Erbstreit im Verlag Friede Springer droht die Entmachtung

Spektakulärer Prozess um die Machtverteilung im Axel Springer Verlag: Ein Hamburger Gericht verhandelt über den letzten Willen des Verlagsgründers. Dessen Witwe Friede Springer muss bangen - sie könnte ihre dominierende Rolle in der Familienholding endgültig verlieren.

Von Patricia Döhle und Andreas Nölting


Hamburg - Im Gebäude des Oberlandesgerichts am Hamburger Sievekingplatz herrscht gähnende Leere, als die beteiligten Parteien eintreffen. Der Fall "Springer gegen Springer" (Aktenzeichen 2U 35/04) ist eine von nur zwei Verhandlungen, die für den 19. November angesetzt sind.

Verlegerwitwe Springer: Unbemerkt von der Öffentlichkeit schon viel Macht verloren
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Verlegerwitwe Springer: Unbemerkt von der Öffentlichkeit schon viel Macht verloren

Friede Springer fährt im Taxi vor. Es ist windig. Schnell bürstet sie sich vor dem Eintreten noch die kurzen, grau-blonden Haare. Bernhard Servatius beobachtet sie.

Springers Witwe und Servatius, 75, der erst als Vertrauter, später als Testamentsvollstrecker des verstorbenen Verlegers 25 Jahre lang die Geschicke des Springer-Verlags bestimmte, pflegen ein äußerst distanziertes Verhältnis. Immerhin: Für eine Begrüßung mit Küsschen vor dem Verhandlungsraum reicht es gerade noch.

In ihrer Biografie hat Friede Springer, 65, ihren einstigen Verbündeten quasi hingerichtet. "Sie war sich sicher, dass er nicht nur das Wohl des Springer'schen Nachlasses im Kopf hatte, sondern vor allem auch sein eigenes", beschreibt Springer-Biografin Inge Kloepfer die Gefühle der Witwe Axel Springers.

Jetzt rücken sie unfreiwillig wieder zusammen, Friede und "Serva", wie Servatius im Verlag bis heute genannt wird. Ein gemeinsamer Gegner, den sie schon abgeschüttelt glaubten, zwingt sie in die zweite Instanz eines Prozesses, den sie nur gemeinsam gewinnen können, wenn überhaupt: Es ist Axel Sven Springer, 41, Lieblingsenkel des "Bild"-Erfinders, der sich von Friede Springer und Servatius unrechtmäßig um den Großteil seines Erbes gebracht sieht und seit Jahren vehement mit der Witwe um die Macht bei Springer ringt.

Was bislang nur wenige wissen: Er hat ihr die Macht im Zuge zweier Schiedsgerichtsverfahren längst in wesentlichen Teilen genommen. In der zweiten Instanz des Zivilprozesses, in dem jetzt vor dem Hamburger Oberlandesgericht erstmals seit Beginn der Auseinandersetzung Servatius, Friede Springer und andere an dem Erbstreit Beteiligte vernommen wurden, geht es denn auch um viel mehr als nur die Macht in Europas größtem Verlagshaus.

Anteilsverteilung der Familienholding Springer
manager-magazin.de

Anteilsverteilung der Familienholding Springer

Friede, das ehemalige Kindermädchen, das dank der Erbschaft zur Grande Dame der deutschen Medienwelt avancierte, könnte alles verlieren - ihre Springer-Anteile, ihr gesamtes Vermögen. Axel Sven, genannt "Aggi", und seine Schwester Ariane könnten zu den dominierenden Aktionären bei Springer aufsteigen. Im Falle von Pensionär Servatius stehen immerhin Ruf und Status auf dem Spiel - für einen Mann wie "Serva", dem Eitelkeit und Machtverliebtheit nachgesagt werden, nicht minder schlimm als für Friede der drohende Verlust des Erbes, das seit dem Tod ihres Mannes ihr wichtigster Lebensinhalt ist.

Beide, Springer und Servatius, wissen wohl, dass sie den Prozess nur gewinnen können, wenn sie zusammenhalten. Die Witwe und der Jurist sind nämlich die einzigen Zeugen einer Unterredung mit dem schon todkranken Springer Anfang September 1985, in der er angeblich den Wunsch geäußert haben soll, sein bestehendes Testament zu ändern - im Wesentlichen zugunsten von Friede und zulasten seines Enkels.



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