebaut und kommen laut Fraunhofer-Forscher Burger auf einen Netto-Anteil von etwa 38 Prozent (2016: gut 33 Prozent). Auf die Windkraft entfielen 2017 bisher gut 18 Prozent, auf Biomasse 9, auf Solarenergie 7 und auf die Wasserkraft 4 Prozent.

Die Berliner Denkfabrik Agora Energiewende bestätigte den Trend eines stark gestiegenen Ökostromanteils gegenüber manager-magazin.de, sagte mit Blick auf einen zweiten Platz der Windenergie aber ein knappes Ergebnis in den offiziellen Zahlen voraus. Hintergrund: In diesen Brutto-Werten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (Ageb) und des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wird der Anteil konventioneller Energien etwas höher taxiert als beim Fraunhofer Institut. Enthalten ist auch der zum Betrieb der Kohle- und Kernkraftwerke benötigten Strom. Zudem fließt die Eigenstromerzeugung von Industriebetrieben mit ein.

Gemessen an den Abweichungen aus den vergangenen Jahren, dürfte die Windkraft Platz zwei aber auch in dieser Wertung erreichen können. Ageb und BDEW legen eine vorläufige Strommix-Schätzung für 2017 am Mittwoch vor.

Für die kommenden Jahre rechnen Fachleute allerdings mit einem deutlich gebremsten Ausbau der Windenergie an Land und auf See. Die Bundesregierung hat das Fördersystem von festen Vergütungen für jedes gebaute Windrad auf ein Ausschreibungsverfahren umgestellt. Damit lässt sich der Zubau strikter kontrollieren.

Zudem fallen zahlreiche Rotoren demnächst aus der Förderung und werden womöglich abgebaut. Schon jetzt leiden Firmen wie Nordex Chart zeigen, Siemens Chart zeigen oder Vestas Chart zeigen unter einer Auftragsflaute.

Die Produktion von Windstrom ist zuletzt allerdings deutlich günstiger geworden. Stromkunden werden durch zusätzliche Anlagen über die Ökostromumlage bei Weitem nicht mehr so stark belastet wie früher. Daher fordert die Branche wieder höhere Zubauraten.

Erste Betreiber von Anlagen auf hoher See hatten zuletzt gar keine Subventionen mehr für die von ihnen produzierte Elektrizität verlangt. Sie bleiben aber auf günstige gesetzliche Rahmenbedingungen angewiesen, etwa zum Netzanschluss.

insgesamt 306 Beiträge
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Seite 1
schlob 20.12.2017
1. Statt der klimafreundlichen AKW haben wir nun volles Rohr Braunkohle
Statt der klimafreundlichen AKW haben wir nun volles Rohr Braunkohle.Zu den Kosten von z Zt 1000 Mrd ,die sich auf 2000 Mrd erhöhen müssen,wenn man so weiter macht ... Das alles werden die Erben von Merkels Politik bewältigen müssen -nebst Target 1000 Mrd, uswsuw
MütterchenMüh 20.12.2017
2. wird Strom auch irgendwann mal günstiger
Schön. Jetzt interessiert mich nur noch, ob sich das _Ganze auch irgendwann, möglichst noch zu meinen Lebzeiten, kostensenkend auf einer Stromrechnung bemerkbar macht.
Niteftef 20.12.2017
3. Gute Nachricht
Allerdings stellt sich mir die Frage, warum behaupten unsere Politiker, das Klimaziel sei nicht zu schaffen und verringern dann die Förderung für erneuerbare? Vielleicht wollen die Damen und Herren es mal wieder einfach nicht, weil sie zu viel Geld von der Kohlelobby kriegen, was?
heikhen 20.12.2017
4. nicht die Menge ist entscheidend
sondern die bedarfsgerechte Erzeugung und Versorgung mit Energie. D.h. Erzeugung und Verbrauch sind gekoppelt und nicht isoliert zu sehen. Was nutzt die Stromproduktion wenn z.Zt. kein entsprechender Bedarf vorhanden ist. Dann fallen Ausgleichs und Ersatzzahlungen an die natürlich zu Lasten des Verbrauchers gehen. Insofern macht ein weiterer Ausbau der Windenergie nur dann Sinn wenn er grundlasttauglich ist ansonsten leisten wir uns zwei Parallelsysteme und das ist sehr teuer.
tinnytim 20.12.2017
5.
So destilliert sich immer mehr heraus, dass Stromerzeugung durch Grundlastkraftwerke und jene aus volatilen Erneuerbaren Energien nicht zusammen passen. Grundlastkraftwerke müssen nach und nach durch grundlastfähige Kraftwerke (von Kohle zu Gas) ersetzt werden. Es ist günstiger ein Gaskraftwerk für 4000 Volllaststunden im Jahr vorzuhalten, als ein Kohlekraftwerk bei gleicher Auslastung. Das gefällt im Übrigen auch Siemens, deren Gebaren mir trotzdem etwas unverständlich bleibt (wieso man bei durch die Bank positiven Spartengewinnmargen in der Schwächsten Stellen abbauen muss, lernt man wohl erst im BWL-Masterstudium).
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