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Energiepreis-Schock: Industrieländer bitten verzweifelt um mehr Öl

Sie wollen die Energiepreise drücken, doch den G-8-Chefs fehlen die Mittel - nun rufen sie die Förderländer auf, bitte schnell mehr Öl bereitzustellen. Über Sparmöglichkeiten wird höchstens abstrakt debattiert, stattdessen streiten die Europäer plötzlich über Steuersenkungen.

Toyako - Weltweit explodieren die Energiepreise - und die G-8-Staaten müssen hilflos zuschauen. Bis auf Russland verfügen die führenden Industrienationen kaum über eigene Ressourcen. Aus diesem Grund müssen die Mächtigen der Welt nun fast schon auf Betteltour gehen: Bei ihrem Krisengipfel in Japan appellierten die Staats- und Regierungschefs an die Förderländer, sie mögen doch bitte mehr Öl auf den Markt geben.

Ölplattform (vor der Küste Angolas): Die Opec sitzt nicht mit am Tisch
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Ölplattform (vor der Küste Angolas): Die Opec sitzt nicht mit am Tisch

Adressat der verzweifelten Bitte ist damit vor allem die Opec, die Organisation Erdöl exportierender Länder. Das Kartell kontrolliert 40 Prozent der weltweiten Förderung, bei den Reserven sind es sogar 70 Prozent. Ob die Scheichs auf die G8 hören, ist völlig offen - beim Gipfel in Japan sitzen sie nicht mit am Tisch.

Umso dringlicher formulierte die weltweite Elite ihren Wunsch: Der hohe Ölpreis sei eine ernste Gefahr für das Wachstum der Weltwirtschaft. Die Förderländer sollten deshalb ein stabiles Umfeld für Investitionen schaffen, damit die Produktionskapazitäten ausgeweitet werden könnten.

Nichts Konkretes zur Senkung des Energieverbrauchs

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Atomkraft: Die Positionen der EU-Staaten und der wichtigsten Industrienationen
Darüber hinaus wollen die Industrienationen auch bei sich selbst ansetzen. Der Energieverbrauch soll nach dem Willen der G8 sinken. Konkrete Ziele stellten die Staats- und Regierungschefs allerdings nicht auf. Stattdessen wurde ein "Forum" angeregt, das sich auf neue Technologien und Energieeffizienz konzentrieren soll.

Außerdem forderten die G8 mehr Transparenz auf dem Ölmarkt. Dieser Punkt ist unter den acht Staaten allerdings umstritten: Manche führen den hohen Ölpreis unter anderem auf die vielfach beklagte Spekulation zurück. Andere, vor allem die USA, teilen diese Einschätzung nicht.

Überschattet wurden die Gespräche von einem innereuropäischen Streit. So will Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Energiesteuern in seinem Land senken, um die Belastungen für die Bürger zu verringern. Deutschland ist jedoch dagegen: Nach Ansicht der Bundesregierung stellen niedrigere Steuern einen Anreiz dar, mehr Energie zu verbrauchen - genau das Gegenteil dessen, was angesichts knapper Ressourcen nötig wäre.

Frankreich will "keinen Weg unerkundet lassen"

Bei einem Treffen der EU-Finanzminister in Brüssel trat der Streit offen zu Tage. Die französische Ministerin und EU-Ratspräsidentin Christine Lagarde forderte, alle Möglichkeiten ohne Tabus zu prüfen. "Angesichts einer so wesentlichen Umwälzung in unserer Wirtschaft kann man keinen Weg unerkundet lassen." Damit spielte sie auf Sarkozys Vorschlag an, die Mehrwertsteuer auf Mineralöl EU-weit einzufrieren und Einnahmen an die besonders betroffenen Branchen und Bürger zurückzuzahlen.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte, ein solcher Schritt würde nur die notwendige Anpassung der Wirtschaft an dauerhaft hohe Energiepreise verhindern. Im Jahr 2005 hatten die EU-Finanzminister in Manchester beschlossen, die Energiesteuern nicht als Waffe gegen steigende Preise einzusetzen. Dies würde die Ölkonzerne nur zu weiteren Preissteigerungen ermuntern.

Steinbrück forderte, die Politik dürfe den Bürgern nicht vorgaukeln, den Ölpreisanstieg unter Kontrolle bringen zu können. Weder die Europäische Zentralbank noch die Regierungen der EU-Staaten hätten darauf großen Einfluss. "Das müssen wir irgendwann mal zugeben, statt den Leuten einzureden, wir können an der und der Schraube drehen."

Frankreich will trotzdem gemeinsam mit der EU-Kommission bis Oktober einen Katalog von Vorschlägen erarbeiten. Außerdem beschlossen die Finanzminister, die EU-Ölreserven fortan offenzulegen. Daten über die Lagerbestände sollen bald wöchentlich veröffentlicht werden, um so für mehr Transparenz zu sorgen.

