Erdgas-Sperre gegen Ukraine Deutsche Gasversorger geben sich sorglos

Russlands Gas-Blockade gegen die Ukraine betrifft deutsche Verbraucher nicht, sagen die hiesigen Versorgungsunternehmen. Es gebe genug Reserven, ungestörte Lieferungen seien zu erwarten. Die Minister Glos und Steinmeier mahnen die Einhaltung von Zusagen an.


Moskau/Kiew - Der Streit ums Erdgas zwischen der Ukraine und Russland braucht deutsche Verbraucher nicht in Sorge zu versetzen, versichern deutsche Versorgungsunternehmen. Russlands Gasmonopolist Gasprom Chart zeigen, der Deutschland und die EU beliefert, hat in einer komplizierten Auseinandersetzung um Schulden und neue Gaspreise nur die Lieferungen für die Ukraine gestoppt. Die Versorgung Westeuropas lief am Neujahrstag ungehindert weiter. Probleme wie beim Streit vor drei Jahren waren zunächst nicht in Sicht. Außerdem sind die Gasspeicher gut gefüllt, wie deutsche Versorger versichern.

Gas-Pipeline bei Kiew: Versorgung Deutschlands gesichert
AFP

Gas-Pipeline bei Kiew: Versorgung Deutschlands gesichert

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) betonte, die Gasversorgung in Deutschland sei trotz des Streits gewährleistet. Er gehe davon aus, dass die im Vorfeld gegebenen Zusagen eingehalten und die Gaslieferungen an Europa zuverlässig vorgenommen würden. Die Europäische Union forderte beide Seiten auf, ungeachtet ihres Gasstreits ihre Lieferverpflichtungen gegenüber Europa einzuhalten.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat seine Kollegen aus Russland und der Ukraine telefonisch aufgefordert, im Gasstreit "intensiv und konstruktiv nach einer Einigung zu suchen". Steinmeier mahnte, dass es nach den bisher bekannten Fakten möglich sein müsste, eine Lösung zu finden, die den Interessen beider Seiten gerecht werde. Auch Steinmeier sagte seinen beiden Kollegen, er erwarte, dass beide Länder ihren Liefer- und Transitverpflichtungen nach Europa nachkommen.

Bisher sehen Experten angesichts des milden Winters keine Gefahr, dass hierzulande jemand wegen des Konfliktes frieren muss. Hinzu kommt, dass die Industrie ihre Produktion wegen der Finanzkrise zurückgefahren hat und deshalb weniger Energie verbraucht. "Selbst bei einer fortdauernden Auseinandersetzung wird es nicht zu Liefereinschränkungen für Haushalte und Endverbraucher kommen", teilte der Vorstandschef der E.ON Ruhrgas AG, Bernhard Reutersberg, in Essen mit.

Juschtschenko stellt Einigung in Aussicht

Gasprom werde seine Lieferungen an Kunden in Europa fortsetzen, versicherte Unternehmenschef Alexej Miller. Auch der ukrainische Energie-Beauftragte Bogdan Sokolowski bekräftigte, Europa werde sämtliches Gas erhalten, das aus Russland geliefert werde.

Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko ist der Meinung, ein Kompromiss sei bereits zum Greifen nah. Die Verhandlungen könnten noch ein oder zwei Tage dauern, erklärte Juschtschenko am heutigen Donnerstag in Kiew. Sie sollten aber noch vor dem orthodoxen Weihnachtsfest am Mittwoch zu Ende sein.

Russland hatte am Donnerstagmorgen die Gaslieferungen an die Ukraine gestoppt und damit auch neue Sorgen über die Verlässlichkeit seiner Energielieferungen nach Europa geweckt. Der Konflikt spielt sich bisher vor allem auf einer politischen Ebene zwischen der Ukraine und Russland ab. Der kremlnahe Politologe Gleb Pawlowski sieht den neuen "Gaskrieg" als Folge der dauerhaft gespannten Beziehungen zwischen Moskau und Kiew. Während Russland den Gaspreis im Vergleich zu 2008 um fast 70 auf 250 Dollar je 1000 Kubikmeter Gas in diesem Jahr erhöhen will, mag die finanziell extrem angeschlagene Ukraine nur 201 Dollar zahlen. Der schwächelnde Ölpreis, an den der Gaspreis gekoppelt ist, stärkt zumindest derzeit die Position Kiews, das traditionell weniger als der Westen zahlt. Der ukrainische Versorger Naftogaz erklärte, er verfüge über ausreichend Reserven, um die Bevölkerung bis Anfang April zu versorgen.

Gas als politisches Druckmittel

Zwar pries der russische Regierungschef Wladimir Putin im Staatsfernsehen - mit erleuchtetem Weihnachtsbaum im Bild - Moskaus Angebot als humanitären Sonderpreis für das "Brudervolk". Kritiker werfen ihm allerdings immer wieder vor, das Gas als politisches Druckmittel oder gar als Waffe zu missbrauchen. Russland hat in der Ukraine handfeste Interessen. Moskau störte sich zuletzt an der "antirussischen Politik" des prowestlichen Präsidenten Viktor Juschtschenko. Nicht nur, dass Juschtschenko gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung in die NATO strebt. Der auch im eigenen Land zunehmend unbeliebte Staatschef reizte den großen Nachbarn auch mit Plänen, die russische Schwarzmeerflotte von der Halbinsel Krim zu verbannen und die russische Sprache zurückzudrängen.

In der russischen Bevölkerung herrscht seit langem Unmut über Kiews Politik. Als am Neujahrstag nicht gleich - wie angedroht - punkt 8.00 Uhr deutscher Zeit klar war, ob der Gashahn für die Ukraine abgedreht war, zählten Reporter in den Medien jede Minute, in der das Gas "kostenlos" zum Nachbarn strömte. Für "Geschenke" dieser Art fehlt den Russen, die zunehmend unter Finanzkrise leiden, das Verständnis.

Erstmals seit zehn Jahren droht dem lange vor Wirtschaftskraft nur so strotzenden Land 2009 ein Milliardendefizit.

Mit Erleichterung nahm Moskau deshalb noch am Silvestertag auf, dass die Ukraine zumindest den Großteil der Milliardenschulden für die letzten Gaslieferungen von 2008 beglichen hatte. Nach Angaben Gasproms zahlte die Urkainische Naftogas von einer Schuld von 1,6 Milliarden Dollar nur 1,5 Milliarden zurück. Außerdem stehe eine Strafe in Höhe von 450 Millionen Dollar wegen verspäteter Bezahlung der Lieferungen der vergangenen zwei Monate aus.

Gasprom sei zur Unterzeichnung der neuen Verträge zu jeder Zeit bereit, betonte Konzernsprecher Sergej Kuprijanow. Glaubt man Kremlchef Dmitri Medwedew dürften die weiteren Verhandlungen aber vor allem durch die internen Machtkämpfe der zerstrittenen Führung in der Ukraine behindert werden.

Laut russischen Medien soll Juschtschenko am Mittwoch die Reise von Regierungschefin Julia Timoschenko zu Verhandlungen nach Moskau verhindert haben. In der Ukraine steht in gut einem Jahr die nächste Präsidentenwahl an. Experten in Kiew erwarten, dass sowohl Juschtschenko als auch Timoschenko den Streit mit Russland beenden wollen, um ihre Wahlchancen zu verbessern. Moskau machte keinen Hehl daraus, dass der adretten Politikerin mit dem markanten Haarkranz die Gunst der Stunde gehört.

cis/dpa/AFP/AP



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