Erdbeerplantage Bayerischer Bauer hielt 118 Rumänen wie Sklaven

Hunger, Hitze - und ein Stundenlohn von einem Euro: Ein Landwirt im bayerischen Donauwörth soll 118 Rumänen wie Sklaven gehalten haben. Augenzeugen sprechen von Zuständen wie in einem afrikanischen Flüchtlingslager.


Oberndorf - Als die Fahnder die Erdbeerplantage bei Donauwörth betraten, trauten sie ihren Augen nicht. "Menschenunwürdige Zustände", so beschreiben sie das, was sie vorfanden. Bis nach Mitternacht begutachteten gestern Abend Beamte der Finanzkontrolle Schwarzarbeit die Wohncontainer der rumänischen Erntehelfer.

Wohncontainer der rumänischen Arbeiter: Durchsuchungen bis nach Mitternacht
DPA

Wohncontainer der rumänischen Arbeiter: Durchsuchungen bis nach Mitternacht

Auch die Privaträume des Erdbeerplantagen-Besitzers in der Nähe der nordschwäbischen Stadt Harburg durchsuchten sie. Der schreckliche Verdacht: Der Mann soll zeitweise 118 Rumänen unter schlimmsten Bedingungen beschäftigt und Stundenlöhne von nur einem Euro gezahlt haben. Vergleichbare Fälle waren zuletzt vor allem in China bekannt geworden.

Besonders pikant: Der Verdächtige war früher selbst Polizist. Das bestätigte ein Sprecher des Polizeipräsidiums. "Der Mann ist seit 2003 ohne Bezüge im Erziehungsurlaub, trotzdem ist er Beamter und daher haben wir disziplinarrechtliche Ermittlungen eingeleitet."

Derzeit versuchen Zollbeamte, den Verdächtigen zu finden, um ihn zur Sache zu vernehmen. Bereits im August 2006 war er zu einer Geldstrafe wegen Verstoßes gegen das Schwarzarbeitsgesetz verurteilt worden. Im aktuellen Fall werde wegen "Verdachts des Menschenhandels zur Ausbeutung von Arbeitskräften" sowie wegen des Verdachts auf Lohnwucher und Schwarzarbeit ermittelt, sagte ein Sprecher der Augsburger Staatsanwaltschaft.

Nach bisherigem Ermittlungsstand sollen die rumänischen Arbeiter in überhitzten Containern untergebracht worden sein. Offenbar hatte der Plantagenbesitzer die Container von einem ehemaligen Asyllager bei Lagerlechfeld erworben. Auf nur neun Quadratmetern Fläche sollen dort bis zu vier Arbeiter zusammengepfercht worden sein. Augenzeugen sprechen von Zuständen "wie in einem afrikanischen Flüchtlingslager".

Hilfe von den Dorfbewohnern

Tätig wurden die Behörden allerdings erst, als Anwohner aus der Gemeinde Oberndorf aktiv geworden waren. "Die Menschen haben gesehen, dass die Rumänen Hunger hatten, und haben von Bäckereien übriges Brot und jede Menge Joghurt besorgt", berichtet die Grünen-Kreisrätin Marianne Ach. Auch sie spricht von unwürdigen Lebensbedingungen und "fürchterlichen Zuständen" in dem Containerdorf neben der Erdbeerplantage. Sie selbst fuhr einige der Arbeiter zu einem Reisebus nach Augsburg, von wo aus sie die Rückreise nach Rumänien antreten konnten. Was mit den noch verbliebenen gut 50 Erntehelfern passiert, ist bislang ungeklärt.

Laut Hauptzollamt Augsburg sind die Erntehelfer von einem württembergischen Agenten angeheuert und zu der Plantage bei Rain am Lech in der Nähe von Donauwörth vermittelt worden. Sie sollen einen Stundenlohn von 1,00 Euro bis 1,20 Euro bekommen haben, der sich nach der gepflückten Menge errechnete.

"Sie müssen sich mal vorstellen, wie das gelaufen ist. Die wurden quasi zur Nachlese auf die Felder geschickt, wenn zuvor die polnischen Erntehelfer schon beim Pflücken draußen waren", sagt ein Sprecher des Hauptzollamts. So hätten die Rumänen nur wenige Erdbeeren pflücken können, und das, obwohl sie täglich bis zu dreizehn Stunden arbeiten mussten.

Mehrmals gab es auf der Erdbeerplantage bereits Kontrollen durch die Polizei und das Landratsamt Donau-Ries. Trotzdem wurden die Erntehelfer weiterhin in den überhitzten Containern untergebracht. Warum die Behörden nicht eher aktiv wurden, ist bisher unklar.

wal/ddp



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