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Energieversorgung: Mit Volldampf in den Notstand

Von , und Christian Schwägerl

Der Ausstieg aus der Atom- und Kohlekraft hat unerwartete Folgen: Immer mehr Experten warnen vor dramatischen Versorgungslücken beim Strom. Doch den notwendigen Neubau von Kraftwerken anzukurbeln, ist schwieriger als gedacht.

Hamburg - Der Bundesumweltminister setzte seinen besonders treuherzigen Blick auf: Nie und nimmer werde es im kommenden Jahrzehnt eine größere Lücke in der deutschen Stromversorgung geben, schon gar nicht wegen des Klimaschutzes. "Alles blanker Unsinn, üble Horrorszenarien." Die Stromkonzerne wollten nur Stimmung machen, um Vorteile herauszuschlagen, sagte Sigmar Gabriel (SPD) erst Ende Januar.

Das Atomkraftwerk Biblis: Neue Studien zu Energie-Engpässen stammen nicht aus PR-Abteilungen der großen Stromkonzerne
DDP

Das Atomkraftwerk Biblis: Neue Studien zu Energie-Engpässen stammen nicht aus PR-Abteilungen der großen Stromkonzerne

Eine Einschätzung, die nicht jeder teilt - schon gar nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Keine acht Wochen nach Gabriels Garantieerklärung sucht sie das Gespräch mit der Energiewirtschaft darüber, ob eine gefährliche Stromlücke überhaupt noch vermieden werden kann. Der simultane Ausstieg aus Kern- und Kohlekraft, auf den die gegenwärtige deutsche Energiepolitik hinausläuft, beunruhigt die Kanzlerin zutiefst.

Eigentlich wollte Merkel ihren Kanzleramtschef Thomas de Maizière schon am 17. März mit den Vorständen der großen Energieversorger darüber sprechen lassen, wie im nächsten Jahrzehnt ausreichend bezahlbarer Strom zum Verbraucher fließen kann. Nun aber muss erst der Streit um die Zukunft der deutschen Stromnetze ausgefochten werden, dann soll das Thema Versorgungslücke schnell auf die Tagesordnung.

Energiepolitik war lange Klimapolitik

Denn tatsächlich gibt es neue Erkenntnisse, die beunruhigen - und die nicht aus den Propaganda-Abteilungen der vier großen Stromkonzerne stammen. "Wenn man den künftigen Strombedarf mit der absehbaren Kraftwerkskapazität vergleicht, ergibt sich ein negatives Bild", sagt Stephan Kohler, Chef der von der Bundesregierung mitfinanzierten Deutschen Energie-Agentur (Dena). Mit seinen Fachleuten hat er gerade alle Einflussgrössen neu berechnet - und eine klare Verknappung prognostiziert: "Selbst wenn man drei Prozent mehr Energieeffizienz pro Jahr, einen Anteil von Strom aus erneuerbaren Quellen von 30 Prozent und einen KWK-Anteil von 25 Prozent unterstellt, kommt es zu einer Verknappung", sagt Kohler.

Denn ziemlich lange ist Energiepolitik in Deutschland gleichbedeutend mit Klimapolitik gewesen. Die dramatischen Erkenntnisse der Naturwissenschaftler einten alle Parteien in dem Ziel, erneuerbare Energiequellen auszubauen. Nun dämmert der Berliner Politik, dass darüber eine entscheidende Frage unbeantwortet geblieben ist: Woher genau 70 Prozent des Stroms stammen sollen, wenn das hehre grüne Ziel erreicht ist, 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen und die technische Effizienz zu maximieren.

Denn so beeindruckend und wünschenswert die Zuwächse bei Windstrom und Bioenergie sind: Das energiehungrige Deutschland verlangt nach mehr und niemand weiß, woher.

"Die Warnungen vor einer Stromversorgungslücke im nächsten Jahrzehnt sind berechtigt", sagt Bundeswirtschaftminister Michael Glos (CSU). Wenn die Deutschen gleichzeitig aus der Kernkraftnutzung ausstiegen und nicht ausreichend neue Kohlekraftwerke gebaut würden, werde es zu erheblichen Engpässen im Stromangebot und zu deutlich höheren Preisen kommen.

"Können Kernkraft und Kohle nicht ersetzen"

"Es ist eine Illusion, dass wir in Deutschland Kernkraft- und Kohlekapazitäten allein durch erneuerbare Energien und mehr Effizienz ersetzen können", sagt Glos. Das ökonomische Potential sowohl von Offshore-Windstrom als auch von Bioenergie sei kleiner als vorher in der Theorie prognostiziert. "Wir wollen uns auch nicht noch mehr von Erdgaslieferanten östlich von uns abhängig machen."

An das Treffen mit Kanzleramtsminister de Maizière knüpfen die vier großen Energieversorger deshalb hohe Erwartungen. "Das ist eine Möglichkeit, die seit Monaten verhärteten Fronten aufzuweichen und drängende Sachfragen zu diskutieren", sagt ein hochrangiger Energiemanager. Außer der Streitfrage, wer künftig das deutsche Stromnetz betreiben und ausbauen soll, drängt vor allem die Tatsache, dass in den nächsten Jahren in Deutschland gewaltige Kraftwerkskapazitäten wegfallen.

Viele Kraftwerke wurden in den sechziger und siebziger Jahren gebaut. Heutigen Effizienz- und Umweltanforderungen entsprechen vor allem viele Kohlekraftwerken schon lange nicht mehr. Lange Ausfallzeiten, hohe Betriebskosten durch niedrige Wirkungsgrade und erhebliche Kosten für CO2-Emissionen machen die alten Dreckschleudern zunehmend unrentabel.

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