Alarmstimmung in der deutschen Wirtschaft

Entgegen einem gängigen Vorurteil verdient der Staat an den hohen Energiepreisen nicht mit. Im Gegenteil: Die Einnahmen aus umweltbezogenen Steuern sind 2007 in Deutschland auf 54,2 Milliarden Euro gesunken. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Minus von 1,7 Prozent. Die Steuereinnahmen aus dem Verkauf von Kraftstoff und Heizöl lagen mit rund 39 Milliarden Euro sogar 2,4 Prozent unter dem Vorjahreswert.

In der deutschen Wirtschaft herrscht dennoch Alarmstimmung. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte, die Erhöhung der Lkw-Maut zurückzunehmen. Auch Taxi-Fahrer starteten Proteste: In Berlin fuhren 500 Taxen wegen der hohen Spritpreise einen Korso durch die Innenstadt.

Am Dienstag entspannte sich die Lage an den Rohstoffmärkten etwas. Der Ölpreise rutschte unter die Marke von 140 Dollar pro Fass. In der vergangenen Woche hatte die Nordseesorte Brent noch 146,69 Dollar gekostet.

Fachleute erwarten aber keine nachhaltige Entspannung. Rohstoffexperte Eugen Weinberg von der Commerzbank warnte, dass die Gefahr durch verheerende Wirbelstürme für die Ölplattformen im Golf von Mexiko langsam akut werde. Der Hurrikan "Bertha" habe im Atlantik bereits eine gefährliche Stärke erreicht. Die Ölfördergebiete vor der Küste der USA dürften von diesem Sturm zwar verschont bleiben, dennoch trage er zur allgemeinen Unsicherheit am Markt bei.

Biosprit wird immer seltener als Lösung gesehen

Verschärft wird das Problem dadurch, dass Biokraftstoffe immer weniger als Alternative zu Erdöl betrachtet werden. Beim G-8-Gipfel in Japan sicherten die Industriestaaten zu, die "gegenseitige Verträglichkeit" bei der Produktion von Agrartreibstoffen und Nahrungsmitteln zu gewährleisten.

Nach einer Studie der Weltbank ist die Produktion von Biotreibstoffen in den USA und Europa der "wichtigste" Grund für den massiven Preisanstieg bei Nahrungsmitteln. Laut Hilfsorganisation ActionAid haben Agrartreibstoffe "rund 30 Millionen Menschen in den Hunger getrieben und weiteren 260 Millionen die Nahrung unsicher gemacht".

