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Kommentar zur Energiewende: Lasst die Stromkonzerne sterben

Ein Kommentar von

E.on-Atomkraftwerk Grohnde: Es braucht keine Großkonzerne mehr Zur Großansicht
DPA

E.on-Atomkraftwerk Grohnde: Es braucht keine Großkonzerne mehr

Die vier großen Stromkonzerne in Deutschland stecken in einer existenzbedrohenden Notlage. Und sie sind selbst daran schuld. Wir sollten ihnen keine Träne nachweinen.

Es dürfte kein Zufall sein, dass E.on seinen historischen Bilanzverlust ausgerechnet am vierten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Fukushima verkündet. Seht her, heißt das, der Atomausstieg ist schuld an unserem wirtschaftlichen Desaster - und die Verantwortung dafür trägt die Bundesregierung. So ähnlich sehen es auch die Chefs der drei anderen großen Stromkonzerne in Deutschland, RWE, Vattenfall und EnBW, in zahlreichen Klagen fordert die Branche bereits Schadensersatz.

Wie kommen die auf diese Idee?

Nun, stellen Sie sich vor, Sie könnten sich jahrzehntelang einen Markt mit drei anderen Konzernen aufteilen, strichen enorme Gewinne ein und müssten sich um die Folgen Ihres Tuns keine Gedanken machen.

Dann ändert sich die Stimmung im Land. Die Bundesregierung wird rot-grün, Klimaschutz wird auf globaler Ebene verhandelt, immer mehr Strom wird aus Wind und Sonne erzeugt. Und Sie? Glauben an eine vorübergehende Störung. Zwanzig Jahre und eine lange Reihe verheerender Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen später steht Ihr Konzern vor dem Aus.

Und weil die Energiewende Schuld daran ist, soll der Staat helfen.

Überfordert von der Energiewende

Es stimmt, Deutschland braucht die dreckigen Kohlekraftwerke derzeit noch, um jenen stetig fließenden Strom zu ersetzen, der bisher in fossilen und nuklearen Kraftwerken erzeugt wird - bis intelligente Lösungen marktreif sind. Aber dafür braucht es keine Großkonzerne, die in den vergangenen zwanzig Jahren gezeigt haben, dass sie mit der Energiewende, wie sie in Deutschland (unter Beobachtung der ganzen Welt) vollzogen wird, vollkommen überfordert sind.

Die Netze - ein zentrales Element der Energiewende - haben E.on, RWE, EnBW und Vattenfall schon verkauft, ihre Atomkraftwerke werden sie bald abschalten müssen. Viele Stadtwerke haben sich zu größeren Einheiten zusammengetan, neue Energieanbieter sind auf den Markt getreten. Alle kleiner und regionaler, aber beweglicher und innovativer als die großen vier. Sie könnten, wenn die Bundesregierung kluge Regelungen und Anreize schafft, die Energiewende wirklich vollenden.

Vielleicht berappeln sich die Großen noch einmal. E.on hat den wohl radikalsten Strategieschwenk angekündigt und wird sein Geschäft aufspalten in einen zukunftsfähigen Teil und einen, in dem die fossilen und nuklearen Kraftwerke gebündelt werden. Wahrscheinlich ist das Überleben der Dinosaurier allerdings nicht.

Womit wir beim wirklich unschönen Teil der Geschichte sind: bei den Altlasten. Sollten RWE, E.on, Vattenfall und EnBW tatsächlich zusammenbrechen, dann fehlt auch das Geld, um den Rückbau der Atomkraftwerke zu finanzieren. Dafür müssten wieder alle Steuerzahler geradestehen - wie so oft.

