Enron-Skandal Das große Schreddern

Im Fall Enron haben die Beteiligten offenbar in großem Stil Beweismittel aus dem Weg geschafft. Wie jetzt bekannt wurde, hat Enrons Buchhaltungsabteilung bis vergangene Woche Akten durch den Reißwolf gejagt. Auch zur Vernichtung von Enron-Unterlagen durch den Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen tauchen neue Details auf.




Enron-Aktenschnipsel: Management by Reißwolf
AP/ ABC News

Enron-Aktenschnipsel: Management by Reißwolf

Houston/New York - Der bankrotte Energiehändler Enron hat offenbar noch bis Mitte Januar in seiner Buchhaltungsabteilung Akten und Unterlagen in großem Stil vernichtet. Zu diesem Zeitpunkt liefen bereits staatsanwaltliche Ermittlungen gegen das Houstoner Unternehmen.

Die ehemalige Enron-Managerin Maureen Castaneda berichtete dem US-Fernsehsender ABC, die Vernichtung der Dokumente habe im November begonnen und sei bis vergangene Woche weitergegangen. Castanedas Büro lag gegenüber dem der Buchhaltungsabteilung im 9. Stock des Enron-Hauptquartiers. Dass es sich um buchhalterische Unterlagen handelte, die in Houston durch den Shredder gejagt wurden, "konnte man an den Farben erkennen - gelb und rosa", so die Managerin.

Castaneda nahm eine Kiste geschreddertem Papiers an sich und übergab sie ihrem Anwalt G. Paul Howes von der Kanzlei Milberg Weiss Bershad Hyne and Lerach LLP, welche die Ex-Managerin sowie zahlreiche andere Enron-Angestellte vertritt. Milbergs Mandanten haben Enrons Unternehmensführung auf Schadenersatz verklagt - dabei geht es vor allem um in Enron-Aktien angelegte

Kryptisches Papierschnipsel-Puzzle

Das "Wall Street Journal" berichtet, neben Castaneda hätten zwei weitere ehemalige Enron-Mitarbeiter bestätigt, sie hätten im November etliche mit geschredderten Dokumenten gefüllte Mülltüten in Enrons Buchhaltungsabteilung gesehen. "Auf der Basis dessen, was wir derzeit wissen, muss man davon ausgehen, dass hier vorsätzlich und koordiniert Beweismittel zerstört wurden", sagte Anwalt William Lerach von der Kanzlei Milberg der "Washington Post".

Nach Angaben verschiedener US-Tageszeitungen waren auf den von Castaneda sichergestellten Papierschnipseln unter anderem die Wortfetzen "LJM $150 million", "Jedi" sowie "Raptor" zu entziffern. Dabei handelt es sich um die nicht in der Enron-Konzernbilanz enthaltenen Investmentgesellschaften, wegen denen der Energiehändler im Herbst vergangenen Jahres erstmals in die Kritik geraten war. Über LJM und andere von Ex-Finanzvorstand Andrew Fastow sowie weiteren Managern betriebenen Partnerschaften verbarg Enron Verbindlichkeiten in Milliardenhöhe vor seinen Investoren.

Im Fall Enron scheinen Unterlagen gleich waschkörbeweise vernichtet worden zu sein. Vor kurzem erst war bekannt geworden, dass Enrons Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen Tausende von Dokumenten vernichtet hat, die Enrons Finanzsituation betrafen. Zu dem Zeitpunkt, als in Andersens Houstoner Dependance die Dokumente zerstört wurden, ermittelte die US-Börsenaufsicht SEC bereits gegen Enron. Der Chef des Andersen-Büros in Houston, David Duncan, wurde inzwischen gefeuert.

Wink mit dem Zaunpfahl?

Duncan hatte am 12. September 2001 eine E-Mail aus der Chicagoer Andersen-Zentrale erhalten. Darin wies ihn die Firmenjuristin Nancy Temple auf Andersens Procedere im Umgang mit Dokumenten hin. Laut dem "Organization, Retention and Destruction Statement" könnten jene Dokumente vernichtet werden, die aus rechtlichen Gründen nicht mehr aufbewahrt werden müssten. Kurz nach Eingang der Mail von Temple wies Duncan seine Mitarbeiter an, Dokumente über den Klienten Enron zu schreddern beziehungsweise zu löschen. Nach Angaben des Wirtschaftsprüfers wurde die Aufräumaktion des Houstoner Büros erst gestoppt, nachdem Temple den Houstoner Bürochef davon in Kenntnis gesetzt hatte, Andersen habe im Fall Enron eine Vorladung der Börsenaufsicht erhalten.

Nach Andersens Darstellung hat Duncan die Situation völlig falsch eingeschätzt, als er im Oktober und November 2001 die Dokumente vernichten ließ. Andersen weist Vorwürfe zurück, die Unternehmensführung selbst habe die Zerstörung angeordnet. Doch sowohl Duncan als auch Michael Odom, der in Andersens Houstoner Büro für das Risikomanagement verantwortlich war, haben vor einem Ausschuss des US-Kongresses nach Angaben des "Wall Street Journal" ausgesagt, die Andersen-Zentrale habe nie zuvor ein Erinnerungsschreiben zum Umgang mit Dokumenten versandt. Duncan habe laut "Wall Street Journal" angedeutet, er habe das Schreiben als Aufforderung verstanden, im Fall Enron reinen Tisch zu machen.

Andersen weist auch dies zurück. Das Mail sei lediglich als Erinnerung an eine bereits seit langem bestehende Politik im Umgang mit Dokumenten gedacht gewesen. Joseph Berardino, der Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, sagte, die Juristin Temple habe den Kollegen in Houston das Mail geschickt, weil "Buchhalter Packratten sind ... Wir heben eine Menge Zeug auf, dass nicht relevant ist."

Von Thomas Hillenbrand



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