wal/dpa/Reuters

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Forum - G8 - Gipfel ohne Sinn?
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1. Auf Comical Ali Niveau
founder 08.07.2008
Es gnügt nicht den glorreichen Sieg der irakischen Armee über die USA zu verkünden, es genügt nicht mehr Ölproduktion zu verkünden (http://politik.pege.org/2008/oelkonferenz-140.htm) Es ist schockierend, mit welch lächerlichen Sprüchen diese Konferenz zu Ende ging. Der Kapitän der Titanic verkündet (http://politik.pege.org/2008-titanic/) "Wir steigern die Leistung der Pumpen, um das durch einen winzigen Haarriß einströmende Wasser aus dem Schiff zu bekommen". Peak Oil ist Geschichte, die Produktion geht zurück. Aber auch auf der Titanic hat man 1 Stunde gebraucht um drauf zu kommen, daß das Schiff sinkt (http://politik.pege.org/2008-titanic/schadensbericht.htm) Wir brauchen jetzt Konzpte für den Ölausstieg (http://politik.pege.org/2008-oelausstieg/) und nicht die laute Musik einer Band, die nur spielt um Panik zu vermeiden.
2.
rkinfo 08.07.2008
Zitat von founderEs gnügt nicht den glorreichen Sieg der irakischen Armee über die USA zu verkünden, es genügt nicht mehr Ölproduktion zu verkünden (http://politik.pege.org/2008/oelkonferenz-140.htm) Es ist schockierend, mit welch lächerlichen Sprüchen diese Konferenz zu Ende ging. Der Kapitän der Titanic verkündet (http://politik.pege.org/2008-titanic/) "Wir steigern die Leistung der Pumpen, um das durch einen winzigen Haarriß einströmende Wasser aus dem Schiff zu bekommen". Peak Oil ist Geschichte, die Produktion geht zurück. Aber auch auf der Titanic hat man 1 Stunde gebraucht um drauf zu kommen, daß das Schiff sinkt (http://politik.pege.org/2008-titanic/schadensbericht.htm) Wir brauchen jetzt Konzpte für den Ölausstieg (http://politik.pege.org/2008-oelausstieg/) und nicht die laute Musik einer Band, die nur spielt um Panik zu vermeiden.
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,564691,00.html Fehlende Nahrung für 30 Mill. arme Menschen und Einschränkungen für 260 Mill. - bei 6.000 Mill. problemlos ernährbaren Menschen mit teils überreichlichen Nahrungsverbrauch (Fettleibigkeit). Das ist nicht einmal ein Verteilungsproblem oder gar ein Mengenproblem. Jenes entsteht nur, weil ca. 1-2000 Mill. Menschen deutlich mehr Nahrung benötigen, was durch Investitionen in die Landwirtschaft auch umgesetzt wird. Es ist bezeichnend, dass ein 'Peak of Food' definiert wird, während es nachweislich nur den 'Peak of Oil' gibt. Allein in 'D' könnten wir locker die ca. 20-35 Mill. to zusätzliche Lebensmittel für alle Hungernden und betroffenen Menschen der Erde erzeugen und ausliefern. Lohnt sich aber nicht, da weltweit genügend Nahrung vorhanden ist, nur nicht genügend Geld dafür. UND - 5kg Brot kosten heute soviel an Weizen wie 1 Liter Diesel ... Biodiesel Nein Danke ?
3.
Prinzle 08.07.2008
was bei diesem Treffen wieder besprochen wurde ist einfach lachthaft. Anstatt wirklich mal Nägel mit Köpfen zu machen bitten und betteln die größten 8 um mehr Öl. Eigentlich sollte man meinen das inzwischen auch der letzte aufgewacht ist und man verstärkt auf Einsparung und alternative Energien setzt, aber dem ist anscheinend noch lange nicht so.. Die 50% Reduktion bis 2050 ohne verbdinliche Ziele ist eigentlich schon fast unverschämt. Ich habe momentan den Eindruck, das es viele Leute einfach nicht wahrhaben wollen was momentan mit dem Ölpreis passiert, da schimpft man dann lieber auf die OPEC oder Spekulanten. Das größte Potential würde Einsparung bringen, aber von dem hohen Ross wollen Amerikaner und Europäer wohl noch lange nicht absteigen. Ich hoffe nur, dass der Ölpreis weiterhin auf die 2,- 3..5,- EUR zusteuert, anderst tut sich in der Hinsicht sonst leider nichts. Würde ein Herr Bush mal vorne an das Rednerpult stehen und erklären, dass er in den nächsten Jahren bis zu 50Billionen US$ für alternative Energien verwenden will, dann wäre das Problem mit dem hohen Ölpreis sehr schnell erledigt. Bei einem Wehretat von knapp 600$ wäre das doch absolut machbar.
4. Weg vom Öl
Tom_63, 08.07.2008
Nicht über den Atomausstieg sollte diskutiert werden sonder den Ausstieg vom Öl. Jetzt sollte damit begonnen werden und nicht in ein paar Jahren. Dabei muss uns allen klar sein das dieser Ausstieg große Einschnitte für uns alle bedeutet, aber die goldenen Zeiten des Öls gehen nunmal vorbei.
5.
Zwiebel, 08.07.2008
Zitat von sysopEs ist wieder soweit: Das Treffen der G8-Regierungschefs nimmt sich der aktuellen Probleme der Welt an. Wie üblich wird viel beschlossen - doch wie werden die Beschlüsse umgesetzt? Bringen die Gipfeltreffen überhaupt etwas?
Sicher war das Treffen ohne (Prof.) Sinn. Dennoch hat Herr Steinbrück und Frau Merkel Recht, obwohl ich dies nur sehr ungern zugebe. Ein Absenken der Mineralölsteuer würde wohl tatsächlich vom Markt ausgenutzt werden und somit den Preis weiter vorantreiben. Auch hat Frau Merkel Recht, wenn sie einen sparsameren Umgang mit Energie fordert und einen hohen Preis als Warnsignal für knappe Ressourcen beibehalten will. Das Ausklammern von Kernenergie ist jedoch meiner Meinung nach lobbyistischer Blödsinn. Wir können nicht mit Kohle, Gas oder Öl das Klima verbessern, geschweige denn uns aus dem Würgegriff der Opec befreien. Das größte Einsparungspotential ist unser Hirn, wobei wir weniger bei dessen Funktion als bei der aktiven Einsparmöglichkeit bei jedem einzelnen suchen sollten. Der tollste Witz war neulich der Vorschlag einer vier-Tage-Woche um Sprit zu sparen. Ich frage mich bei solchem Quatsch ob es den Leuten nicht genügt, wenn sie an zwei Tagen sinnlos den Tank leerfahren, weil irgendwo der Kaffee, die Bratwurst oder das Bier angeblich besser schmeckt als daheim. Gruß Zwiebel
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