Allerdings lägen dann tatsächlich alle Kosten offen - anders, als wenn jeder der vier Konzerne nach und nach immer wieder gestützt werden müsste. Das wäre der Preis, den die Gesellschaft dafür zahlen müsste, die Energiewende sauber zu vollenden.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Nicolai Kwasniewski ist Redakteur im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Nicolai_Kwasniewski@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 445 Beiträge
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1. System-immanent und kein Problem der Energiewende
bbrot99 11.03.2015
ich stimme dem Autor zu, dass am Ende der Steuerzahler und nicht der Stromkunde haften wird. Das Problem hat allerdings nur am Rande mit der Energiewende zu tun. Der Steuerzahler zahlt die Milliarden bereits seit Anbeginn der konventionellen Stromerzeugung - für Forschungen, gebaute und wieder abgerissene Atomanlagen (Wackersdorf, Kalkar etc.), Atommülltransporte, Renaturierungen und natürlich die nach wie vor völlig ungeklärte Endlagerung für zigtausend Jahre. Genau dieses absurde Missverhältnis zur nach aussen kommunizierten ach so günstigen Energieversorgung gepaart mit extrem niedrigen Preisen für die Industrie hat gar nichts mit der Energiewende zu tun. Ebenso die fatale Fehlentscheidung die Stromnetze zu privatisieren hat diesen Effekt nur verschlimmert - fehlende Investitionen schlagen jetzt zurück. Mein Professor zur Netzwerktechnik hat dies bereits Mitte der 90er sehr treffend als zwingend, weil System-immanent, vorhergesagt. Da hat die Stromindustrie noch behauptet, dass selbst unter Ausnutzung spektakulärster Neuentwicklungen regenerative Energieerzeugung unter gar keinen Umständen auch nur einen kleinen einstelligen Anteil an der Stromerzeugung erreichen könnte
2. Oh ja, gerne.
dbrown 11.03.2015
Weg mit denen, freier Markt. Aber Frau Merkel wird schon fein einknicken, die 4 werden ihr genügend einen vorheulen, Muttis Hilfe ist denen gewiß.
3. Naja...
radioactiveman80 11.03.2015
1.) Die bedrohten Arbeitsplätze scheinen den Autor nicht im Geringsten zu Interessieren. Als ob der zweifache Familienvater im AKW den "bösen" Energiekonzern repräsentiert. 2.) die hier vielgepriesenen "neuen" Anbieter, die gerade entstehen, locken die Kunden mit Kampfpreisen - und gehen dann insolvent (ist uns selber passiert, bei "Löwenzahn" - Geld futsch). 3.) Deutschland wird sich noch umschauen was die Energiewende am Schluss wirklich kostet. Bin mal gespannt ob die Freude einzelner Heile-Grüne-Welt-Fantasten dann noch so gross sein wird.
4. Vielleicht sollte man sich das wirklich mal wünschen
edelrost 11.03.2015
Der Autor darf der gespannten Leserschaft gerne verraten, wie dann die Vielzahl von kleinen Klitschen die Netzstabilität sicherstellen möchte. Mit einem immer größer werdenden Anteil an Strom, der nach Lust und Laune eingespeist wird, werden die Anforderungen, das Netz nicht zusammenbrechen zu lassen, immer größer, und es sind vor allem die verhassten Großkraftwerksbetreiber, die dafür sorgen, daß wir nicht im Dunklen sitzen, wenn der Spaßstrom rauf und runter geht. Möglicherweise sehen manche nach einem großräumigen Stromausfall für nicht nur wenige Stunden die Situation mit etwas anderen Augen.
5. Der Autor hat übersehen, dass
seid-kritisch 11.03.2015
die Betreiber auf dem Atomstrom einen Zuschlag erheben dürfen, der für den Rückbau der Atomkraftwerke gedacht ist. Diese Zusatzeinnahmen summierten sich im Laufe der Jahrzehnte auf zig Milliarden und wurden u.a. in die Abfallwirtschaft - Verbrennungsanlagen, Grüner Punkt etc. - investiert.
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EEG-Umlage
Was ist die EEG-Umlage?
Die EEG-Umlage ist das zentrale Förderinstrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wind-, Solar- und Biogasanlagen können am Markt noch nicht mit Kohle- und Atomkraftwerken konkurrieren. Damit sie trotzdem rentabel sind, wird solchen Kraftwerken der Strom zu einem fixen Preis abgenommen. Dieser liegt deutlich über dem Preis an der Strombörse EEX. Die Differenz von Börsenpreis und fixem Abnahmepreis zahlen die Verbraucher über ihre Stromrechnung.
Warum steigt die EEG-Umlage?
Das hat zwei Gründe. Erstens, weil die absolute Menge des Ökostroms steigt. Durch die Energiewende gehen eine große Menge neuer Ökostromanlagen ans Netz. Zweitens steigt die EEG-Umlage auch relativ. Das hat paradoxerweise mit sinkenden Strompreisen zu tun. Die erneuerbaren Energien erhöhen das Stromangebot in Zeiten großer Nachfrage und senken dadurch den Strompreis an der Börse. Wenn aber der Strompreis sinkt, dann steigt die Differenz zwischen dem tatsächlichen Strompreis und dem fixen Abnahmepreis, den Betreiber von Ökostromanlagen garantiert bekommen - und die Verbraucher per EEG-Umlage ausgleichen müssen.
Zahlen alle Verbraucher die EEG-Umlage?
Im Prinzip ja. Allerdings werden ausgerechnet die größten Stromfresser der Nation entlastet. Sie genießen den Schutz der sogenannten besonderen Ausgleichsregel des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Laut dieser zahlen Firmen die volle EEG-Umlage nur für die ersten eine Million Kilowattstunden Strom, die sie verbrauchen. Für jede weitere Kilowattstunde zahlen sie nur noch zehn Prozent der EEG-Umlage, ab einem Verbrauch von zehn Millionen Kilowattstunden ist es nur noch ein Prozent, ab einem Verbrauch von 100 Millionen Kilowattstunden sind es noch 0,05 Cent. Beispiel: Die Trimet Aluminium AG verbraucht bei voller Auslastung 4,6 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr*. Die Aluminiumhütte muss also nur für rund 0,02 Prozent ihres Gesamtverbrauchs die volle EEG-Umlage zahlen.

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