Erdöl: Opec-Präsident deutet Förderkürzungen an

Der Preis für Rohöl der Opec verfällt immer weiter. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Opec-Präsident José Maria Botelho de Vasconcelos, wie die Organisation dagegen halten will und welchen Preis er für angemessen hält.

SPIEGEL ONLINE: Die Opec-Mitglieder haben im vergangenen Dezember die Produktion um täglich vier Millionen Barrel gedrosselt, um den Ölpreis zu stabilisieren. Passiert ist seither wenig, der Preis liegt immer noch bei 40 bis 45 Dollar pro Barrel. War es dennoch die richtige Entscheidung?

De Vasconcelos: Der Preis ist immer noch niedrig, das stimmt. Aber im Dezember lag er bei 40,3 Dollar, seither ist er leicht gestiegen. Unser Ziel, das wir erreichen wollen, ist ein Barrel-Preis von etwa 75 Dollar. Ich gebe zu, das wird eine ziemliche Herausforderung in diesem Jahr. Die globale Krise ist keine gute Voraussetzung, um das Gefüge wieder auszubalancieren.

SPIEGEL ONLINE : Haben Sie überhaupt noch eine Kontrolle über den Preis?

De Vasconcelos: Ich glaube schon. Wenn es nötig sein sollte, werden wir bei unserer Sitzung Mitte März noch einmal eine Förderkürzung beschließen.

SPIEGEL ONLINE : Können Sie erklären, was im vergangenen Jahr passierte, als der Preis auf über 140 Dollar emporschoss?

De Vasconcelos: .... auf 147 Dollar.

SPIEGEL ONLINE : ... um danach im Spätherbst auf unter 40 Dollar zu fallen.

De Vasconcelos: Der Markt spielte verrückt, weil alle die große Krise kommen sahen. Ich vermute, dass auch Spekulationen eine große Rolle gespielt haben, Wall-Street-Spekulationen.

SPIEGEL ONLINE : Wer waren die Spekulanten?

De Vasconcelos: Bekanntlich begann die Krise in den USA. Und dort gibt es die größten Hedgefonds.

SPIEGEL ONLINE : Aber die ölproduzierenden Staaten haben von den hohen Preisen ja auch profitiert.

De Vasconcelos: Für eine kurze Zeit schon. Aber wir brauchen auch ein finanzielles Polster. Angola zum Beispiel fördert überwiegend offshore, inzwischen in einer Tiefe von bis zu 1400 Metern unter dem Meeresspiegel. In dieser Tiefe zu bohren, kostet eine Menge Geld. Wir müssen neue Vorkommen erschließen, und wir müssen darauf achten, Förderung und Reserven einigermaßen auszubalancieren.

SPIEGEL ONLINE : Aber Sie räumen ein, dass 147 Dollar pro Barrel kein marktgerechter Preis sind?

De Vasconcelos: Das ist kein Marktpreis. Wenn Sie sich erinnern, hat die Opec damals versucht, die Förderung zu erhöhen, um so den Preis zu senken. Das ist ja eben die Aufgabe der Opec, manchmal die Förderung zu drosseln, ein anderes Mal sie wieder zu erhöhen.

SPIEGEL ONLINE : Wie stellt die Opec den inneren Konsens unter ihren zwölf Mitgliedern her?

De Vasconcelos: Jedes Land ist zunächst mal souverän, aber nach den Statuten der Opec sind wir Mitglieder der Vereinigung, und alle Mitglieder haben sich den Statuten zu unterwerfen. Natürlich gibt es bisweilen Meinungsunterschiede, aber die Entscheidungen fallen üblicherweise im Konsens.

SPIEGEL ONLINE : Alles passiert immer einstimmig?

De Vasconcelos: Nicht auf dem Weg zum Ergebnis. Da gibt es sehr wohl Meinungsunterschiede, auch außerhalb unserer Treffen. Aber die Beschlüsse sind in der Regel einheitlich.

SPIEGEL ONLINE : Derzeit liegt der Ölpreis bei knapp 45 Dollar. Was bedeutet ein solcher Preis für den Haushalt Angolas, der zu 85 Prozent aus Öleinnahmen finanziert wird?

De Vasconcelos: Unser Haushaltsentwurf beruht auf einem Durchschnittspreis von 55 Dollar. Unser Land befindet sich im Wiederaufbau, wir haben eine Menge Projekte. Wenn der Preis so niedrig bleibt, müssen wir den Haushalt anpassen. Wir denken im Moment darüber nach, vielleicht wird es im zweiten Quartal auch tatsächlich so weit kommen. Jetzt warten wir noch ab, spätestens Ende März sehen wir wohl eine Richtung ab. Außerdem wird das Opec-Treffen in Wien am kommenden Wochenende sicher eine Rolle spielen.

SPIEGEL ONLINE : Wie lange noch wird das Öl eine dominierende Rolle in Angola innehaben?

De Vasconcelos: Wir versuchen jetzt auch das Gas zu gewinnen, das bei der Ölförderung frei wird. Bisher wurde es überwiegend abgefackelt. Damit erhöhen wir unsere Einnahmen und können die Infrastrukturprojekte in unserem Land finanzieren.

SPIEGEL: Vor allem im Tiefseebereich sind vor Angolas Küste noch längst nicht alle Vorkommen erforscht. Werden Öl und Gas die nächsten 30 Jahre Ihre Haupteinnahmequelle bleiben?

De Vasconcelos: Sie sind eine große Hilfe, aber es wird nicht 30 Jahre lang andauern. Wir müssen bis dahin unsere Wirtschaft diversifizieren, unsere soziale Infrastruktur, Krankenhäuser, Schulen und Straßen gebaut haben. Und wir müssen jedes Jahr ein bisschen mehr umbauen. Wir haben fruchtbare Böden, Kupfer, Gold, Diamanten, Wasserenergie - das Potential für die Zeit nach dem Öl ist da.

SPIEGEL ONLINE : Angola war jahrzehntelang ein sozialistisch regiertes Land. Davon ist nicht viel geblieben ...

De Vasconcelos: Wir leben in einer Welt der Veränderungen. Wir haben in Angola einen freien Markt mit einer starken sozialen Komponente eingeführt. Manchmal muss der Staat immer noch intervenieren und auf gewisse Abläufe und Prozesse achten. Das müssen wir austarieren. Ein vollkommen freier Markt wäre nicht gut.

SPIEGEL ONLINE : Das heißt, der Staat soll wieder mehr eingreifen?

De Vasconcelos: Ach, sehen Sie, unser Markt ist ja schon sehr offen. Jeder kann bei uns doch inzwischen alles machen. Wenn der Staat das an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mit Regeln versieht, habe ich nichts dagegen.

Das Interview führte Horand Knaup

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